Bühnenkritik

Stadt als Meute

Die Gentrifizierung frisst ihre Kinder: Constanza Macras zeigt ihr neues Stück „Der Palast“ in der Volksbühne

Eigensinnige Poesie: Die Verhältnisse werden ins Tanzen gebracht Foto: Thomas Aurin

Lange nicht gehört, diese Sätze aus dem „Kommunistischen Manifest“ über die revolutionäre Kraft des Kapitalismus, der „alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Anschauungen auflöst“ und die Menschen „endlich“ zwingt „ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ In Constanza Macras’ wütender, melancholischer und bei aller Angriffslust immer wieder auch umwerfend komischer Volksbühnen-Inszenierung „Der Palast“ fallen sie irgendwann im letzten Drittel des Abends. Und natürlich ist das der blanke Hohn, nachdem man vorher die heftigste Kritik an den Zumutungen von Gentrifizierung und der globalen Kommerzpopkultur zu sehen bekommen hat, die derzeit auf Berliner Bühnen zu haben ist.

Schon der Einstieg in den (mit knapp drei Stunden deutlich überdehnten, dem Themenkomplex angemessen wuchtigen) Abend lässt an Deutlichkeit und eigensinniger Poesie nichts zu wünschen übrig. Anne Ratte-Polle, ein Star der alten Castorf-Volksbühne, macht in einem ratlosen Abschiedslied eine Verlustliste der verschwundenen Dinge des eigenen Stadtlebens auf, von Buchladen und Gemüsegeschäft um die Ecke bis zum eigenen Theater – alles weg: „Du erkennst niemanden und nichts mehr.“ Auch die Nachbarn sind verschwunden, vielleicht konnten sie sich die Miete nicht mehr leisten. Stattdessen tauchen überall die Gentrifizierungs- und Modernisierungsgewinner auf, „sie sind queer und divers und alle so gleich“. Wer einmal bei einem der Streetfood-Events in der Kreuzberger Markthalle Neun war, weiß, was sie meint. 

Foto: Thomas Aurin

In einer ziemlich lustigen Szene verwandeln sich die Tänzer (Adaya Berkovich, Emil Bordás, Chia-Ying Chiang, Fernanda Farah, Yuya Fujinami, Luc Guiol, Ronni Maciel, Thulani Lord Mgidi, Miki Shoji) in lebende Slow-Mo-Playmobilfiguren, die didaktisch vorspielen, wie Mieterhöhung und Wohnungsrauswurf funktionieren – nur dass diesmal eine Hausbesetzung folgt, die Verhältnisse ins Tanzen bringt, und Supergirl (mit dem Logo-Rad der alten Volksbühne auf dem Umhang) den gekündigten Mietern gegen die anrückende Polizei beisteht. Das Volksbühnen-Rad und der Auftritt von Anne Ratte-Polle (später steuert am Premieren­abend die frühere Volksbühnen-Schauspielerin Carolin Mylord in einem Gastautritt noch einige Agamben-Texte bei) sind nicht die einzigen Liebesgrüße an die Castorf-Jahre. Die Bühne (Alissa Kolbusch) erinnert mit ihrem Theater-im-Theater-Podest und den Flittervorhängen unübersehbar an die Kunst Bert Neumanns – eine liebevolle Hommage. 

Macras verbindet den Gentrifizierungs-Agitprop-Blues mit einem ihrer schon in „Megalopolis“ raffiniert durchgespielten Lieblingsthemen – dem Verflüssigen, Auflösen, Entgleiten vertrauter Gewissheiten und aller „festen eingerosteten Verhältnisse“. Der Tanz beschleunigt sich wie die gesellschaftlichen Transformationen; Ordungsgefüge entstehen nur für Momente, um sofort wieder zu implodieren oder auseinanderzufliegen. Der treibende, atmosphärisch dichte Electro-Sound des Komponisten Robert Lippok wirkt mit seinen Ballungen, Klangflächen, Trance-Schleifen wie ein Beschleuniger dieser physischen wie mentalen, gesellschaftlichen wie individuellen Dezentrierungsprozesse und Auflösungsbewegungen. 

Die großformatigen Prospekte des britischen Fotografen Tom Hunter (mit ihren eingefrorenen, tristen Stadtszenarien und einem Licht wie auf Renaissancegemälden) schaffen eine zweite, so realistische wie hochstilisierte Erzählebene. Macras verbindet das Thema der fremdwerdenden, von Kapitalverwertungsinteressen zerfressenen Stadtumgebung mit dem Dauerrauschen der globalen Kommerzkultur in Form der Casting-Show-Fernsehformate – ein anderes Spiel des Irrealwerdens des sozialen Miteinanders. Sie verhöhnt das in einer absurden Travestie, die selbst nicht frei vom Vergnügen am Spektakel und plakativen Scherzen ist. 

Trotz dieser Schwäche und der Überlänge des zweiten Teils ist Macras mit „Der Palast“ ein herausragender Tanzabend gelungen, der genau an diesen Ort, die langsam wieder zum Leben erwachende Volksbühne, passt. Nach dieser Premiere und der furiosen „Megalopolis“-Wiederaufnahme kann man sich die Zukunft der Volksbühne nicht ohne Macras in einer zentralen Position vorstellen, gerne auch in der Leitung des Theaters. 

Volksbühne Am Roxa-Luxemburg-Platz, Mitte, Do 16.5., Fr 17.5., 20 Uhr, 10–30 € 

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