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Spiel ohne Grenzen: Das No Limits-Festival. Gespräch mit dem Kurator Michael Turinsky

Der Choreograf und Kurator Michael Turinsky über das No Limits-Festival und Theater von und mit Künstlern mit Behinderung

Michael Turinsky, Foto: Danila Amodeo

tip: „No Limits“ ist ein Festival von und mit Künstlern mit Behinderung. Eine unvermeidbare Frage zum Einstieg: Ist es korrekt und respektvoll oder stigmatisierend von „Künstlern mit Behinderung“ zu sprechen?

Michael Turinsky: Manche ziehen die Bezeichnung „Menschen mit Behinderung“ vor, andere bevorzugen die Bezeichnung „behinderte Menschen“. Beides ist gut.

tip: Ich brauche eine Brille, meine Zähne waren vor 30 Jahren besser als heute, mein Vater hatte Asthma. Leben wir in Wirklichkeit alle mit Behinderungen? Ist die Behauptung „normaler“ Gesundheit etwas weltfremd und im Kern ideologisch?

Michael Turinsky: Einerseits ja. So etwas wie absolute, hundertprozentige Gesundheit gibt es nicht, vor allem nicht über eine gesamte Lebensspanne hinweg. Andererseits habe ich große Schwierigkeiten damit, zu sagen, wir alle leben mit Behinderungen. Denn die Differenzen, die uns voneinander unterscheiden, fallen gesellschaftlich ganz unterschiedlich ins Gewicht. Ein Gebäude nicht betreten zu können, weil dessen Eingang nur über Stufen erreichbar ist – dieses spezifische Hindernis betrifft nur mich als Rollstuhlfahrer. Und auch nur ich als Rollstuhlfahrer, so wie alle anderen, die etwa mit dem Rollstuhl unterwegs sind, werden als behindert wahrgenommen und damit auch mit bestimmten Bildern und „Erzählungen“ konfrontiert. Ich würde also Behinderung als eine spezifische soziale und kulturelle Erfahrung innerhalb einer spezifisch organisierten Gesellschaft bezeichnen. Diese Spezifik dürfen wir auch aus politischen Gründen nicht unter den Teppich kehren. Oder, um es ein bisschen dumm zu formulieren: Nur weil wir manchmal auf Urlaub fahren, sind wir noch lange nicht alle  Migrant*innen. Migration ist vielmehr eine ebenso spezifisch situierte soziale Erfahrung innerhalb eines spezifisch organisierten, nämlich kapitalistisch, imperialistisch-kolonialistisch und rassistisch organisierten Weltsystems.

tip: Sie selbst sind Choreograf und Künstler mit Behinderung. Wie machen Sie die ideologisch konstruierte oder reale Differenz zwischen „normal, gesund“ und „mit Behinderung“ zum Thema Ihrer Arbeit?

Michael Turinsky: Zunächst mal unterscheide ich viel lieber zwischen „behindert“ und „nicht-behindert“. Was nun meine eigene künstlerische Praxis betrifft, so hat mich im Grunde immer ein bestimmter Spannungsbogen interessiert. Zum einen war es mir immer wichtig, von meinem eigenen Körper, meiner eigenen körperlichen Erfahrung, von der Materialität meines eigenen Körpers auszugehen. Dann aber war es mir ebenso stets wichtig, den Bogen zu einer allgemeineren Idee oder Fragestellung zu spannen, vor allem zu einer Idee oder Fragestellung, die in der einen oder anderen Weise an der Schnittstelle von Politischem und Ästhetischem angesiedelt ist. So habe ich mich im Zuge meiner bisherigen künstlerischen wie auch theoretischen Praxis innerhalb des produktiven Spannungsverhältnisses zwischen der Dimension des Choreographischen und der Dimension des Politischen als selbst körperbehinderter Choreograph in jeweils unterschiedlicher Weise positioniert – etwa im Hinblick auf Fremdgesetzgebung und Geschlecht in „heteronomous male“, im Hinblick auf Lust und Behinderung in „my body, your pleasure“, im Hinblick auf die Rolle der Oberfläche in Prozessen der (pop-kulturellen) Affektproduktion in „Second Skin“ oder im Hinblick auf die Idee einer viszeralen Solidarität in „Reverberations“.

RANDEN SAFT HORROR – Tiziana Pagliaro & Theater HORA, Foto: Niklaus Spoerri

tip: Würden Sie als Choreograf ohne Behinderungen andere Kunst machen?

Michael Turinsky: Dazu fällt mir ein in Wien geläufiger Spruch ein: „Wenn meine Großmutter Räder hätte, wäre sie ein Autobus.“ Mit Sicherheit würde sie sich ganz anders durch die Welt bewegen, hätte ein intimes Verhältnis zum Wiener Straßennetz, aber, und nun spricht der Philosoph aus mir: Wäre meine Großmutter noch immer sie selbst?

tip: An „No Limits“ beteiligen sich über 200 Akteure aus Brasilien, England, Italien, Nordamerika, Österreich, Schweden, der Schweiz, Serbien, Spanien, Südafrika und Deutschland – und jede und jeder ist anders. Wo liegen die Gemeinsamkeit und Differenzen im Umgang ihrer Kunst mit und Behinderungen?

Michael Turinsky: Grundsätzlich unterscheiden sich die verschiedenen Arbeiten vor allem in den Ästhetiken, die sie jeweils vorschlagen. Eine Gemeinsamkeit sehen wir darin, dass es allen Arbeiten auf ihre jeweils eigene Weise gelingt, unseren Blick auf den Körper und auch darauf, was als „Kunst“ im Allgemeinen und als Tanz oder Choreografie im Besonderen gilt, zu verschieben.

tip: Nach welchen Kriterien und Fragestellungen haben Sie das Festival kuratiert?

Michael Turinsky: Wichtig war uns die Sammlung einer Vielfalt künstlerischer Positionen, die wir zum jetzigen Zeitpunkt für relevant halten. Relevant verstehe ich dabei als ein Kriterium, das mehrere, unterschiedliche Aspekte umfasst. Erstens hielten wir vor allem solche Arbeiten relevant, in denen die Künstler*innen selbst Verantwortung für die künstlerische Gestaltung haben, in denen sie also Autorenschaft innehaben und damit selbst darüber bestimmen, in welcher Weise sie auf der Bühne zur Darstellung kommen wollen. Zweitens hat uns selbstverständlich auch der inhaltliche Aspekt der betreffenden Arbeiten interessiert. Inwiefern lenken die Arbeiten unser Sehen, Hören und Fühlen auf Themen, Bilder, Erzählungen, Erfahrungen, die ohne die Stimme der jeweiligen Künstler*innen unsichtbar, nicht hörbar bleiben würden. Und schließlich haben wir großes Augenmerk  auf die formalen Entscheidungen gelegt, welche die betreffenden Arbeiten ins Werk setzen, also darauf, welche spezifischen Mittel, welche spezifischen Qualitäten und welche spezifischen Konstruktionen und welche Weisen der Materialorganisation die Arbeiten vorschlagen. Mit anderen Worten: Gelingt es den betreffenden Arbeiten durch ihre eingesetzten Mittel und Qualitäten sowie durch ihre spezifische Konstruktion, wie vorhin erwähnt, unseren Blick sowohl auf den als „behindert“ markierten Körper als auch auf das Phänomen Tanz zu verschieben oder bewegen sie sich im Feld des Konventionellen?

tip: Welche Aufführung darf ich auf keinen Fall verpassen?

Michael Turinsky: Wenngleich es mir schwer fällt, eine bestimmte Aufführung hervorzuheben, möchte ich gern auf ein Event hinweisen, das im strengen Sinn eigentlich gar keine Aufführung ist, im Fachchinesisch würden wir es eher als „durational performance“ beziehungsweise als Installation bezeichnen: Noëmi Lakmaiers „Cherophobia“, in dem die Künstlerin zwölf Stunden in einem Bett liegend in der Luft schwebt, getragen von tausenden heliumgefüllten Luftballonen.

No Limits HAU, Sophiensaele, Theater Tikwa, Ballhaus Ost, 6.–16.11., www.no-limits-festival.de

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