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Graphic Novel

„Räterepublik Westberlin“ führt in eine Parallelwelt

Endstation Revolution: Was wäre, wenn die 68er um Rudi Dutschke damals gesiegt hätten?

© Berlin Story Verlag

„Manchmal muss man die Leute zu ihrem Glück zwingen“, Horst Mahlers Worte bringen die Situation auf perfide Weise auf den Punkt. Die Studentenbewegung hat in West-Berlin gewonnen, nach dem Mord an Benno Ohnesorg und der Schlacht am Tegeler Weg haben sich die Freaks, Protestler und Spontis organisiert, mit Waffengewalt die Kontrolle über die Mauerstadt an sich gerissen und die Räterepublik ausgerufen.

Die Alliierten ziehen sich zurück, der Senat wird ausgeflogen, US-Präsident Nixon will keinen Konflikt und lässt die Stadt fallen.

Das Autorengespann Jörg Mailliet, Thomas Jaedicke und Jörg Ulbert hat mit „Gleisdreick“ und „Westend“ bereits zwei Graphic Novels vorgelegt, die sich mit dem Mythos West-Berlin und der linken Szene auseinandersetzen. „RRWB – Räterepublik Westberlin“ ist ihr bislang größter Wurf. Einer der besten Comics zu Berlin der letzten Jahre!

Allein die Idee der Autoren ist grandios, von tatsächlichen Ereignissen und großteils realen Protagonisten auszugehen und die Geschichte dann weiter zu spinnen. History Fiction wenn man so will. Wir treten in eine alternative Geschichtsschreibung ein. Man begegnet einem vom Attentat lädierten Rudi Dutschke, einem treubraven Otto Schily, einem rowdyhaften Andreas Baader und dem machtbesessenen und brillanten Horst Mahler, der eigentlichen Machtfigur der Erzählung. Vom Marxismus ideologisiert und von der Sixties-Kultur beflügelt entsteht rasch ein Terrorregime. Mit dogmatischer Sprache und autoritären Methoden arbeiten die 68er an einer neuen Gesellschaftsform und verfallen doch nur in altbekannte Strukturen.

Gewalt, Angst und Unterdrückung sind an der Tagesordnung und mit Grauen führt man sich vor Augen, wie die Sache damals hätte enden können, wäre sie in kürzester Zeit und mit Gewalt durchgeführt worden, statt den Gang durch die Institutionen anzutreten.

Man könnte sich darüber streiten, ob ein siegreicher Protest von damals tatsächlich so geendet hätte, aber „RRWB“ zeigt auf bizarre und gelegentlich sehr amüsant überzeichnete Art eine Möglichkeit, wie es hätte sein können. Eine konservative Kritik an der Revolution ist das Buch dann aber doch nicht. Auch die bürgerlichen Gegner der Revoluzzer um den Ohnesorg-Mörder Kurras kommen ziemlich schlecht weg.

RRWB – Räterepublik Westberlin von Jörg Mailliet (Illustrator) , Thomas Jaedicke, Jörg Ulbert (Autoren), Berlin Story, 210 S., 29,95 €

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