Rezension

Lars Eidinger in der Egoshooter-Show „Peer Gynt“ – Eine Kritik von Peter Laudenbach

Dass Lars Eidinger, egal ob als Hamlet, als Taschendesinger, Fotograf, Roter-Teppich-Stammgast, Instagramkanalbespieler, Fotomodell, Talkshow-Besucher, DJ oder einfach und sozusagen hauptberuflich als Lars Eidinger ein scharfer Typ ist, kann man beim Besuch seiner Egoshooter-Show „Peer Gynt“ an der Schaubühne als bekannt voraussetzen.

Lars Eidinger in „Peer Gynt“, Foto: Benjakon

Eidinger unterstreicht die Schärfe des eigenen Images wie die Risikobereitschaft in der Berufsausübung, indem er gegen Ende des Abends beherzt eine Chilischote verspeist bis ihm die Tränen in die Augen schießen, während er von seinen Kindheitserinnerungen berichtet. Der Mann schont sich nicht! Es wäre unfair, ihm vorzuwerfen, das einzige Thema des hochtourigen Solo-Abends sei Eidingers Faszination von Eidinger und das entscheidende Stilmittel sei ein offensiv ausgestellter Narzissmus. Stimmt zwar im Prinzip, aber als Vorwurf taugt das wenig. Schon weil Eidinger selbst im tip-Interview offenherzig „Narzissmus“ als Kern seiner Beschäftigung mit Ibsens dramatischem Gedicht genannt hat. Außerdem ist er natürlich viel zu smart, abgebrüht und eitel, um die Narzismuss-Diagnose eine Sekunde zu leugnen.

Es ist komplizierter, etwa weil Eidinger zum Zweck der Selbstbespiegelung die halbe Popgeschichte plündert und sich durchaus ernsthaft auf Peers Lügen- und Selbsterfindunsgeschichten in vielen Schichten um einen nicht vorhandenen Kern einlässt. All seine Reisen um die Welt, die natürlich nur Reisen durch die eigene Person sind, spiegelt Eidinger zurück auf das kleine, gierige, alles aufsaugende Kind, dem die ganze Welt bitte sehr ein Spiegel und Spielplatz seiner Majestät des Ichs, des Zentrums der Welt, zu sein hat. Für manche endet die frühkindliche Analphase offenbar nie.

Die ganze Existenz eine einzige Behauptung

Eidingers Peer ist kein Ibsen-Zeitgenosse aus dem späten 19.Jahrhundert, sondern eine sehr heutige Selfie-Figur, einer von uns, ein Ego-Performer, Authentizitäts-Darsteller, schnell gelangweilter Reiz-Konsument, hinter tausend Masken keine Welt. Die ganze Existenz eine einzige Behauptung, eine Persönlichkeit wie ein ungedeckter Scheck mit sehr vielen Nullen. Peer Eidinger muss wie ein Schauspieler des eigenen Lebens immer weiter reden und performen, vermutlich aus Angst, sofort zu verschwinden, wenn er damit aufhört. Der Abend beginnt mit einer Behauptung, die nur die Lüge eines Jahrmarktausrufers sein kann: „Jedes Wort ist die Wahrheit. Und hier bin ich, ich, ich!“ Und er endet mit der Verwandlung des Performers in eine Art lebendes Denkmal seiner selbst, mit entblößter Brust und dem flehenden Blick auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Der arme Peer ruft, „er lebe hoch, der große Peer Gynt“, er saugt das Gelächter und den Beifall aus dem Off gierig auf, aber der Jubel kommt vom Band. Keine Frage, Peer ist eine arme Wurst.

Foto: Christiane Rakebrand

Zur Selbstvergrößerung wirft sich der aufgekratzte Lars Gynt in alle möglichen Figuren, je größer und knalliger, desto besser, irgendwie muss man sich ja von der inneren Leere ablenken. Warhol! Shakespeare! Disney! Google! Er wäre am liebsten alle auf einmal. Die sentimentalen Referenzen widmen sich den alten Kinderzimmerfreunden Paul, John und Yoko oder den Herren DAF, die mit einem Klassiker zitiert werden, der ziemlich genau Peers Problem oder Lebenskonzept beschreibt: „Ich und Ich und Ich und die Wirklichkeit im wirklichen Leben.“ Blöd nur, dass es außerhalb dieses daueraufgeblähten Ichs nicht sehr viel Wirklichkeit gibt.

Es ist auf interessante Weise irritierend

Die liebevoll verwendete, nachgespielte und abgefeierte Popstar-Galerie reicht vom weißgeschminkten 1970er-Glamrocker mit Föhnfrisurmähne über Bowies Außerirdischen Ziggy Stardust bis zu einem boxkampf-tanzenden Oldschool-Hiphoper, der lustigerweise behauptet, er sei „brand new“. Es ist auf interessante Weise irritierend, dass Eidinger in all diesen Kostümierungen persönlicher, ungeschützter „echter“ wirkt, als wenn er sich entkleidet und Geschlechts- wie Hinterteil als Zeichen vorbehaltloser Selbstentblößungsbereitschaft, Exzessfreude und schauspielerischer Extremsportkönnerschaft vorführt. Das ist der Oscar Wilde-Moment der Inszenierung: Eidinger demonstriert, dass nichts wahrer als die Künstlichkeit ist und der Glaube an eine unverstellte, nackte Natur nur dumm oder manipulativ oder beides sein kann.

John Bock, ein Veteran der performancenahen bildenden Kunst, ist als Bühnenbildner und Co-Regisseur (neben Eindinger himself) beteiligt. Er hat eine lustig scheußliche Installation auf die Drehbühne gestellt, allerhand Gerümpel und ein begehbares Stofftier, in dessen rot ausgeleuchtetem Innerem sich eine Art Uterus befindet, in den sich Peer gerne vor der Unbill der Welt verkriecht. Dazu gluckert eine Milchpumpe mit langen, durchsichtigen Röhren friedlich vor sich hin, vielleicht ist es Muttermilch für das ewige Riesenbaby Peer. Weil am linken Bühnenrand noch Platz war, steht da eine Maschine, deren Getriebe sinnlos im Leerlauf für Bewegung sorgen, was man mit etwas gutem Willen als Äquivalent zu Peers aufgekratzten Leerlauf, seinem tobenden Kreisen um sich selbst verstehen könnte.

Termine: Peer Gynt an der Schaubühne

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