Interview

Jazzfest 2020: Silke Eberhard im Gespräch über Jazz, New York und Corona

Auch beim Jazzfest 2020, dem wichtigsten Jazzfestival des Jahres, ist wegen Corona alles anders. Viele Konzerte werden gestreamt oder sind im Radio zu hören, ein digitales „On Demand“-Angebot steht zum Abruf bereit und in Auftrag gegebene multimediale Performances ergänzen das Programm.

Silke Eberhard mit ihrer Formation Potsa Lotsa XL. Foto: Ruth Hommelsheim

Ursprünglich waren im Silent Green in Wedding auch Live-Konzerte geplant, im Rahmen des „Berlin – New York“-Schwerpunkts sollte dort auch die Berliner Musikerin Silke Eberhard mit ihrer Formation Potsa Lotsa XL auftreten. Im Vorfeld des Jazzfest 2020 sprachen wir mit der Gewinnerin des diesjährigen Berliner Jazzpreises über das Festival, Jazz und die Corona-Maßnahmen und die kulturelle Brücke zwischen Berlin und New York.

tipBerlin Frau Eberhard, hat es Sie überrascht, dass das Jazzfest angesichts der Corona-Situation überhaupt stattfinden wird?

Silke Eberhard Nein, eigentlich nicht. Als Nadin Deventer und ich darüber gesprochen haben, war es Sommer. Die Fallzahlen gingen zurück und es ging langsam wieder los mit Konzerten. Natürlich war klar, dass wir vor weniger Publikum spielen werden, und nun gibt es ja die Lösung mit dem zusätzlichen Stream von Arte Concert. Ich habe dieses Jahr auch beim Moers-Festival gespielt, das ja schlussendlich als komplettes virtuelles Festival stattgefunden hat, ebenfalls mit Arte Concert im Boot.

„Das nenne ich echte Improvisation!“

tipBerlin Und diese Lösung funktioniert für Sie als Musikerin?

Silke Eberhard Dieser Plan B ist aufgegangen, und mir war klar, dass man solche Möglichkeiten auch zukünftig in Betracht ziehen kann. Das Jazzfest Berlin hat eine so lange und wichtige Tradition, es wäre kein gutes Zeichen gewesen, es ausfallen zu lassen, diese Option kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Bewundernswert ist, wie das Jazzfest-Team in der Planung bis zur letzten Minute mit dieser unsicheren Situation umgegangen ist, das nenne ich echte Improvisation!

Potsa Lotsa XL live im Musikinstrumentenmuseum, Juni 2018

tipBerlin Wie war die Situation insgesamt – wirtschaftlich und künstlerisch – für Sie als Musikerin angesichts von Corona und den Konsequenzen?

Silke Eberhard Für mich persönlich sah das Jahr, dank des Jazzpreis Berlin den ich im August entgegennehmen durfte und der ja auch dotiert ist, nicht ganz so schlecht aus. Dennoch ist mir natürlich auch, wie eigentlich allen meiner MusikerkollegInnen, zunächst alles weggebrochen. März und April wären meine auftrittsstärksten Monate in diesem Jahr gewesen, ich glaube es waren um die 25 Konzerte und Produktionen, die nicht stattfinden konnten, mit zum Teil langer Planung im Vorfeld. Ob diese nachgeholt werden, steht zum Teil in den Sternen.

„Im schlimmsten Fall gibt es den Club gar nicht mehr“

tipBerlin Sieht es jetzt besser aus?

Silke Eberhard Auch jetzt noch, im Herbst, hätte es eine lang feststehende Finnland-Tournee mit meinem Projekt „I Am Three“ gegeben, die abgesagt wurde. Diese Situation wirkt sich natürlich auch auf das kommende Jahr aus und zieht eine riesige Bugwelle hinter sich her. Im Moment traue ich mich kaum, bei einem Club eine Booking-Anfrage zu stellen.

Viele holen, wenn möglich, ausgefallene Konzerte von diesem Jahr im nächsten Jahr nach, und dann ist das Jahr auch schon wieder voll, oder im schlimmsten Fall gibt es den Club gar nicht mehr. Man weiß nicht, wie viele KünstlerInnen und Clubs die Krise durchstehen werden, die Soforthilfen und Förderungen von Bund und Ländern sind an dieser Stelle ungemein wichtig, um unsere Jazz-Kultur am Leben zu erhalten. 

tipBerlin Das diesjährige Jazzfest setzte einen Schwerpunkt auf die Verbindung Berlin-New York, wie reflektieren Sie diese kulturelle Brücke?

Silke Eberhard Der kulturelle Austausch Berlin-New York hat insbesondere auch im Zusammenhang mit dem Jazzfest Berlin eine lange und wichtige Historie. Das Who ist Who des Jazz hat in Berlin gespielt, für manche war das Festival auch ein Startpunkt in ihrer Karriere. Die New Yorker Künstler können nun diesmal zwar nicht anreisen, werden aber – und zwar im Wechsel oder „Tandem“ mit den Bands, die in Berlin auftreten – aus dem Roulette in New York im Live-Stream spielen.

Die New Yorker Saxophonistin Lakecia Benjamin wird beim Jazzfest 2020 nur im Stream zu sehen sein. Foto: Elisabeth Leitzell

tipBerlin Man wird sich also nicht begegnen und die New Yorker kommen nicht nach berlin.

Silke Eberhard Richtig. Das heißt wir spielen in Berlin, die New Yorker in New York. Ich finde diese Lösung gut, es wäre furchtbar, wenn die KünstlerInnen aus den USA nicht dabei wären. Insbesondere angesichts der dortigen momentan schwierigen Situation wäre das kein gutes Signal, das hat mit Community und Solidarität zu tun, auch das macht den Jazz aus. 

„Eigentlich kann man viele neue Ideen aus dieser Krise generieren“

tipBerlin Wie sehen Sie die Zukunft des Jazz in der Corona-Ära? 

Silke Eberhard Immerhin kann man durch Möglichkeiten wie Streaming ein Publikum in der ganzen Welt erreichen, das hat auch Potential. Aber es kann das Konzert mit echtem Publikum einfach nicht ersetzen. Ich denke, dass wir einige Zeit Abstand halten müssen, also mit weniger Publikum Konzerte machen und Konzerte zusätzlich streamen werden. Vielleicht findet man ja zukünftig auch neue Formate, 3D, 4D .. wer weiß. Aber als hoffnungslose Optimistin glaube ich, dass es im Frühjahr einen Impfstoff geben wird, und wir peu a peu wieder zu einer Normalität zurückkehren können.

tipBerlin Werden wir etwas aus der Krise lernen?

Silke Eberhard Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, nachhaltiger zu werden. Das gilt auch für Jazz-Tourneen – man wird ja manchmal zu einem Festival eingeflogen und am nächsten Tag zurück. Das ist doch bescheuert. Oft sehen wir nur das Hotel und den Venue, aber man kann sagen, man war in Timbuktu gewesen oder sonst irgendwo.

Es wäre sinnvoller wenn Veranstalter und Musiker sich besser vernetzen und organisieren würden und dadurch nachhaltige Konzert-Touren mit echten Begegnungen stattfinden könnten. Eine Band mal eine Woche an einem Ort spielen und arbeiten lassen, wie Residencies, mit Kontakt zu Land und Leuten, anstatt alles an einem Tag abzufrühstücken. Eigentlich kann man viele neue Ideen aus dieser Krise generieren.

Jazzfest Berlin 2020

Vom 5. bis 8. November. Live-Streams, digitales Angebot und Infos zum Radioprogramm siehe www.berlinerfestspiele.de


12 Dinge, die man über David Bowie in Berlin wissen sollte und 12 Dinge, die man über Nick Cave in Berlin wissen sollte. Außerdem haben wir eine Liste mit den 12 wichtigsten Berliner Bands zusammengestellt. Hier hat die Musik ihren Platz: Berlins beste Jazz-Clubs.

Statt Konzerten einfach mal Besinnung: An diesen Orten seid ihr in Berlin (fast) ganz allein. Und wer unterwegs war und nun ein bisschen frische Luft braucht, kann ja einen schönen Waldspaziergang machen.

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