Fotografie

Bildband Bundesrepublik: Ludwig Windstosser im Museum für Fotografie

Der Industriefotograf Ludwig Windstosser hat die westdeutsche Nachkriegszeit festgehalten

Ludwig Windstosser: Lauffenmühle, ohne Datum, Farbpapier, © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Ludwig Windstosser

Dass er gerade eine verlorengehende Zeit dokumentierte, wird der Industriefotograf Ludwig Windstosser vielleicht später geahnt haben, es war aber nicht sein eigentlicher Auftrag. Der bestand nämlich schlicht darin, die noch in den 1960er und ’70er Jahren in der BRD produzierenden Firmen wie Mannesmann, Bayer oder Ruhrkohle zu fotografieren – für Magazine, aber noch öfter für die Eigenwerbung dieser ganze Landstriche dominierenden Riesen. Das gilt in gewissem Sinn auch für Städte wie West-Berlin, die er in eigenen Buchprojekten und auch in Auftragsarbeiten dokumentierte. Und für die er dem Klischee vom Taxifahrer, von der Kioskfrau und Gedächtniskirche nicht gerade auswich – aber sie auch nicht überstrapazierte.

Dass allein ist aus heutiger Sicht schon sehr interessant. Dazu hat es Kuratorin Stefanie Regina Dietzel im Museum für Fotografie geschafft, mit ein paar ausgesuchten Windstosser-Reihen aus seinem Nachlass, den die Kunstbibliothek vor ein paar Jahren übernommen hat, westdeutsche Nachkriegsgeschichte zu erzählen.

Eine Geschichte vom Aufstieg, vom Stolz auf die noch sichtbar dreckige Kohle mit ihren Schächten und Siedlungen bis zu deren Niedergang. Von Textilfirmen wie Lauffenmühle, die von der Farb-Forschung über Entwurf bis zur Produktion noch alles in Deutschland erarbeiteten, oder von Zeitungen wie der Stuttgarter, in denen Redaktion, Satz und Druck noch in einem Haus zusammenarbeiteten.

Die Zusammenstellung führt auch zu einer Serie, in der nur noch einzelne Menschen in großen Rechenzentralen sitzen, die Kubricksche Ausmaße haben. Hier beginnt dann die Zeit, in der sich die Arbeitswelt für immer ändern sollte. Das Zeitalter der Automatisierung der Arbeit, vielleicht sogar schon die Digitalisierung, klopfte bereits an. Ludwig Windstosser hat diese Transformation noch ein Stück begleiten können bis er 1983 in Stuttgart starb.

Jetzt ist es bei Windstosser so, dass es noch eine weitere, eine avantgardistische Ebene in seinem frühen Werk gibt, die ihn in seiner Bildsprache prägte und ihn damit auch für heutige Kunsthistoriker*innen interessant macht. Er war bis 1952 Mitglied in der Gruppe „fotoform“, einem Zusammenschluss von progressiven Fotokünstlern wie Otto Steiner und Toni Schneider, die das biedere Nachkriegsdeutschland mit ungefälligen, experimentellen Arbeiten aufmischten oder zumindest aufmischen wollten.

„Die Künstler dieser Gruppe schickten sich ihre Arbeiten gegenseitig per Post zu, um zu bewerten, ob sie die Bezeichnung „fotoform“ auch verdienten“, erzählt Ludger Derenthal, Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek. „Wir zeigen also nicht nur zusätzlich andere Arbeiten der Gruppe, sondern auch, wie die weiteren Gruppenmitglieder Windstossers Arbeiten beurteilt haben.“  Man darf verraten, dass nicht alle Arbeiten Windstossers die Zustimmung der fotoform-Mitglieder bekamen. Aber viel wichtiger ist, dass es der Ausstellung gelingt, vom Frühwerk zum Hauptwerk eine Verbindung zu zeigen: Eindeutig ist zu erkennen, dass diese frühe experimentelle Phase  dazu geführt hat, dass Windstosser auch bei späteren Auftragsarbeiten die steile Perspektive und die harte, kontrastreiche Bildsprache nicht gescheut hat. Was diesen Arbeiten sehr zugute kommt.

Museum für Fotografie Jebensstr. 2, Charlottenburg, bis 23.2., Di–So 11–19, Do bis 20 Uhr, 10/ erm. 5 €

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