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Gangsterfilm

Guy Ritchie kehrt mit „The Gentlemen“ zum britischen Gangsterfilm zurück

Herrschaft der Hackfressen: Autor, Produzent und Regisseur Guy Ritchie kehrt mit „The Gentlemen“ endlich zu seinem ureigenen Genre zurück: dem britischen Gangsterfilm. Eine exzellente Entscheidung

The Gentlemen, Foto: Universum Filmverleih

Guy Ritchie – von bösen Zungen ob seiner gescheiterten Ehe mit Frau Ciccone immer noch gerne etwas despektierlich Mister Madonna genannt – dreht Jungensfilme. Schon immer. Das heißt nicht, dass er frauenfeindlich wäre, Ritchies weibliche Hauptfiguren sind meistens hübscher, cleverer, cooler als seine nur auf Macht und Geld bedachten männlichen Hackfressen. Aber es sind nun mal eben nicht die klugen Frauen, die diese Welt beherrschen, sondern die Testosteronbomben. Guy Ritchies bewährte  Markenzeichen: ein staubtrockener Humor, immer-auf-die-12-Gewaltszenen, coole Sprüche und gotteslästerliche Flüche, eine sehr eigene Gruppe von Haupt- und Nebendarstellern (die alle auch privat miteinander abhängen) und eine so rasante Erzählweise, dass man seine Filme oft mehrfach sehen muss (oder kann). Dazu kommt eine tiefe Verankerung im proletarisch angehauchten, britischen Gangsterfilm und eine ätzende Kritik am etablierten Klassensystem der Insel.

So nun auch in „The Gentlemen“: Michael „Mickey“ Pearson (Matthew McConaughey) ist ein Entrepeneur der ganz besonderen Art: Über die Jahre ist der ehemalige Botanik-Student der Elite-Universität Oxford zum größten Marihuana-Dealer Großbritanniens geworden, der auch erhebliche Mengen des Stoffs nach Europa exportiert. Seine geniale Idee: Er hat seine akribisch wissenschaftlich angelegten Plantagen dezentral im ganzen Land verteilt und zahlt dafür an die chronisch klammen Landadligen Britanniens erkleckliche Summen. Doch jetzt ist der Exil-Amerikaner müde geworden, er will aussteigen, Quality-Time mit seiner Frau (Michelle Dockery) verbringen, die illegal verdienten Millionen legal anliegen und die Früchte seiner Arbeit genießen. Der Milliardär Matthew Berger (Jeremy Strong) will ihm diese Wünsche ermöglichen und Mickeys Imperium für stolze 400 Millionen Dollar kaufen. Doch auch der Triaden-Führer Lord George und sein ehrgeiziger Unterführer Dry Eye wären an dem Geschäft interessiert – nur halt nicht zu diesem Preis.

Die Früchte der Arbeit

Doch Mickey hat auch außerhalb des Business mächtige Gegner, gerade hat er den Pressezar Big Dave (Eddie Marsden) tödlich beleidigt. Dave engagiert den schmierigen Privatdetektiv Fletcher (fett, eklig, unreine Haut: Hugh Grant), und der sieht eine glänzende Gelegenheit, mehr Geld zu verdienen: Er präsentiert seine Recherchen auch Mickeys rechter Hand, dem coolen Rechtsanwalt und Killer Ray (Charlie Hunman).

Und dann überfällt auch noch eine Rap-Posse eine von Mickeys Plantagen und stellt ihren Erfolg viral ins Netz. Ray und Mickey können das nicht dulden, sie zwingen den Anführer der Posse, den Boxtrainer Coach (Colin Farrell) dazu, ihnen drei Gefallen zu erfüllen. Und spätestens an dieser Stelle läuft so ziemlich alles an dieser merkwürdigen Geschichte aus dem Ruder.

Das ureigenste Thema

In den letzten zwölf Jahren hatte Guy Ritchie seinen kinematografischen Spielplatz etwas erweitert, drehte zwei recht unterhaltsame „Sherlock Holmes“-Filme (die Kinoversionen mit Robert Downey Jr., nicht die BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch), eine Handvoll grandioser Werbespots („Nike Evolution“, „BMW: Star“, „Nespresso – What else?“), holte die alte 60er-Jahre-Kalter-Kriegs-TV-Serie „Codename U.N.C.L.E.“ ins Kino (gar kein schlechter Film, nur etwas lang und kompliziert), verfilmte die „King Arthur“-Legende so, als wäre sie ein britischer Gangsterfilm (nur halt total politisch-korrekt mit afrikanischen und asiatischen Adligen) und erledigte mit dem Real-Remake von „Aladdin“ eine routinierte, aber komplett uninspirierte Disney-Auftragsarbeit.

Mit „The Gentlemen“ kehrt der eingefleischte Arsenal-London-Fan nun nicht nur zu seinem ureigensten Thema und der bewährt-rasanten Erzählweise zurück, er hat auch seinen besten Film seit mindestens 20 Jahren gemacht. Lediglich das eigene Meisterwerk „Snatch – Schweine und Diamanten“ steht ihm da noch im Weg.

Der eine kann’s tragen, der andere nicht: Colin Farrell als Boxtrainer Coach, Foto: Universum Filmverleih

In britischen Pubs wird ja heute noch darüber diskutiert, ob nun Ritchies Erstling „Lock, Stock and Two Smoking Barrels“ oder „Snatch“ eine tour de force für Brad Pitt als nuschelnder Bare-Nuckle-Fighter und Dennis Farina als Buster-Keaton-Imitat, der bessere Film sei. Auch „The Gentlemen“ bietet neben dem Ami Matthew McConaughey gleich zwei Schauspiel-Heroen von den Britischen Inseln: Hugh Grant hat sichtlich Spaß, komplett gegen das eigene Image zu spielen und reizt seinen seifigen Detektiv Fletcher richtig aus. Und Colin Farrell guckt als Coach die ganze Zeit über so traurig aus seinem unfassbar teuren und hässlichen Trainingsanzug, als würde er an der Blödheit dieser Welt schier verzweifeln. Alleine schon wegen der beiden – und ihren bizarren britischen Cockney-Dialekten – lohnt es sich, „The Gentlemen“ im englischen Original zu schauen.

Das Ganze macht einfach viel Spaß, zumal dies hier mal wieder ein Film ist, der eine eigene Geschichte hat, kein Remake- oder Sequel-Ereignis ist. Da sieht man dann gerne über die kleinen Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten hinweg, wenn man dafür als Ausgleich so einen Knallerschluss bekommt.

The Gentlemen GB/USA 2019, 113 Min., R: Guy Ritchie; D: Matthew McConaughey, Hugh Grant, Charlie Hunman, Michelle Dockery, Start: 27.2.

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