• Kultur
  • Theater
  • „Hekabe – Im Herzen der Finsternis“ im Deutschen Theater

Sprechkonzert

„Hekabe – Im Herzen der Finsternis“ im Deutschen Theater

Stephan Kimmig widmet den weiblichen Opfern des trojanischen Krieges das Sprechkonzert „Hekabe – Im Herzen der Finsternis“

Foto: Arno Declair

Der Regisseur Stephan Kimmig hat am Deutschen Theater unter tätiger Mithilfe seines Dramaturgen John von Düffel zwei antike Tragödien des Euripides, „Die Troerinnen“ (ca. 415 vor Christus) und „Hekabe“ (ca. 428 vor Christus) mit Passagen aus der „Ilias“ des Homer zu einem 90-minütigen, eher nicht kurzweiligen Theaterabend montiert. Zentralfigur der Textcollage ist Hekabe, die Gattin des von den Griechen besiegen Herrschers der Stadt Troja. Sie erleidet nicht nur von Seiten der Siegermächte, insbesondere des in der Literatur der Antike in anderen Kontexten ob seiner List bewunderten Odysseus, Grausamkeiten wie den Mord an ihrer Tochter. Auch ein Freund der Familie, ein gewisser Polymestor, verrät sie, indem er ihren ihm zum Schutz anvertrauten Sohn Polydor aus Habgier ermordet.

Verbindendes Zentralmotiv der Textcollage ist neben der Klage, dass Krieg nicht schön ist (oder, um es mit den Worten Martin Kippenbergers zu sagen: „Krieg böse“) und insbesondere Frauen im Verlauf kriegerischer Handlungen als Beutegut und Opfer sexueller Gewalt zu leiden haben, der Gedanke, dass die Bewertung eines Kriegsakteurs als Heros oder Verbrecher eine Frage der Perspektive sei, die bedauerlicherweise oft aus Sicht der Sieger geschrieben und in Werken der Literatur und Propaganda festgehalten werde: „Aus Tätern werde Helden, sobald sie ihre Lieder dichten.“ Wahrlich, das sind gänzlich neue, überraschende, noch nie präsentierte und sehr komplexe Thesen. Wie um anzudeuten, das dies auch die Verbrechen des Kolonialismus betrifft, zitiert der Titel des Theaterabends („Hekabe. Im Herzen der Finsternis“) mit Joseph Conrads Erzählung einen Klassiker der literarischen Bearbeitung der Gewalt der europäischen Expansion. Das hat zwar mit den verwendeten Texten der Antike wenig zu tun (Troja war keine Kolonie, sondern ein Konkurrent Athens), verbindet aber zumindest als Marketingsignal das Genderthema mit dem auf Theaterbühnen ähnlich beliebten Thema des Kolonialismus. Der naheliegenden Kritik, mit der Opferzeichnung der weiblichen Hauptfigur Frauen zu viktimisieren, entgeht die Textcollage dank des Grausamkeitspotentials der Tragödie, die ohne moralische Verurteilung Hekabes Racheexzess feiert, wenn auch um den Preis einer gewissen Entmenschlichung der Rasenden.

Die Bühnen-Umsetzung verzichtet in einem hübsch anzusehenden Holzkasten (Bühne: Katja Haß) auf Rollenpsychologie und konzentriert sich in Form einer meistens frontal vorgebrachen szenischen Lesung mit Musikuntermalung (Livemusik: Michael Verhovec) auf die mit großzügig eingesetzter Emotionsdarbietung begleitete Textpräsentation. Vier Sprecher, drei Frauen aus drei Generationen, eine junge, wütend aufbrausende (Linn Reuse), eine mittelalte, eher aufs Leiden spezialisierte (Almut Zilcher) und eine alte, mit schöner Konzentration kühl reflektierende (Katharina Matz) und ein bedauernswerter Mann, der kraftpumpend alle Männerschändlichkeiten zu verkörpern hat (Paul Grill), bemächtigen sich abwechselnd aller Figuren.

Termine: Hekabe – Im Herzen der Finsternis im Deutschen Theater, 10–42 €

Mehr über Cookies erfahren