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Theaterprojekt

Helgard Haug von Rimini-Protokoll hat mit Tourette-Betroffenen ­ Theater gemacht

Tourette ist eine Rampensau – schon der Titel des Abends ist vielversprechend: „Chinchilla Arschloch, waswas“

Foto: Robert Schittko; Michiel Devijver

tip Frau Haug, ist das eine Freak-Show, wenn Sie eine Inszenierung mit von Tourette Betroffenen zeigen?
Helgard Haug Dann hätte ich meinen Job nicht gut gemacht.

tip Wie kam es Ihrer HAU-Inszenierung mit dem schönen Titel „Chinchilla Arschloch, waswas“?
Helgard Haug Die Geschichte dieses Stücks beginnt mit einer Absage. Ich habe Christian Hempel im Zusammenhang mit einer Recherche für ein anderes Stück gefragt, ob er sich vorstellen könnte, im Theater aufzutreten. Das hat er ultimativ abgelehnt. Er hat viele Gründe genannt, warum es undenkbar sei, dass er mit seiner schweren Form von Tourette, bei der man eigentlich nie genau weiß, was als nächstes passiert, und deren Wesen es ist, jeden Rahmen zu sprengen, im kontrollierten Rahmen einer Theateraufführung bestehen könnte.

tip Aber jetzt ist er Teil Ihrer Inszenierung?
Helgard Haug Ich wollte genau solch eine Zerreißprobe wagen. Also habe ich die Absage damals sportlich genommen. Wir sind in Kontakt geblieben, und irgendwann ist die Idee gewachsen, gemeinsame Ausflüge zu machen. Und aufzunehmen, was dabei passiert. Christian hat sich in den letzten Jahren immer weiter zurückgezogen und vermeidet es grundsätzlich, in die Öffentlichkeit zu gehen. Ihm ist das Risiko zu hoch, durch seine Ausrufe missverstanden zu werden und eins auf die Mütze zu bekommen. Vielleicht ist er es auch ein bisschen leid geworden, sich ständig erklären zu müssen. Seine Form des Tourettes ist auch begleitet von der sogenannten Koprolalie, also dem Ausschreien von Schimpfwörtern. Das reicht von „Heil Hitler, du Nutte“ bis zu „Chinchilla Arschloch“.

tip Wie haben Sie miteinander gearbeitet?
Helgard Haug Mit seinem VW-Bus, der so umgebaut ist, dass er sich und den Fahrer durch seine motorischen Tics nicht in Gefahr bringt, haben wir Ausflüge unternommen und sind der Frage nachgegangen: Wie reagiert Tourette auf welche Situation? Wie kommentiert es unsere Realität? Was geschieht mit Tourette, wenn wir über die Autobahn heizen, an Raststätten halten, auf den Autozug nach Sylt rollen oder ins Meer springen? Was passiert, wenn wir in Berlin auf Bijan Kaffenberger treffen, der auch Tourette hat, aber als hessischer Landtagsabgeordneter ständig in der Öffentlichkeit agiert. Aus den Aufnahmen ist ein Hörspiel entstanden. Mich haben diese Erfahrungen darin bestärkt, dass wir das Experiment auf der Bühne fortsetzen müssen. Wahrscheinlich habe ich so lang genervt, bis Christian irgendwann eingewilligt hat.

tip Wer sind die anderen Beteiligten?
Helgard Haug Ich habe den Politiker Bijan Kaffenberger eingeladen mitzumachen, außerdem steht noch Benjamin Jürgens auf der Bühne. Er hat eine andere Form des Tourettes. Wir haben ihn anfangs als Ratgeber konsultiert, er leitet eine Selbsthilfegruppe. Bei Benjamin gibt es das faszinierende Phänomen, dass Tourette völlig verschwindet und er überhaupt nicht tict, wenn er Musik macht. Barbara Morgenstern hat die Musik für das Stück komponiert und für jeden der drei Protagonisten einen Song geschrieben, sie ist auch live auf der Bühne dabei. Diese lange Vorgeschichte ist Bestandteil des Stücks geworden. Was ist hier möglich? Wie werde ich angeschaut? Und wie viel Freiheit räumen wir uns gegenseitig ein? Es ist auch eine Untersuchung von Sprache geworden. Was sind Reizwörter, welche Tabus deckt Tourette auf, wie hat sich der Sprachgebrauch in den letzten Jahren verändert, welche Worte aber auch welches Denken ist wieder salonfähig geworden?

tip Wie waren die Proben?
Helgard Haug Die eigentlichen Proben waren nach einer langen Vorbereitungszeit ziemlich kurz und knackig. Wir haben langsam die Anzahl der anwesenden Menschen während der Proben im Raum erhöht und einige tryouts mit Testzuschauern gemacht, um verschiedene Spielarten des Tourettes kennenzulernen und auszutesten. Das ging alles viel einfacher als wir anfangs dachten. Grundsätzlich ist Tourette ja auch ziemlich witzig und wir hatten dann eine sehr entspannte und heitere Zeit miteinander. In Berlin machen wir jetzt nach der Premiere in Frankfurt die ersten Gastspiel-Erfahrungen.

tip Haben Sie dabei gelernt, neu darüber nachzudenken, was das eigentlich ist: Theater?
Helgard Haug Tourette ist eine Rampensau und fühlt sich sehr wohl im Theater. Was als Kampfansage begann, ist eigentlich so was wie eine Liebeserklärung an das Theater geworden. Wie wunderbar, dass ein solcher Ort mit all seinen Mitarbeiter*innen so eine Begegnung ermöglicht. Wie unglaublich das kreative Potential, wie robust und geduldig das System, wie schön und wie liebevoll zugeneigt und humorvoll das Publikum – um das geht es nämlich eigentlich in diesem Stück.

Termine: HAU 2 Hallesches Ufer 32, Kreuzberg, ab 13 €

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