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Musik als Protest: Cameron Carpenter tourte mit einer Orgel durch Berlin

Cameron Carpenter tourte mit einer Orgel durch Berlin. Er gehört zu den bekanntesten und unkonventionellsten Orgelvirtuosen. Der in der Hauptstadt lebende Künstler US-amerikanischer Abstammung gibt in der Hauptstadt regelmäßig Konzerte, spielt auf fest installierten Instrumenten wie auch auf seiner „International Touring Organ“. In jüngerer Vergangenheit erhielt er mehrere Preise (u. a. Leonard Bernstein Award 2012, Echo Klassik als „Instrumentalist des Jahres“ 2015) und war in der Saison 2017/2018 „Artist in Residence“ am Konzerthaus Berlin. Seine letzte Platte erschien 2016 mit „All You Need Is Bach“.

Cameron Carpenter posiert auf der Orgel im Konzerthaus. Foto: Marco Borggreve
Cameron Carpenter posiert auf der Orgel im Konzerthaus. Foto: Marco Borggreve

tipBerlin Herr Carpenter, Sie sind mit einer mobilen Orgel durch Berlin gefahren und haben vor Wohnsiedlungen und Seniorenresidenzen Konzerte gegeben. Wie kam es dazu?

Cameron Carpenter Die Idee hierzu hatte der Kulturmanager Christian Reichart. Aber was die Idee selbst betrifft, so entspringt sie der Annahme, dass Musik ein öffentliches Gut ist. Besonders die Musik von Bach, vor allem hier in Deutschland. Aber ich gebe zu, es ist auch eine egoistische Idee, denn als Musiker hat man etwas davon, öffentlich aufzutreten. Man kann für Menschen spielen, es geht um Erfahrung und Bestätigung.

Ich kann nicht für andere Musiker sprechen, aber die Bestätigung für das, was ich als klassischer Musiker tue, brauche ich jetzt dringend. Die ganzen existenziellen Fragen, was Musiker jetzt tun sollen, ob es einen Platz oder Geld für sie gibt, sind Fragen, die meiner Meinung nach nicht durch Streaming-Optionen beantwortet werden können. Live-Auftritte sind immer noch notwendig. Bis zur Corona-Krise waren Live-Konzerte die einzig wahre Art, Musik wirklich zu erleben. Wir können diese Idee nicht einfach verwerfen. Es handelt sich gewissermaßen um einen Protest.

Er vermisst Konzertsäle: „Aber wir haben immer noch die Musik“

tipBerlin Als Musiker gehen Sie zum Publikum, normalerweise läuft es umgekehrt. Was bedeutet das für Sie?

Cameron Carpenter Für mich als Organist ist es eine besonders schwierige Frage, weil die Orgel immer außen vor gelassen wird. Sie ist immer das Instrument, das nicht bewegt werden kann. Ich habe jetzt im Grunde mein ganzes Leben damit verbracht, eine „International Touring Organ“ zu bauen. Diese habe ich in die ganze Welt mitgenommen.

Es ist eine willkommene Abwechslung, außerhalb des Konzertsaals für Menschen zu spielen. Es ist aber nicht so, dass ich nicht wieder im Konzertsaal sein möchte, ich vermisse Konzertsäle bereits und mache mir Sorgen, ob ich jemals wieder dort arbeiten werde. Aber in der Zwischenzeit haben wir immer noch die Musik.

tipBerlin Gibt es eine bestimmte Botschaft, die Sie den Menschen vermitteln wollen?

Cameron Carpenter Ich habe keine Botschaft. Alles, was ich habe, ist meine Fähigkeit zu spielen. Die Botschaft überlasse ich Johann Sebastian Bach.

Für Cameron Carpenter ist klassische Musik antiautoritär

tipBerlin Die Interpretation ist also in gewisser Weise jedem selbst überlassen?

Cameron Carpenter Genau! Klassische Musik ist von Natur aus antiautoritär. Sie verlangt vom Zuhörer, dass er sich selbst ein Bild davon macht, was das Gehörte bedeutet. Ich glaube, dass ist ein wichtiger Beitrag, um uns allen zu helfen, uns dagegen zu wehren, dass man uns sagt, was wir tun und was wir denken sollen.

Gerade die Musik von Bach trägt dazu bei, das selbstständige Denken zu üben, unabhängig davon, wer man ist. Die Musik ist immer für einen da, sie kann einem nicht weggenommen werden. Jeder hat das Recht, diese Musik zu erleben und darüber nachzudenken. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen die Vorstellung schätzen, etwas umsonst und ohne Erwartungsdruck zu erhalten.

tipBerlin Einmal mehr spielen Sie Werke von Johann Sebastian Bach, was macht den Komponisten so besonders.

Cameron Carpenter Bachs Kompositionen reizen mich wegen ihrer natürlichen Symmetrie und ihrer mathematischen und ästhetischen Schönheit. Die Musik hat eine überlagernde, sich wiederholende Logik, was ich einfach sehr ermutigend und positiv finde. Menschen mögen Muster, und wir sind gut darin, sie zu erkennen. Bachs Musik ist voll davon, deshalb spiele ich sie so gerne. Im Zweifelsfall gibt es immer einen Teil von seiner Musik, der für jeden Moment angemessen ist.


Kulturhighlights in Corona-Zeiten:

Für Cameron Carpenter kommen Streaming-Angebote nicht in Frage. Viele Künstler*innen sehen das anders. In unserem digitalen Veranstaltungskalender stellen wir euch täglich die Highlights vor.

Wenn nicht gerade ein Orgelstar vor der Tür steht, sitzen viele Berliner*innen derzeit vor den Fernsehgeräten. Wir empfehlen euch diese Filme und Serien zum Streamen.

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