Exil-Schriftsteller

100 Jahre Franz Kafka in Berlin: Der erste Hipster der Stadt?

Franz Kafka ist vor 100 Jahren im Alter von nur 40 Jahren gestorben. Zuletzt hat er in Berlin gelebt, schwer krank und schwer verliebt in die jüngere Dora Diamant. Sein Lebensradius befand sich in Steglitz und Zehlendorf. Der Schriftsteller erlebte Armut, Inflation, den Kampf gegen seine Tuberkulose – aber auch beglückende Momente. Sein Lifestyle erinnert in vielen Teilen an das heutige Leben in der Hauptstadt: Eine Zeitreise anhand von zwölf Begebenheiten.

So ein fescher Mann im Berlin der 1920er: Dieses Bild von sich selbst ließ Franz Kafka im damaligen „Wertheim“-Kaufhaus am Leipziger Platz anfertigen. Foto: Imago/Heritage Images/eigene Montage

1 . Kafka war ein Nomade: Er zog drei Mal um

Gerade einmal ein halbes Jahr verbrachte der Emigrant aus Prag in der wilden Metropole Berlin – in der Zeitspanne zwischen dem 23. September 1923 und 17. März 1924. In dieser kurzen Phase zog der 40-jährige Kafka mehrmals um. Nacheinander in drei Wohnungen lebte den pensionierte Versicherungsjurist, der nunmehr ganz und gar Schriftsteller sein wollte. Die Mietobjekte befanden sich allesamt in den damaligen Bezirken Steglitz und Zehlendorf. In der Miquelstraße 8, heute Muthesiusstraße, der Grunewaldstraße 13 sowie der Heidestraße 25/26, die heute Carl-Busse-Allee heißt. Den Erwerbsberuf in seiner Geburtsstadt bei der „Arbeiter-Unfall-Versicherung“ hatte Kafka wegen einer erbarmungslosen Tuberkulose aufgegeben.

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2. Kafka war in seinem Ernährungsstil der Zeit voraus

Franz Kafka aß vegetarisch – ein unorthodoxer Ernährungsstil im frühen 20. Jahrhundert. Allerdings nicht in Berlin, wo das Angebot von Restaurants mit fleischloser Kost aufsehenerregend war. Schon während eines früheren Berlin-Aufenthalts, einer Reise im Dezember 1910, hatte Kafka die dortige Popularität des Grünzeugs begeistert. „Es ist hier so vegetarisch, dass sogar das Trinkgeld verboten ist“, berichtete er Max Brod, seinem Komplizen. Derlei Tischgewohnheiten dürften diesem Proto-Hipster damit auch mehr als ein Jahrzehnt später sympathisch gewesen sein.

3. Kafkas Monatsmiete betrug zeitweise eine halbe Billion Mark

Eine halbe Billion Mark betrug die Monatsmiete zeitweise in der Wohnung an der Miquelstraße 8. Damit war Kafka ein Leidensgenosse der übrigen 3,9 Millionen Einwohner im kriselnden Berlin. In der zweiten Jahreshälfte 1923, also zum Zeitpunkt seiner Ankunft in Berlin, hatte die Inflation zu Preisen in absurden Höhen geführt; es war bis dahin die schwerste Bewährungsprobe für die fragile Gesellschaft in der Weimarer Republik.

4. Wegen der Inflation musste Kafka heftig sparen

Nicht einmal Zeitungen kaufte Kafka, der Vielleser, vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Chaosʼ – so horrend war die Teuerungsrate während der Inflation. Die ökonomische Lage hellte sich langsam auf, nachdem die Regierung unter Reichskanzler Gustav Stresemann im November 1923 die so genannte Rentenmark eingeführt hatte. 

5. Kafka war „der arme Ausländer in Berlin“

Franz Kafka war ein armer Schlucker, sein Pensionsgeld bescheiden. Immer wieder schickten ihm die Familienangehörigen aus Prag materielle Hilfsgüter. Einmal übersandten die Schwestern Ottla und Elli ein paar hundert Kronen. Mit Butter als Zugabe, die in Zeitungspapier eingewickelt war. Es handelte sich um das Papier einer Ausgabe des „Prager Tagblatts“. Bedruckt mit einem Artikel, dessen Überschrift lautete: „Die armen Ausländer in Berlin“. Ob hintersinnige Ironie die Geschwister zu dieser Umhüllung motiviert hatte, das haben Kafka-Biografen bis heute nicht klären können.

6. Kafka hatte viel Sex

Dora Diamant, eine Kindergärtnerin, war Kafkas letzte Liebe. Ein fast unbeschwertes Verhältnis – vielleicht auch, weil die beiden wegen der bedrückenden Erkrankung den Zauber des Moments auskosteten. Wegen ihr fand er überhaupt erst den Mut, nach Berlin zu ziehen. Die Mittzwanzigerin, in Osteuropa aufgewachsen, mit Lebensmittelpunkt an der Spree, faszinierte den deutlich älteren Liebhaber wegen der selbstbewussten Entfaltung ihrer jüdischen Identität. Später einmal sollte die lebenslustige Frau ihren Gspusi als „sinnesfreudig wie ein Tier (oder wie ein Kind)“ charakterisieren. Ein Bruch mit dem Klischee, der Urheber von Romanen wie „Der Prozess“ und „Das Schloss“ oder Erzählungen wie „Die Verwandlung“ und „Ein Landarzt“ sei ein anorektischer, weltabgewandter, lichtscheuer Nerd gewesen. Das Gros seines verrätselten Werks, damals großteils noch unveröffentlicht, hatte Kafka während der Verbindung mit Dora Diamant übrigens schon niedergeschrieben. An dieser Stelle kulturelles Basiswissen: Max Brod, der Vertraute, selbst Schriftsteller und Feuilletonist, sollte später, nach Kafkas Ableben, dieses Œuvre der Menschheit vermachen – gegen den Willen des Urhebers.

Das Kafka-Phänomen: Vor Kurzem feierte die ARD-Serie „Kafka“ unter der Regie von David Schalko in der Schöneberger Urania ihre Premiere. Foto: Imago/Raimund Müller

7. Kafka war beim „Wertheim“-Kaufhaus, um ein Porträtfoto zu machen

Das vielleicht bekannteste Porträtfoto, das die Nachwelt von Kafka kennt und das heute zahllose Bücher und Artikel illustriert, hat der Schriftsteller während seines Berlin-Kapitels anfertigen lassen. Es bebildert auch diesen Artikel. Auf keiner anderen Fotografie blickt Kafka seinen Leserinnen und Lesern so tief in die Augen. Aufgenommen wurde die Nahaufnahme im Oktober 1923 im damaligen „Wertheim“-Kaufhaus am Leipziger Platz. Eine Charakterstudie, mit Krawatte am Revers und Sakko.

8. Kafka genoss die Ruhe in der Peripherie

Weil die Tuberkulose ihn auszehrte, waren Ausflüge ins Stadtzentrum ein Kraftakt für den schwer maladen Neuankömmling. Oft harrte er daher aus in Steglitz und Zehlendorf, diesen kontemplativen Stadtrandbezirken im Südwesten der Stadt. „Mein ‚Potsdamer Platz‘ ist der Steglitzer Rathausplatz“, witzelte er in einer Korrespondenz an einen Prager Kumpan, „dort vollzieht sich ein kleiner Verkehr, dort sind die Filialen von Ullstein, Mosse und Scherl, und aus den ersten Zeitungsseiten, die dort aushängen, sauge ich das Gift, das ich knapp noch ertrage (…).“

9. Kafka, der nette Onkel

Es ist schwer, Spuren von Menschen aus Steglitz zu finden, die Kafka persönlich begegnet sind. Immerhin: Mitteilsam – als betagte Frau – war die Tochter der Vermieterin der Wohnung an der Heidestraße 25/26, wo sich der Dichter mit Dora Diamant im Februar und März 1924 einquartiert hatte. Vor etwas mehr als 20 Jahren machte diese Zeitzeugin, die Christine Geyer hieß, ihre Erinnerungen an den Nachbarn öffentlich. Als 92-Jährige berichtete sie einer „Zeit“-Reporterin: „Er hatte eine sehr nette Art: Ein netter Onkel, will ich mal sagen.“ In diese Wohnung hatte Kafka übrigens ziehen müssen, weil er ein Opfer des schon damals brutalen Mietmarkts gewesen war: Aus seiner vorherigen Bleibe an der Grunewaldstraße 13 war er rausgeworfen worden. „Weil ich in meiner bisherigen schönen Wohnung als armer zahlungsunfähiger Ausländer gekündigt worden bin“, offenbarte er einem Freund.

10. Wie Kafka einmal ein kleines Mädchen tröstete

Dass der Schriftsteller kinderlieb war, zeigt eine Begegnung in einem Steglitzer Park. Kafka soll auf ein kleines Mädchen getroffen sein, das seine Puppe verloren hatte und weinte. Um das Kind zu trösten, erwiderte Kafka, die Puppe sei nur auf Reisen gegangen. In den darauffolgenden Tagen und Wochen überreichte er dem Mädchen, mit ihm verabredet, immer wieder vermeintliche Briefe der Puppe, die in Wirklichkeit er selbst geschrieben hatte. Erfundene Lebenszeichen, die Kafka, der Imitationskünstler, jeweils vorlas. So kompensierte er den Verlust mit literarischen Mitteln. Dora Diamant hat diese Anekdote mehrere Jahrzehnte nach Kafkas Tod erzählt. Unklar, ob die einstige Kafka-Geliebte ein paar Details ausgeschmückt hat. Jedenfalls hat dieses Aperçu später Kinderbuchautoren zu versponnenen Werken inspiriert.

11. Kafka schwor auf Ohropax

Ein fun fact am Rande: Dank eines Produkts, gefertigt in Berlin, hat Kafka seine Nerven geschont. Schon vor seinem Berlin-Abenteuer hat er nämlich Ohropax per Post bestellt – hergestellt in dieser boomtown der Hochmoderne. Ein neuartiges Erzeugnis der „Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten Max Negwer“, ansässig in Schöneberg. Kafka war begeistert. „Ohne Ohropax bei Tag und Nacht ginge es gar nicht“, ließ er bereits im Juli 1922 einen Freund wissen. Damals hatte er noch in Prag gewohnt.

12. Am Anhalter Bahnhof verließ er die Stadt

Am 17. März 2024 verlässt Kafka, dem ein Arzt schon Wochen zuvor einen „fürchterlichen Zustand“ attestiert hatte, seinen Sehnsuchtsort Berlin. Eine intensive Beziehung hat er mit der Stadt geführt. Auch weil Felice Bauer, eine andere Ex des Schriftstellers, dort zuhause gewesen war – und der Grund für Besuche in einer früheren Lebensphase. Am Anhalter Bahnhof steigt er in den Zug. Todkrank ist er und ein eigenständiges Leben nicht mehr denkbar. Am 3. Juni desselben Jahres erliegt der ingeniöse Kafka seiner schweren Krankheit – in einem Sanatorium nahe des niederösterreichischen Orts Klosterneuburg. Dora Diamant, seine Liebhaberin, hat ihn dort noch gepflegt. Posthum ist er zum Superstar aufgestiegen. Genau genommen zum meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller aller Zeiten. Keine Pointe der Literaturgeschichte ist krachiger, bis heute.

Quellen u.a.: Hans-Gerd Koch: „Kafka in Berlin“, 2008; Reiner Stach: „Die Jahre der Erkenntnis“, 2008


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