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Berliner Dramatiker

„Es geht immer um alles“ – Der junge Berliner Dramatiker Bonn Park, ein Porträt

In den Stücken des Berliner Dramatikers Bonn Park begegnet man sprechenden Schildkröten, depressiven Diktatoren, Reisen zum Mond und drei Milliarden Schwestern

„Ich werde immer noch nicht ernst genommen. Vielleicht weil ich asiatisch aussehe, klein und freundlich“, sagt Bonn Park, Foto: Niklas Vogt

Als Bonn Park merkte, dass er sich als Schauspieler nicht gut genug findet, wechselte er einfach das Genre und fing an, Theaterstücke zu schreiben – zum Beispiel eine neue Fassung der antiken „Orestie“. Er hatte gerade Abitur gemacht, das Jugendtheater der Berliner Volksbühne spielte seine trashig-eigensinnigen Klassiker-Bearbeitungen („Molière’s HORNY“, „SIMBA, Prinz von Dänemark“) und Bonn Park kam nicht mehr los vom Theater. Beim Schreiben bediente er sich großzügig bei Shakespeare, Molière und Computerspielen, aber natürlich auch bei den Regisseuren der Volksbühne: „Gute Künstler klauen – und machen dann etwas Eigenes daraus. Ich habe bei allen geklaut.“ Als er bei Frank Castorf hospitierte, war er so nervös, dass er einfach nicht redete. Das war nicht die schlechteste Strategie. „Irgendwann hat Castorf von sich aus angefangen zu erzählen, weil ich so still war.“

Zehn Jahre und viele Theaterstücke später sitzt Bonn Park in einem Berliner Biergarten. In der vergangenen Spielzeit hat seine Revue „Drei Milliarden Schwestern“ der Volksbühne einen schönen Überraschungserfolg beschert. Theater in Frankfurt, Zürich und Bielefeld haben seine Stücke aufgeführt, und einige Nachwuchspreise hat Bonn Park auch schon gewonnen. Dass der 32-Jährige trotzdem eindeutig ein Nachwuchsautor ist, dessen Durchbruch bitte demnächst mal anstehen sollte, liegt nicht nur daran, dass Dramatiker im deutschen Theaterbetrieb mindestens bis zum 40. Geburtstag locker als ­Nachwuchskräfte durchgehen. Es liegt vor allem daran, dass Bonn Park derzeit wahrscheinlich der interessanteste Außenseiter des Betriebs ist.

„Ich fühle mich überhaupt nicht etabliert. Ich werde, glaube ich, immer noch nicht ernst genommen. Vielleicht weil ich asiatisch aussehe, klein und freundlich“, sagt der im gutbürgerlichen Wilmersdorf aufgewachsene Sohn koreanischer Eltern. Was das bedeutet, ahnt man ein wenig, wenn in einem seiner Stücke mit großer Penetranz die Frage „Woher kommst Du?“ in Endlosschleifen wiederholt wird. Bonn Park hat nicht die geringste Lust, sich zum Opfer zu stilisieren, lieber macht er in seinen Texten sarkastische Witze über die Ignoranz. „Du wächst halt mit Rassismus auf, jeden Tag. Mein Migrationshintergrund ist freundlich und nett, ein Diminutiv, mein ganzes Leben lang“, sagt Park. „In Anwesenheit von mir kann man ja Witze über Asiaten machen und sagen, das ist ja bloß ein Spaß. Wenn ich weiß wäre, eine Brille und einen Drei-Tage-Bart tragen würde, meine Güte, hätte ich es einfacher.“

Seine Stücke sind seltsam melancholisch, persönlich und gleichzeitig aberwitzig überdreht, grelle Comics und heillos verlorene Sehnsuchts-Seufzer: Irgendwo muss es doch sein, das richtige Leben. Die gängigen Theater-Moden, also Oldschool-Textflächen, Befindlichkeits-Übungen oder die Reste des Pop-Theaters, die gute alte Repräsentationskritik oder aufgeregte Authentizitäts-Debatten (Dürfen nur Geflüchtete Geflüchtete spielen?), scheinen ihn schlicht nicht mehr zu interessieren. Stattdessen benutzt er das Theater als einen großen Spielplatz, auf dem erst mal alles erlaubt ist. Oder als ein Gefäß, in das man alle Fragen kippen kann, auf die das Leben keine Antworten hat oder nur die falschen – zum Beispiel all die lästigen Identitätsfragen.

Dann sieht Bonn Park aufmerksam dabei zu, was geschieht, wenn all diese Fragen wie in einer lustigen Kettenreaktion explodieren: Puff! Ausufernde Maßlosigkeit, Ideen-Overkill und ein buntes Figuren-Panoptikum sind ihm auf jeden Fall lieber als saubere Erzählökonomie oder politisch korrektes Statement-Theater. „Ich möchte Theater machen für alle, jenseits dieser etablierten Blase, die sich in ihrem komischen Halblinks-Tun immer selber abholt und sich von nichts herausfordern lässt“, sagt Bonn Park im Berliner Biergarten. „Ich habe keine Lust, mir im Theater ständig selbst zuzunicken bei Themen und Meinungen, die wir sowieso schon alle in uns haben, und mich danach wie einer von den Guten zu fühlen.“ Kein Wunder, dass die Theater von seiner verspielt postideologischen Kunst ein wenig überfordert sind.

Lustig und irritierend sind schon seine Stücktitel, etwa „Wir trauern um Bonn Park“, eine fiktive Todesanzeige. Oder das als Auftragswerk für das Schauspiel Frankfurt geschriebene „Flanuforoto“, in dem die Europäer irgendwo im Erdinneren hausen und Asiaten die Weltherrschaft übernommen haben. Oder „Das Knurren der Milchstraße“. Hier hat ein winziger außerirdischer Biologe für die Menschheit nur Mitleid übrig: „Ich habe einen Planeten entdeckt, da leben alle in ­Scheiße und verstümmeln sich gegenseitig in schmutziger Luft“.

Die Diagnose, dass der Menschheit nicht zu helfen ist und die Apokalypse vielleicht die sauberste Lösung wäre, taucht öfter in Bonn Parks Werk auf. In der knalligen Tschechow-Überschreibung „Drei Milliarden Schwestern“ warten die Protagonistinnen mit der weiblichen Hälfte der Menschheit auf den Einschlag eines Kometen, der unaufhaltsam auf die Erde zurast. Ihr einziges Problem ist es, die drei Jahre bis zum Aufprall irgendwie rumzukriegen – schließlich werden sie jeden Tag älter und lustloser.

Bonn Parks Personal lebt zwar auf einem Höllenplaneten, aber immerhin gibt es dort gute Musik. In „Das Knurren der Milchstraße“ zum Beispiel eine Band, die Nirvana-Songs covert. Leadsänger ist der nordkoreanische Diktator, „der fassungslose Kim Jong-Un“, an der Gitarre „der ernüchterte Donald Trump“, am Bass „Bonn Park aus der Zukunft, gefangen im Körper eines 11-jährigen Mädchens“.

Kim Jong-Un spricht Schweizer Dialekt, wünscht sich den Weltfrieden und leidet unter Depressionen: „Manchmal setze ich mich einfach in meinen Atomschutzbunker und weine, schaue in den Spiegel und schminke mich so, dass man es nicht mehr sehen kann.“ Donald Trump verschenkt seine Milliarden, schmilzt alle Waffen ein und ist auch sonst ein guter Mensch. In Bonn Parks Theater sind solche Wunder kein Problem. Aber auch melancholische Galapagos-Schildkröten, Sturmfluten, Reisen zum Mond, oder Figuren, die sich mit jedem Satz in ein anderes Tier verwandeln, kommen zu ihrem Recht, oder zumindest zu ihrem Auftritt.

Dafür, dass in seinem Kopf offenbar jede Menge los ist, ist Bonn Park im Gespräch ein erstaunlich freundlicher und zurückhaltender Mensch. „Mein Stil? Ich würde sagen traurig und lustig und wütend. Außerdem geht es auch immer um alles.“ Etwas unfreundlicher wird er nur, wenn er über ein paar Theatermachthaber spricht, die er nicht mag: „Ich möchte nicht einer dieser abgehetzten, machtbewussten, verpanzerten Theaterfunktionäre werden. Es gibt im deutschen Theater so eine komische Gier nach Mittelmäßigkeit. Ich fühle mich manchmal wie im Treibsand der Relevanzlosigkeit.“ Das ist nicht ganz fair, aber wütend.

In Bonn Parks jugendlicher Wut gegen den laufenden Betrieb, in den er nicht so richtig passt, steckt auch schon die Utopie eines besseren Theaters. Dass es das gibt, hat er bei P14 erlebt, dem Jugendtheater der Volksbühne, bei dem er vor gut zehn Jahren angefangen hat: „Ich finde, das ist das beste Konzept für Jugendtheater, für Theater überhaupt, die Leute werden erstmal ermuntert, zu machen, ohne irgendwelche pädagogischen Vorschriften. Man wird als Künstler oder Künstlerin ernst genommen, mit der großen Erlaubnis zum Scheitern. Alles beginnt mit Vertrauen und Ideen, niemand wird klein gehalten wegen Alter, Geschlecht oder Sexualität, im Gegenteil.“ Das klingt nach einem hervorragenden Konzept für die Zukunft des Theaters.

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