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Feministischer Kollektivroman „Wir kommen“: Wilde Wir-Gefühle

Starkes Experiment: 18 Schriftsteller:innen schreiben gemeinsam und anonym einen Kollektivroman über zumeist weibliche Lust, Selbstermächtigung und Schmerz: „Wir kommen“. Ist das wie eine Gruppentherapie, ein Gruppenkuscheln – oder wie Gruppensex? Wir haben uns mit den drei Herausgeberinnen Verena Güntner, Elisabeth R. Hager und Julia Wolf getroffen, die unter dem Namen „Liquid Center“ den experimentellen – und sehr nahe gehenden Roman kuratiert haben, über ganz besondere Wir-Gefühle gesprochen.

Literaturkollektiv Liquid Center mit Verena Güntner, Julia Wolf und Elisabeth R. Hager (v. l. n. r.) Foto: Stefan Klüter

Feministischer Kollektivromen: Grupenkuscheln, Gruppentherapie, Gruppensex?

Müsste ein Kollektiv  wie das „Liquid Center“ nicht mit einer einzigen Stimme sprechen? Als säßen sowas wie die Borg aus „Star Trek“ am Tisch. Nur viel kleiner. Besser gelaunt auch.

Gleich diese allererste Frage im Gespräch in einem Café am Kreuzberger Oranienplatz bewirkt eine längere Debatte. Geht ja gut los.

Verena Güntner, Elisabeth R. Hager und Julia Wolf  haben als feministisches Kollektiv Liquid Center den am 13. März erscheinenden  Kollektivroman „Wir kommen“ (gar nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Debüt von Ronja von Rönne) kuratiert und editiert. Die Themen hatten sie vorab festgelegt: weibliches Begehren, Sex, Alter.

Die Borg-Option wird dann jedenfalls doch wieder verworfen. Jede spricht für sich.

Wie fühlt sich so ein gemeinsamer Schreibprozess an: nach Gruppentherapie, Gruppenkuscheln oder, äh, Gruppensex?

Verena Güntner, die in Schöneberg lebt, sagt: „Von allem ein bisschen, oder?“

Elisabeth R. Hager, die in Berlin und Tirol lebt, sagt: „Also es war schon vor allem interessant zu sehen, wenn andere Leute den eigenen Ball weiterspinnen, die eigene Geschichte.“

Julia Wolf, aus Leipzig, sagt: „Gruppentherapie, Gruppenkuscheln, das hat alles was Privates. Es war aber mehr als das, was nur mich oder nur dich angeht, sondern dass in dieser Auseinandersetzung über Themen, die uns irgendwie alle berühren, sich Politisches herauskristallisiert hat.“

Voyeur-Vibes mit Literaten wie Lene Albrecht, Ulrike Draesner, Erica Fischer, Olga Grjasnowa, Kim de l‘Horizon und Yade Yasemin Önder

Sechs Wochen lang schrieben insgesamt 18 größtenteils weibliche Autor:innen im Alter von 30 bis 80 Jahren in ein einziges Internetdokument hinein. Und das alles anonym. Zum Teil kannten sich die Beteiligten gar nicht. Eine:r suchte erst mal alle einzeln im Internet.

Das gemeinsame Dokument war kaum eine halbe Stunde online, schon stand der erste Satz drin. Verfasserin: unbekannt.

In „Wir kommen“ tauschen sich so unterschiedliche Schriftsteller:innen wie Lene Albrecht, Ulrike Draesner, Erica Fischer, Olga Grjasnowa, Kim de l‘Horizon und Yade Yasemin Önder über Pubertät, Beziehungen, Sex, Menstruation, Patriarchat, Missbrauch, Mutterschaft, Wechseljahre oder Sextoys aus. 

Dabei befassen sie sich zum Beispiel auch mit der womöglich selten gestellten Frage, ob es okay ist, vor Haustieren zu masturbieren (wobei man diese Frage dann eigentlich konsequenterweise aber auch an Haustiere adressieren sollte).

Mitunter fühlt man sich beim Lesen wie ein Voyeur. Immerhin wie ein eingeladener.

Wir-Gefühle beim Beischlaf: „Als stündet ihr alle hinter mir“

300 Manuskriptseiten seien aus dieser sechswöchigen gemeinsamen Schreib-Session hervorgegangen, erzählt Julia Wolf. Dann hätten die Herausgeber:innen die Passagen monatelang bearbeitet, umsortiert, verdichtet, um ein Drittel gekürzt. „Wir haben richtig geschnippelt, gesampelt“, sagt Elisabeth Hager. „Wir haben teilweise nur einen Satz genommen.“

Die Verschiedenheit der Stimmen bleibt erkennbar oder zumindest vermutbar, die Stimmen selbst sind es nicht. Manchmal reagieren Autor:innen direkt aufeinander. Dialoge im Doc. Oft auch überaus explizit.

Da liest man dann von einem gerade vollzogenen spontanen Beischlaf mitten am Tag: „Ich fand‘s richtig geil, und doch war es seltsam: Es hat sich angefühlt, als stündet ihr alle hinter mir.“

Die einzelnen Kapitel heißen „Da unten“, „Schlimme Finger“, „Beurteilungsmaschine“, „Unberührt I“ und „… II“, „Rummachen“,  „Körper gegen Geld“ oder „Requiem für meine Gebärmutter.“ Einmal gibt es in der Überschrift sogar eine explizite Frage an alle: „What‘s your Kink?“ Bei der Frage nach sexuellen Vorlieben jenseits üblicher Normen ist Anonymität womöglich auch von Vorteil.

Die Antworten reichen von Sex gegen Geld in festen Beziehungen über „dicke Jungstitten“ bis zum freudvollen Abnagen von Barbie-Füßen. Gemeint ist immerhin die Puppe, nicht Margot Robbie. Einmal fällt dabei der Satz: „Wie eklig geil ist das bitte!“

Mit Ausrufe-, nicht mit Fragezeichen.

Emotionale Wucht: Wenn Sätze umarmen könnten

„Ich weiß nicht, wie es euch ging, aber ich hatte teilweise das Gefühl, ich muss die Hürde überwinden, manche Gedanken in Worte zu fassen, auszusprechen und dann auszuhalten, dass andere das jetzt lesen“, erzählt Verena Güntner.

An vielen Stellen ist das Kollektivbuch aber auch von einer geradezu körperlich fühlbaren Schmerzhaftigkeit. Da werden Triggerpunkte berührt, denen man sich aussetzen wollen muss. Weil sie mitunter kaum zum Aushalten sind. Wenn es um Depressionen geht, um Vergewaltigungen, um Suizidversuche. Es geht um das Ganze.

Nach einer längeren Passage, in der es mit einer unglaublich emotionalen Wucht um krasse Missbrauchserfahrungen in lesbischen Beziehungen geht, schreibt jemand:

„Danke, dass Du das schreibst. Ich bleibe jetzt einfach sitzen bei diesem Text, der so wehtut. Bleibe in der Nähe.“

Wenn Sätze umarmen können, dann der.

Eine mutige Hydra, die viel zu erzählen hätte

Elizabeth Hager nennt „eine der großen Erkenntnisse“ bei diesem Buch: „Wir haben alle diesen Schmerz, jeder, in seiner, in ihrer eigenen Form, aber Schmerz ist Teil des Lebens.“ Es sei etwas sehr Wertvolles, sich so verwundbar und verletzlich zu zeigen. „Und dann spielt es auch gar nicht eine Rolle, ob das jetzt Person X oder Person Y passiert ist, sondern wir verbinden uns einfach im Schmerz oder in der Freude und im Humor.“

Wenn das Romankollektiv eine einzelne Person wäre: Wie würden die Herausgeber:innen diese Person beschreiben?

„Eine Hydra!“, sagt Julia Wolf.

„Eine sehr offene, eine mutige und eine verletzliche Person“, sagt Elisabeth Hager.

„Und eine ehrliche Person“, sagt Verena Güntner.

Auf jeden Fall hätte sie ganz viel zu erzählen. Über viele Gedanken, viele Erfahrungen. Über wilde Gefühle. Wir-Gefühle.

  • Liquid Center (Hg.): „Wir kommen“ DuMont, 208 S., 25 €  

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