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Genie und Wahnsinniger

Zum zehnten Todestag von Christoph Schlingensief: 12 Stationen seines Lebens

Vor zehn Jahren, am 21. August 2010, starb Christoph Schlingensief im Alter von gerade einmal 49 Jahren in Berlin. Er erlag dann doch dem verdammten Lungenkrebs, gegen den er jahrelang gekämpft hatte. Der Regisseur, Aktionskünstler und Visionär fehlt dieser Stadt, diesem Land sehr. Zum zehnten Todestag von Christoph Schlingensief: eine Spurensuche in 12 Stationen – vom Prater bis Burkina Faso

Christoph Schlingensief, 1960-2010. Foto: imago images/SKATA

1989-1992: Die „Deutschland-Trilogie“ fegt durchs Land

Trailer von „Terror 2000“. Nicht für Kinder geeignet. Quelle: Youtube

Zwar drehte der gebürtige Oberhausener schon als Kind seine ersten Filme, aber bekannt bis berüchtigt wurde er erst mit seiner „Deutschland-Trilogie“: „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“ (1989), „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) und „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ (1992). Wahnwitzig wüste Machwerke, in denen kaum ein moralischer Stein auf dem anderen blieb: Gebrüll, Kacke, Inzest, Splatter. Und Menschen, die zu Würsten wurden. Ein großer Spaß!

Der Filmrauschpalast zeigt diese Trilogie jetzt noch einmal. Die volle Breitseite. Wohl bekomm’s!

  • Filmrauschpalast Lehrter Straße 35, Moabit, „Das deutsche Kettensägenmassaker“ am Do 20.8., 21.30 Uhr, „100 Jahre Adolf Hitler“: So 23.8., 19 Uhr, „Terror 2000“: So 23.8., 21 Uhr, www.filmrausch.de

1996: „Tötet Helmut Kohl“ spannt auf die Folter

Christoph Schlingensief (re.) inszeniert das Praterspektakel „Tötet Helmut Kohl“ im Prater der Volksbühne. Foto: imago images/Schneider

Lange bevor der blauhaarige Youtuber Rezo „Die Zerstörung der CDU“ angeht, packt Christoph Schlingensief den Hammer aus. Schon seine erste Regieinszenierung an der Volksbühne 1993 heißt „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“, ein als Benefizshow für Geflüchtete inszeniertes Spektakel.

Drei Jahre später ist er beim Parforceritt über diverse Geschmacksgrenzen ein gutes Stück vorangekommen: Im Praterspektakel „Tötet Helmut Kohl“ (Foto) muss zwar nicht der Kanzler der Einheit, wohl aber eine ihm vergleichsweise originalgetreue Puppe dran glauben. Und das ist beileibe nicht das Ende von Schlingensiefs künstlerischer Langzeitbeziehung zum Oggersheimer. Aber dazu später mehr.

Aber man kann sich schon fragen, ob die lustvoll zelebrierte Geschmacklosigkeit heute noch zeitgemäß wäre, wo Politiker*innen mit wüsten Drohungen aus dem Netz konfrontiert sind. Nicht zuletzt auch Helmut Kohls Nachfolgerin, Angela Merkel.


1997: „Talk 2000“ zerlegt ein Fernsehformat

Mit Hildegard Knef und Sophie Rois: Schlingensief zerlegt auch das Talkshowformat. Foto: imago images/Schneider

Als nächstes legt Schlingensief das Format der Fernsehtalkshow in Schutt und Asche. Der von RTL und Sat.1 im Kulturfenster Kanal 4 sowie vom ORF ausgestrahlte „Talk 2000“ wird 1997 in der Kantine der Volkbühne produziert. Natürlich ist Schlingensiefs Moderation durch keinerlei Vorerfahrungen getrübt: „Ich beweise immerhin, dass jeder Depp Talkmaster werden kann.“

Die Sitzgarnitur wird auf einer rotierenden Drehscheibe arrangiert, die Kameraleute drehen fahrig wie unter Drogen, Absprachen mit den Gästen gibt es aus Prinzip nicht, der Gesprächsverlauf ist dementsprechend erratisch bis chaotisch.

In acht Folgen verstört Christoph Schlingensief unter anderem Rudolf „Mosi“ Mooshammer, Gotthilf Fischer, Hildegard Kneef, Lilo Wanders und Udo Kier. Und treibt es bei Ingrid Steeger derart auf die Spitze, dass sie fast unter Tränen fluchartig den Raum verlässt – und ein ehrlich betroffen aussehender Schlingensief zurückbleibt.

Ein anderer Gast allerdings zeigt ihm in abgezockter Coolness, wie Talkshow auch in gaga geht: Harald Schmidt. Und der Grenzgänger Schlingensief erfährt seine eigenen Grenzen. Mit literweise Schweiß im Gesicht.


1998: „Chance 2000“ inszeniert Wahlkampf als Zirkus

Scheitern als Chance: Christoph Schlingensief auf Wählerfang auf dem Alexanderplatz. Foto: imago images/BRIGANI-ART

Mit dem Parolen „Scheitern als Chance“ und „Wähle dich selbst“ tritt Schlingensiefs Kleinstpartei „Chance 2000“ zur Bundestagswahl 1998 an. Er geht mit seiner Kunst einmal mehr auf Crashkurs mit der Realität: ein Wahlkampf als großer Zirkus des Irrsinns. Passenderweise wird er im März an einem Freitag, den 13., im Praterbiergaten gestartet.

Der Zirkus der „Partei der Arbeitslosen und von der Gesellschaft Ausgegrenzten“ eskaliert im August, als Schlingensief sechs Millionen Arbeitslose einlädt, mit einem gemeinsamen Bad im Wolfgangsee den Wasserspiegel zu heben und somit Helmut Kohls hinreichend fotografisch dokumentiertes Urlaubsdomizil am Ufer zu versenken.

Es kommen dann aber doch nicht ganz so viele Flutbürger zum Protestbad. Kohls Ferienort bleibt das Schicksal der ihm nachgebildeten Puppe zwei Jahre zuvor erspart.

Die Bundestagswahl verliert Kohl trotzdem.


2000: „Ausländer raus!“ – Container-Chaos in Wien

Trailer der Doku „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ von Paul Poets, die zwei Jahre nach der denkwürdigen Aktion das Geschehen nachzeichnet. Quelle: Youtube

Im Jahr 2000 sucht Christoph Schlingensief Österreich heim und macht sich bei den Wienern aber mal so richtig beliebt. Zu den dortigen Festwochen baut er in bester Lage, auf dem Herbert-von-Karajan-Platz, einen Container auf. Kurz zuvor ist Jörg Haiders Rechtsaußen-Partei FPÖ in den Nationalrat gewählt worden.

Jetzt inszeniert Schlingensief ein „Big-Brother“-Remake der etwas anderen Art. Im Container sitzen zwölf vorgebliche Geflüchtete, die durch öffentliche Abstimmungen per Telefon aus dem Land gewählt werden können sollen. Dafür schaltet er auch eine passende Webseite: www.auslaenderraus.at.

Aus er zum Auftakt der Aktion „Österreich liebt euch“ das Schild „Ausländer raus“ enthüllt, gibt es Beifall von den Zuschauern. Paul Poets dreht die Doku zum Spektakel.


2002: „Tötet Politik“ – jetzt ist die FDP dran

Bambule in Bielefeld: Schingensief macht dort im September 2002 Station mit seiner „Tötet Politik“-Tour. Foto: imago images/teutopress

Vier Jahre, nachdem er mit „Chance 2000“ einen Wählerstimmenanteil im satten Promillebereich einfährt, schaltet sich Christoph Schlingensief nochmals in einen Bundestagswahlkampf ein. „Projekt 18 – Tötet Politik“ adressiert zur Abwechslung mal nicht Helmut Kohl und die CDU, sondern Jürgen Möllemann und die FDP. Mit seinem Programm tourt Schlingensief durch Rheinland und Ruhrgebiet, geht dem nordrhein-westfälischen FDP-Vorsitzenden mit der Parole „Tötet Möllemann“ auf den Zeiger und hat auf der Bühne einen interessanten Assistenten: Grünen-Politiker Cem Özdemir.


2003: „Durch die Nacht mit…“ Michel Friedmann ist eine Frankfurter Belehrung vom Feinsten

Michel Friedmann bringt Christoph Schlingensief Manieren bei. Quelle: Youtube

Dreimal ist Christoph Schlingensief zu Gast bei der großartigen Arte-Reihe „Durch die Nacht mit…“, in der zwei Protagonist*innen für einen Abend aufeinander treffen, dabei an diversen Stationen von Kameras begleitet werden. In der zweiten Folge, die am 24. Januar 2003 ausgestrahlt wird, haben ein ausgesprochen hochtouriger Michel Friedman und ein freundlich neugieriger, sehr unkrawalliger Christoph Schlingensief einen sehr intensiven Abend in Frankfurt/Main.

Allein wie Michel Friedmann sich bei seinem Lieblingsitaliener über Trüffel auslässt, ist eine Belehrung vom Feinsten. Und Schlingensief fragt und staunt und lacht und ist unfassbar sympathisch dabei.


2004: Mehr Wagner wagen und keine Rücksichten nehmen

Zum Auftakt der Ruhrfestspiele in Recklinghausen: Schlingensief bei der Wagner-Ralley im Rennfahreroutfit. imago images / Michael Kneffel
Zum Auftakt der Ruhrfestspiele in Recklinghausen: Schlingensief bei der Wagner-Ralley im Rennfahreroutfit. Foto: imago images/Kneffel

Schlingensief und Richard Wagner, das ist eine interessante Kombination. Mit der gewaltigen Musik traktierte er unter anderem Schiller und Goethe in Weimar, Robben in Namibia. Viermal inszeniert er Opern bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth.

Bei der Wagner-Rallye in Recklinghausen kehrt der bekennende Katholik Anfang Mai 2004 in den Ruhrpott zurück und inszeniert eine viertägige Autorundfahrt durch das Ruhrgebiet. Zum Fahrer-Casting wirft er sich in ein schmuckes Rennfahreroutfit, genretypisch zugepflastert mit Werbebannern. Besonders adrett: „666 Götterdämmerung.“

Bei seinem Bayreuth-Debüt bringt er zweieinhalb Monate später den „Parsifal“ zurück auf den Hügel. So, wie man ihn dort noch nicht gesehen hat. Hinterher streitet er sich herzlich mit dem Festivalchef und dem Hauptdarsteller. Aber er wird wiederkommen. Und weiter gehen. Immer weiter. 2007 inszeniert er den „Fliegenden Holländer“ am Amazonas in Manaus.


2008: „Die Kirche der Angst…“ ist Requiem, Fegerfeuer und Erlösung zugleich

Schlingensief am 24.04.2009 während der Pressekonferenz zum Beginn des Theatertreffens Berlin 2009 im Haus der Berliner Festspiele. Foto: imago images / DRAMA-Berlin.de
Schlingensief am 24.04.2009 während der Pressekonferenz zum Beginn des Theatertreffens Berlin 2009 im Haus der Berliner Festspiele. Foto: imago images/DRAMA-Berlin.de

Anfang 2008 wird bei Christoph Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert, ein Lungenflügel entfernt. Während er im Krankenbett liegt, spricht er ins Diktiergerät hinein. Über die Verzweiflung, die Angst, die Hoffnung. Er weint, er wütet, er verzweifelt, er kämpft, sein Atem geht schwer.

Einige Ausschnitte sind in seiner grandiosen Inszenierung „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ zu hören, die er im September bei der Ruhr-Triennale 2008 erstmals auf die Bühne bringt und mit der er im Jahr darauf in Berlin das Theatertreffen eröffnet: mit Kanzel und Kruzifix – und ihm selbst als Hauptfigur, einen schmal gewordenen Christoph Schlingensief, der dem Tod trotzt und das Leben feiert.

Es ist Fegefeuer und Requiem und Erlösung in einem. Es ist kaum auszuhalten. Es ist grandios.

tip-Bühnenredakteur Peter Laudenbach führte damals das letzte, sehr persönliche tipBerlin-Gespräch mit Christoph Schlingensief.


2009: Bei der Berlinale in der Jury immer schön auf dem roten Teppich bleiben

Mit Tilda Swinton in einer Jury. Foto: imago images / BRIGANI-ART
Mit Tilda Swinton in einer Jury. Foto: imago images/BRIGANI-ART

Ein Jahr nach seiner schweren Operation ist Christoph Schlingensief zurück auf dem Roten Teppich. Bei der Berlinale 2009 wird er Jurymitglied, gemeinsam unter anderem mit dem Regisseur Wayne Wang und dem Schriftsteller und Theaterregisseur Henning Mankell – der fünf Jahre nach Schlingensief selbst auch an Krebs stirbt. Jurypräsidentin ist die großartige Tilda Swinton.


2010: Die Grundsteinlegung seines Operndorf in Burkina Faso erlebt Schlingensief noch selbst

Hinweisschild zum Operndorf des 2010 verstorbenen Film- und Theaterregisseurs Christoph Schlingensief am Rande der Ortschaft Ziniaré, etwa 40 Kiliometer nordoestlich von Quagadougu, der Hauptstadtvon Burkina Faso. imago images / Friedrich Stark
Hinweisschild zum Operndorf am Rande der Ortschaft Ziniaré, etwa 40 Kiliometer nordöstlich von Quagadougu, der Hauptstadtvon Burkina Faso. Foto: imago images/Stark

Ein Opernhaus in Afrika: Die Grundsteinlegung seines großen Traums erlebt Christoph Schlingensief noch persönlich mit. Im Februar 2010 reist der Regisseur nach Burkina Faso in die Ortschaft Ziniaré, 40 Kilometer von der Hauptstadt Quagadougu entfernt. Die zugehörige Stiftung ist in den zehn Jahren seither dank seiner Witwe Aino Laberenz weiter gewachsen. Auch wenn dort kein Opernhaus steht, mehr ein Operndorf, wie es auch das Motto war, das Schlingensief einst ausgab: „Unsere Oper ist ein Dorf!“


2010: Ein letztes Mal auf der Berlinale

Noch einmal roter Teppich: mit seiner Ehefrau Aino Laberenz bei der 60. Berlinale. Foto: imago images/Future Image

Kurz nachdem er aus Burkina Faso zurück ist, kommt Christoph Schlingensief mit seiner Frau Aino Laberenz zum Eröffnungsfilm der 60. Berlinale. Er sieht gut aus, sein Haar fliegt wild in alle Richtungen.

Es ist ein halbes Jahr, bevor der verdammte Krebs ihn doch noch holt. Im Mai sagt er in einem Interview, dass neue Metastasen in seinem Körper gefunden worden seien. Am 21. August 2010 stirbt er, gut zwei Monate vor seinem 50. Geburtstag, in Berlin.

Jetzt kommt die Dokumentation „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ von Bettina Böhler, die bereits im Winter bei der Berlinale lief, in die Kinos. Hier lest ihr eine Besprechung von tipBerlin-Filmexperte Bert Rebhandl.


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