Platten im Test

Alben der Woche: Bright Eyes mit Dudelsack und Emo-Achterbahn mit Troye Sivan

Lässt treue und treulose Herzen schneller schlagen: Troye Sivan. Foto: Danielle DeGrasse-Alston

Diese Woche haben wir den perfekten Mix aus Vintage und Future gefunden: Tkay Maidza und Kamaal Williams zeigen uns, wo Pop und Jazz 2020 hinkönnen und sollen. The Lemon Twigs hingegen wissen, wie spicy auch ein Retro-Trip sein kann: einmal Seventies-Zeitmaschine mit alles und scharf, bitte, liefern uns die beiden jungen Bros aus Long Island. Wer kiffend vor der Zivilisation fliehen will, darf mit den Kojoten von My Morning Jacket heulen. Und dann ist da auch noch dieser tanzbare Noise-Punk von Sneaks. Und der wichtigste schwule Popstar der Gegenwart, dem alle treu bleiben wollen, nur sein Ex nicht: Troye Sivan. Aber was um alles in der Welt wollen uns die Bright Eyes mit diesem Dudelsack sagen?


Troye Sivan: „In A Dream (EP)“ (Capitol / Universal)

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Pop Was muss das für ein Sommer sein: Die Welt hat längst verstanden, dass du nicht einfach der süße Wonder-Clickboy von Youtube bist, sondern dass du zum ernstzunehmenden Songwriter-Sänger gereift bist. Durch dein Coming-Out wurdest du die größte Ikone für junge Queers. Deine Fans, sie heißen Adele, Taylor Swift und Ariana Grande. Ja, größer geht’s kaum. Eben noch hast du mit deinem Model-Boyfriend in Los Angeles gewohnt – und nun bist du, 25 Jahre alt, zurück zu den Eltern nach Australien gezogen, der globalen Pandemie wegen. Dein Cutie-Boyfriend vom Frühling ist dein Ex von heute und spukt perfide, penetrant durch deine Träume.

Wie muss sich dieser Sommer anfühlen für Troye Sivan, den wichtigsten schwulen Popstar der Gegenwart? Er lässt es uns mitfühlen mit seiner EP, auf der er mit uns in der Emo-Achterbahn ohne angezogene Handbremse von den Highs runterrattert in die Abgründe seiner Albträume. 80s-Drumcomputer und Melodiegitarre verpassen dem melancholischen Elektro-Pop die trefflich warme Schlagseite. Summertime Sadness deluxe. (Stefan Hochgesand)


Bright Eyes: „Down In The Weeds, Where The World Once Was“(Dead Oceans / Cargo) 

Drama-Folk-Pop Fans des empfindsamen Sounds von Conor Oberst und der Bands seines Labels Saddle Creek dürfte vor Entsetzen (oder Lachen) die Kakaotasse aus der Hand fallen, wenn sie hören, dass der leibhaftige Flea von den Red Hot Chili Peppers auf Obersts neuem Album Bass spielt. Das eigentliche Wunder ist aber, dass die Stimme des einstigen Wunderkinds Oberst noch immer wie früher klingt. Neun Jahre nach dem letzten Bright-Eyes-Album, zwanzig Jahre nach seinem Durchbruch mit „Fevers and Mirrors“ singt der heute 40-Jährige seine Songs – mit den Bright Eyes wieder opulenter instrumentiert als auf den Soloalben – immer noch so wackelig, so feierlich, so bebend vor Schmerz und Überlebenswillen, dass es einen ums Verrecken nicht kalt lassen kann. Für Songs wie „Hot Car In The Sun“ und den halluzinogenen „Pageturner’s Rag“ zu Beginn verzeiht man ihm seine übliche Handvoll Gemeinplätze inmitten seiner ewig schönen Lyrics, mein Gott, man verzeiht ihm sogar das Dudelsack-Solo. (Julia Lorenz)


Tkay Maidza: „Last Year Was Weird Vol. 2 (EP)“ (4AD / Beggars)

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Future-Pop Was hat Pop 2020 noch zu sagen? Eine ganze Menge, wie Tkay Maidza beweist. Die zweite Veröffentlichung der “Last Year Was Weird”-Trilogie der simbabwisch-australischen Künstlerin klingt wie ein nostalgisches Mixtape aus der Zukunft. Da wäre zum Beispiel die Missy Elliott-Referenz “Shook”, das treibende “24k”, oder das sirupsüße “Don’t Call Again” mit  Kari Faux. Alternative-Rap mit Old-School-Anleihen trifft in dieser EP auf entspannten R’n’B und viel Popverständnis. (Aida Baghernejad)


Sneaks: „Happy Birthday“ (Merge / Cargo)

Synthie-Punk Einen rudimentären Basslauf, eine Drum-Machine und ein paar dürre, mantraartig wiederholte Zeilen, mehr brauchte Eva Moolchan aus Washington, D.C. früher nicht für die perfekte Postpunk-Miniatur. Auf ihrem vierten Album unter dem Namen Sneaks liegt eine giftige, bleierne Schwere über ihren (bis auf eine Ausnahme) nach wie vor superknappen Songs. Matte Synthesizer erzählen von Nachtclubs in den schäbigsten Ecken der Stadt, Moolchan sprechsingt dazu über Sternzeichen und Rassismus: ein fieses, tolles Fest der schlechten Laune, das trotz aller HipHop- und Bassmusik-Einflüsse und verkappten (Euro?-)Dance-Zitaten näher am Postpunk-Geist der späten 70er- und 80er-Jahre ist als die Hit’n’Run-Musik vieler Indiebands. (Julia Lorenz)


The Lemon Twigs: „Songs For The General Public“ (4AD / Beggars)

Retro-Pop Ihr Debüt „Do Hollywood“, erschienen 2016, war fantastisch. So hätte der Soundtrack für diese eine High-School-Komödie klingen können, die Wes Anderson nie gedreht hat. Power-Pop war das, quirlig wie eine Flotte von Bonanza-Rädern, gebettet auf ein Sufjan-Stevens-Mosaik, ausstaffiert mit Bläsern und viel Tschingderassabum. Vier Jahre später haben die Lemon Twigs, zwei kreative Brüder aus Long Island, ihrem Retro-Konzept ein paar Muskeln antrainiert fürs dritte Album. Ihre Musik bauen sie stellenweise zur Rockoper aus, die Queen und Supertramp zitiert. Heraus kommen Glam und Glitter ohne Scheu. Ihr Album könnte dabei erneut Score für einen missing link in der Filmgeschichte sein. „Wayne’s World 3“, mit Owen Wilson in der Hauptrolle. (Philipp Wurm)


Kamaal Williams: „Wu Hen“ (Black Focus Records / Rough Trade)

Future-Jazz Kamaal Williams ist Henry Wu ist Henry Williams – zusammen ergibt das neben Shabaka Hutchings eines der größten Talente der zeitgenössischen Londoner Jazzszene, die dem Genre eine Adrenalinspritze direkt ins Herz verpasst hat. Auf seinem neuen Album als Kamaal Williams fließen seine Identitäten als Jazzinnovator und elektronischer Produzent zusammen. Langsame, klassische Jazzstücke wechseln sich ab mit düsteren Stücken, die die Brücke zu Breakbeat und Jungle schlagen. So muss Jazz 2020 klingen! (Aida Baghernejad)


My Morning Jacket: „The Waterfall II“ (Ato / Pias)

Kiffer-Klammerblues Wenn der Himmel über Kentucky nachtblau wird, fehlt zur atmosphärischen Vollendung eigentlich nur noch eine Jam-Session der Entschleunigungskünstler von My Morning Jacket – eingespielt auf der Ladefläche eines Pickup-Trucks. Die Musiker aus Louisville, dem kulturellen Zentrum des US-Südstaats, liefern Balladen für den erhabenen Augenblick, wenn in der Steppe hinter dem Orts-Ausgangsschild nur noch die Kojoten heulen. Ihr Mittel der Wahl ist eine hypnotisierende Mischung aus Americana, Dreampop und 70er-Psychedelica. Auf „The Waterfall II“, dem Sequel ihres ebenfalls nach einem Wasserfall benannten Vorgänger-Albums von 2015, törnt die Beschallung so exorbitant, dass die Traumtänzer sogar ein neues Genre erfunden haben könnten: Klammerblues für Kiffer, die vor der Zivilisation fliehen. (Philipp Wurm)


Die ersten Konzerte finden wieder statt! Wir verraten euch die besten noch für 2020 – und auch schon für 2021. Für die sommerliche Zwischenzeit im Schatten haben wir aber auch noch mehr tolle Musik zum Zuhause-Genießen: Alben von Brandy und Alanis Morissette für die Party à la 1999, aber auch die überraschend indie-folkige Platte von Taylor Swift.

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