Interview

Sexarbeiterin für Senioren: Über Scham, Vorurteile – und Notwendigkeit

Als Sexarbeiterin und Sexualassistentin besucht Stephanie Klee ältere Männer und Frauen in Berliner Altenheimen, um ihnen ihre sexuellen Wünsche zu erfüllen. Mit uns hat sie über übergriffige alte Männer, Orgasmen ohne Erektion und den Mangel an Wissen über Sex beim Personal gesprochen.

Die Sexarbeiterin Stephanie Klee besucht Senioren in Berliner Altenheimen. Foto: Liam Hayes
Stephanie Klee hat lange in Bordellen gearbeitet und weiß, wie Männer zum Orgasmus bringt, bei denen Penetration nicht mehr in Frage kommt. Foto: Liam Hayes Foto: Liam Hayes

tipBerlin Stimmt es, dass es bei der Sexualassistenz, anders als bei der Sexarbeit, weniger darum geht, den Kunden einen Orgasmus zu verschaffen?

Stephanie Klee Worum es bei der Sexualassistenz geht, hängt davon ab, woher die Sexualassistentin kommt und wie ihre Einstellung ist. Das muss der Kunde vorher erfragen. Es gibt auch Sexualassistentinnen, die aus einem tantrischen oder therapeutischen Hintergrund kommen und sich kaum berühren lassen. Die schließen den Orgasmus oft aus.

tipBerlin Wie ist das bei Ihnen?

Stephanie Klee Ich komme aus der Sexarbeit, ich bezeichne mich in erster Linie als Sexarbeiterin. Für mich ist ein Orgasmus nicht ausgeschlossen. Meine Erfahrung ist, dass die Leute, die ich besuche, eigentlich alle den Orgasmus wollen. Wenn, dann scheitert es bei denen an der Frage, ob es körperlich möglich ist. Ich habe viel Erfahrung aus Bordellen, ich habe viel Know-How und weiß über verschiedene Praktiken Bescheid. Wenn jemand einen Orgasmus will, versuche ich, diesen Wunsch zu erfüllen. Allerdings, und das bestätigen auch Studien: Mit zunehmendem Alter werden Intimität und körperlicher Kontakt wichtiger als der sexuelle Akt selbst.

tipBerlin Wie sind Sie von der Sexarbeit zur Sexualassistenz gekommen?

Stephanie Klee Das war ein natürlicher Weg. Ich wurde älter und meine Kunden wurden älter. Sie kamen nicht mehr ins Bordell und ich habe angefangen, sie zu Hause zu besuchen und dann irgendwann im Seniorenzentrum. Einen langjährigen Kunden habe ich eine zeitlang auch heimlich besucht, wie einen alten Freund. Wir hatten dann eine gute Zeit zusammen und sind danach noch einen Kaffee trinken gegangen.

tipBerlin Hatten Sie jemals eine engere Beziehung zu Kunden?

Stephanie Klee Ich habe mehr männliche als weibliche Kunden in den Pflegeheimen. Bei denen merke ich oft, dass ihre Bedürfnisse größer sind als nur eine Stunde lang sexuellen Kontakt zu haben. Mit einem Klienten bin ich danach regelmäßig ein Eis essen gegangen. Das sind Momente, die den Klienten glücklich machen, aber auch mich glücklich machen. Ich hatte auch einen Klienten, bei dessen Beerdigung ich dabei war, ich war sogar die letzte Person an seinem Sterbebett war. Aber auch so gehe ich mit Menschen um: respektvoll.

Es gibt einen Herrn, der mir besonders ans Herz gewachsen ist. Vor dem zweiten Lockdown habe ich ihn alle vierzehn Tage besucht. Er war beleidigend gegenüber dem Personal und anderen Menschen. Nach meinem ersten Besuch konnte er seine Sexualität besser kontrollieren und sie auf mich projizieren. Er war auch einer von denen, mit denen ich in die Eisdiele gegangen bin, manchmal auch in den Biergarten. Ich weiß auch viel über ihn: Er hat mir erzählt, wo er arbeitet und was in seiner Familie los ist. Aber das hängt immer vom Gesundheitszustand der Leute ab. Er ist geistig und körperlich noch recht fit. Geschlechtsverkehr konnte er nicht mehr haben, aber mit einem Blowjob oder einem Handjob konnte ich ihm einen Orgasmus verschaffen. Er hat auch jedes Mal relativ schnell darum gebeten, befriedigt werden. Ich denke, das ist eine Frage der Sozialisation. Vor allem Männer in dem Alter sind es gewöhnt, so etwas einzufordern. Aber danach hatte er auch das Bedürfnis, zu kuscheln, massiert zu werden. Wir verließen das Zimmer immer Arm in Arm.

„Manchmal mache ich dort richtig Akrobatik“

tipBerlin Sex in einem Zimmer in einem Altenheim: Kommt da Stimmung auf?

Stephanie Klee Die meisten Betten dort sind Einzelbetten, 80 bis 90 Zentimeter breit – das ist für zwei Personen kaum geeignet. Manchmal mache ich dort richtig Akrobatik. Die Zimmer sind auch meist sehr lieblos eingerichtet. Wie in einem Krankenhaus, hässliche Vorhänge, kaum persönliche Bilder, dieses eklige Beistelltischchen, wo unten der Nachttopf steht und oben die Tabletten. Aber es gibt Einrichtungen, die haben ein Gästezimmer für Angehörige, die sind dann manchmal eingerichtet wie ein schönes Hotelzimmer. Wenn ich die nutzen könnte, wäre das eine Abwechslung für den Klienten, der meist die ganze Zeit in seinem Zimmer ist.

tipBerlin Das klingt nicht nach einer besonders anregenden Atmosphäre…

Stephanie Klee Die meisten der Einrichtungen sind komplett durchgetaktet. 5.15 Uhr aufstehen, 6.30 Uhr Frühstück, 10 Uhr Gymnastik, 11 Uhr Mittagessen, 14 Uhr Kaffee und Kuchen, 15 Uhr Bingo, 18 Uhr Abendessen, 19 Uhr schlafen. Das führt dazu, dass der Körper und die Psyche nicht mehr so feinfühlig reagieren. Die Struktur macht einen wie gelähmt. Hinzu kommt, dass viele Menschen denken, sie geben ihre Bedürfnisse, auch ihre Sexualität, an der Pforte auf, wenn sie in ein Pflegeheim ziehen. Die Gesellschaft denkt das auch. Die meisten Menschen rollen mit den Augen und sagen, dass es Sex im Alter nicht mehr gibt, dass der Sex irgendwann aufhört. Aber wir sind alle sexuelle Wesen von der Wiege bis zur Bahre und wir wollen es in unterschiedlichem Maße ausleben. Wir Menschen brauchen alle Körperkontakt, wir brauchen alle Intimität. Die Frage ist nur, wie viel und in welcher Art von Umgebung.

Aber oft ist das Personal nicht sehr offen im Umgang mit der Sexualität von alten Menschen. Das Problem ist, dass das Thema Sexualität und sexuelle Dienstleistungen in der Altenpflege-Ausbildung nicht wirklich eine Rolle spielt. Deshalb biete ich auch verschiedene Workshops zum Thema Sexualität für die Mitarbeiter an. Zum Beispiel dazu, wie die Mitarbeiter selbst über Sexualität denken und ob sie die Warnzeichen erkennen können. Das hat etwas mit dem Alter, der Bildung, der Erfahrung, aber natürlich vor allem mit der Einstellung zu tun. Ich frage mich dann: Wie ist ihre Einstellung zur Sexualität? Inwieweit sind sie bereit, sexuelle Annäherungsversuche oder Lust und Bedürfnisse wahrzunehmen? Schauen sie weg, bis es zu spät ist?

„Bei einer Frau hat das Personal eine Banane im Anus gefunden“

tipBerlin Was meinen sie mit „zu spät“?

Stephanie Klee Zum Beispiel, wenn der Herr das Personal angreift, während es seinen Intimbereich wäscht, und sagt: „Sie können da unten ruhig fester reiben!“, oder wenn er ihnen an die Brüste fasst. Ein anderes Beispiel wäre eine Frau, die nackt über den Flur läuft und zu den Besuchern sagt: „Ich will ficken, ich will ficken.“ Alles schon passiert. Das halte ich für falsch und schlecht, denn es gab vorher durchaus Signale, wo die Verantwortlichen hätten anrufen können. Ich hätte Person vorher viel Gutes tun können. Solche Situationen entstehen erst, wenn der Mangel immer größer wird. Ich weiß von einer Situation, in der das Pflegepersonal bei einer älteren Dame eine Kerze, eine Banane und ein Messer im Anus und in der Vagina gefunden hat. Das sind klare Anzeichen dafür, dass jemand Sexualität leben will, aber offensichtlich nicht weiß, wie.

tipBerlin Was ist mit der Dame passiert?

Stephanie Klee Das Pflegepersonal wurde damit nicht fertig, das war ja auch gefährlich, und rief mich an. Ich war natürlich in einer besonderen Position, weil ich von außerhalb des Pflegeheims kam und nichts mit der Einrichtung zu tun hatte. Ich konnte dann sehr schnell ein offenes Gespräch mit der Dame über ihre Bedürfnisse führen. Sie hatte noch nicht gehört, dass es Hilfsmittel wie Vibratoren gibt. Beim zweiten Besuch brachte ich meine eigenen Vibratoren und einen Katalog mit und beim dritten Besuch brachte ich ihr einen gekauften Vibrator mit und wir übten beide. Ich habe ihr dann gezeigt und erklärt, wie ich einen Vibrator benutze. Danach war das Thema für die Einrichtung erledigt. Die Dame war zufrieden, die Einrichtung musste nur beachten, dass der Vibrator regelmäßig gewaschen werden muss.

tipBerlin Wie funktioniert das – man ruft Sie an?

Stephanie Klee Meistens ruft mich jemand aus dem Heim an, weil das Team darüber gesprochen oder in irgendeiner Form von Sexualassistenz gehört hat. Ich bespreche dann die Rahmenbedingungen mit den Mitarbeitern und danach besuche ich die Leute. Ich will nicht wissen, ob es Übergriffe gegeben hat oder welche Art von Leiden die Person hat. Ich will nur wissen, ob es ein Einzelzimmer oder ein Doppelzimmer gibt. Wenn es ein Doppelzimmer ist, müssen andere Termine für die andere Person organisiert werden. Ich brauche eine abschließbare Tür. Manchmal hängt ein Zettel an der Tür, auf dem steht, dass ich da bin. Oft schreibt das Personal aber einfach Physiotherapie drauf, weil das am wenigsten peinlich ist. Ich brauche auch eine Nasszelle für mich in unmittelbarer Nähe. Wenn die Zeit um ist, also etwa eine Stunde, gebe ich den Schlüssel zurück und sage, dass alles gut war. Die Details erzähle ich niemandem.

tipBerlin Wie viel kostet ein solcher Besuch?

Stephanie Klee Für einen Erstbesuch berechne ich 220 Euro, inklusive Anfahrt und Mehrwertsteuer. Bei mehreren Besuchen kann ich den Preis bei Bedarf auf 160 Euro reduzieren.

tipBerlin Was glauben Sie, was macht Ihren Klienten?

Stephanie Klee Das ist die größte Sorge, die ich in diesen Tagen mit mir herumtrage: Ich war in letzter Zeit mit überwiegend männlichen Bewohnern zusammen. Die meisten von ihnen hatten keine Freunde, keine Verwandten und waren auch innerhalb der Einrichtung ziemlich isoliert. Für sie habe ich ein Stückchen normales Leben gebracht, auch ein Stückchen Verbindung zum Leben außerhalb der Einrichtung. Ich frage mich wirklich, was die Isolation, das Einsperren und auch die Einschränkungen in der Einrichtung mit meinen Klienten gemacht haben. Wenn jemand vorher Sexualität mit einer Sexualassistentin gelebt hat und das nicht mehr kann, sind die Einschränkungen natürlich besonders einschneidend.

Der Text erschien zuerst in unserem englischsprachigen Schwestermagazin Exberliner. Stephanie Klee ist über ihre Webseite erreichbar: www.highlights-berlin.de.


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