Zuhause bleiben

Corona-Kultur: Der digitale Veranstaltungskalender – mit Streams aus Clubs, Theatern und Wohnzimmern

In der Corona-Krise wird die Kultur digital. Dem Stillstand setzen die Künstler*innen Livestreams und Online-Programm entgegen. Denn die Stadt befindet sich zwar im Stillstand, Aufführungen sind abgesagt, Bars geschlossen und Konzertsäle leer. Aber Corona bremst die Kreativität nicht. Die Kulturveranstaltungen verlagern sich ins Internet.

Veranstaltungsorte arbeiten an Formaten, die auch online gut (vielleicht sogar besser) funktionieren. Livestreams von Aufführungen sammeln wir hier, ebenso Konzertmitschnitte, Lesungen, Konzerte und DJ-Sets. The show will go on – tipBerlin hat das digitale Programm gegen Corona-Langeweile: Oper, Theater, Comedy, Musik, Literatur, Kunst. Wenn ihr selbst etwas plant oder gehört habt, dann schreibt uns: online-team(at)gcmberlin.de

Welche Streams lohnen sich heute?

  • Das Maxim Gorki Theater zeigt wieder eine neue Inszenierung. Heute ist „Roma Armee“ von Yael Ronen und Ensemble zu sehen – eine Auseinandersetzung mit Rassismus und Antiziganismus in Europa. Selbstbehauptung gegen Diskriminierung mit den Mitteln der Kunst –ab 18 Uhr für 24 Stunden.
  • „Hoffnung für Abgehängte“ heißt das Programm von C. Heiland. Der Comedian und Experte für psychologische Befindlichkeiten streamt mit seinem drolligen Omnichord aus dem BKA um 20.30 Uhr in die isolierten Wohnungen.
  • „Der Blick der Stasi“: Der DDR-Repressionsapparat war jahrzehntelang mit der Kamera zur Stelle. Die Überwachungsaufnahmen bilden ein ganz eigenes fotografisches Gedächtnis von Ostdeutschland. Um 17 Uhr stellt Philipp Springer seinen Bildband im Livestream vor.
  • Christian Y. Schmidt liest aus „Der kleine Herr Tod“, bis die Corona-Krise vorbei ist. Jeden Mittwoch um 19 Uhr ein neues Kapitel.
  • Das „Viral“-Literaturfestival, Tag 14 – diesmal unter anderem mit Asmus Trautsch und Christian Baron. Um 19 Uhr auf Facebook.
  • İmran Ayata macht mit bei den CoronaReadings. Der Autor und Aktivist gründete die Gruppe „Kanak Attak“. Zuletzt erschien von ihm 2015 der Roman „Ruhm und Ruin“. Um 21 Uhr auf Twitter.
  • Die Deutsche Oper zeigt bis zum 9.4. Albert Reimanns „Gespenstersonate“. Das Video der Uraufführung (1984) aus dem Hebbel-Theater gibt es hier.


Theater

Corona, Kultur, Theater, Livestream: Die "Roma Armee" im gleichnamigen Stück von Yael Ronen und Ensemble. Das Maxim Gorki Theater streamt den Abend über Rassismus, Diskriminierung und Antiziganismus.
Die „Roma Armee“ im gleichnamigen Stück von Yael Ronen und Ensemble. Das Maxim Gorki Theater streamt den Abend über Rassismus, Diskriminierung und Antiziganismus. Foto: Ute Langkafel

Das Maxim Gorki Theater meldet sich aus der Theaterpause zurück. Jeden Mittwoch gibt es einen Stream einer Inszenierung online zu sehen – ab 18 Uhr für 24 Stunden. Den Anfang machte Falk Richters „Small Town Boy“. Am 8.4. folgt Yael Ronens „Roma Armee“. Den Gorki-Stream findet ihr hier.


„Zwangsvorstellungen“ heißt es bei der Schaubühne – klarer Gewinner im Überbietungswettbewerb der Vorführungsausfall-Wortwitze. Gezeigt werden Aufführungen aus dem Archiv, ab 18 Uhr immer bis Mitternacht.

Corona, Tanz, Kultur im Stream: Die Berliner Festspiele zeigen "Rain" von Anna Teresa De Kersmaeker.
Tanz im Stream: Die Berliner Festspiele zeigen „Rain“ von Anne Teresa De Keersmaeker und Rosas & Ictus. Foto: Anne von Aerschot

Die Berliner Festspiele haben ein On-Demand-Programm mit Dokumentarfilmen und Aufzeichnungen von Tanzperformances. Im Fokus stehen Anne Teresa De Keersmaeker und ihr Ensemble Rosas. „Rain“, eine Dokumentation über das Stück sowie „Achterland“ gibt es hier.


Corona, Kultur, Theater und Livestreams: Das Berliner Ensemble zeigt "Die Parallelwelt" von Kay Voges
„Die Parallelwelt“ von Kay Voges am Berliner Ensemble und in Dortmund. Das Stück ist im Stream des Berliner Ensembles zu sehen – Kultur in Zeiten von Corona. Foto: Birgit Hupfeld

„BE at home“, das digitale Programm des Berliner Ensembles, ist angelaufen. 360°-Theaterführungen, eine eigene Online-Inszenierung von Simon Stones „Eine griechische Tragödie“ sowie Diskussionen mit Michel Friedman stehen auf dem Programm. Auch ganz gewöhnliche Theateraufführungen gehören dazu. Der Stream wechselt wöchentlich. Bis 9.3. ist „Die Parallelwelt“ von Kay Voges zu sehen: ein Stück, das gleichzeitig in Berlin und Dortmund aufgeführt wurde.

Das gesamte Online-Programm des Berliner Ensembles gibt es hier.


Das preisgekrönte Natur-Erklärformat „Fräulein Brehms Tierleben“ ist normalerweise regelmäßig im Naturpark Schöneberger Südgelände zu sehen – und jetzt online. Die charmant und informativ aufbereiteten Hintergründe zu gefährdeten heimischen Tierarten findet man auf Youtube. Bald ist auch ein Angebot in englischer und italienischer Sprache geplant.


Klassik

Corona, Kultur, Konzerte und Klassik: Das Konzerthaus Berlin hat Livestreams und Streams aus Archiven
Christoph Eschenbach dirigiert das Konzerthausorchester. Am 2.4. hat das Haus ein Konzert gestreamt: Schostakowitschs fünfte Sinfonie. Foto: Marco Borggreve

Das Konzerthaus Berlin hat ein abwechslungsreiches Online-Programm aufgestellt: Rückblicke auf große Konzerte, Kinderprogramm, Playlists und Konzerte aus den Wohnungen der Künstler*innen. Das komplette Programm gibt es hier. Und jeden Donnerstag wird ein Konzert aus den Archiven am Gendarmenmarkt gezeigt.

Als Auftakt der „Intermission“-Reihe sendete der Pierre Boulez Saal ein Geburtstagskonzert für Claude Debussy. Herausragende Aufführungen aus dem Archiv sind nun in regelmäßigen Abständen kostenlos abrufbar auf der Webseite des Pierre Boulez Saals.


Igor Levit spielt üblicherweise in den berühmtesten Konzerthäusern der Welt. Dem Ausnahmezustand trotzt er, indem er zu Hause bleibt – und seine Konzerte eben einfach dort gibt. Die Livestreams vom Bösendorfer Konzertflügel in seinem Wohnzimmer lassen sich fast jeden Abend im Internet verfolgen. Zwischen 18 und 19 Uhr lohnt sich der Blick auf twitter.com/igorpianist – ansonsten natürlich auch, denn der Star-Pianist überzeugt nicht nur mit Musik, sondern engagiert sich auch gegen die unhaltbaren Zustände in griechischen Refugee Camps.


Literatur

Corona, Kultur und Literatur: Nora Bossong macht eine Lesung im Livestream aus ihrem Roman "Schutzzone".
Wegen der Coronavirus-Pandemie finden Lesungen online statt. Auch Nora Bossong streamt live. Im Anschluss diskutiert sie mit einem ehemaligen UN-Sonderbeauftragten. Foto: imago/Sven Simon

Es ist nie zu spät für die Aufarbeitung kolonialer Geschichte. Nora Bossong liest am 7.4. aus ihrem Roman „Schutzzone“ über eine UN-Mitarbeiterin und die komplexe Geschichte des afrikanischen Staates Burundi. Im Anschluss findet eine Diskussion statt mit Martin Kobler, ehemaliger UN-Sonderbeauftragter und Leiter der UN-Friedens- und Unterstützungsmission für Irak, Ostkongo und Libyen.


Die Hugendubel-Buchhandlungen haben auch eine Livestream-Lesereihe auf Instagram. Mit dabei war unter anderem die Schriftstellerin Jasmin Schreiber.


Das Literarische Colloquium Berlin hat einen digitalen Spielplan entwickelt. Kuratiert werden die nächsten Wochen vor den Bildschirmen von Max Czollek, Paula Fürstenberg und Yael Inokai. Bis 6. April finden täglich Lesungen statt, zudem werden Poesiefilme gestreamt. Die Frage, die dabei immer im Raum steht: Wie kann Kunst, wie kann vor allem schriftstellerische Arbeit politisch sein? Das komplette Programm gibt es auf der Webseite der Literaturinstitution am Wannsee.


Und im Literaturhaus Im Literaturhaus Berlin heißt es „Li-Be in Zeiten von Corona“. Viele der geplanten Veranstaltungen gibt es als Online-Format. Das März-Programm gibt es hier. Bisher fand so beispielsweise schon eine Online-Buchpremiere statt: Juri Andruchowytsch hat „Die Lieblinge der Justiz“ vorgestellt.


Konzerte

Was machen die Konzert-Veranstalter*innen? Shows gibt es weiterhin: Das Kollektiv Berlin Culture Cast plant Aktionen aus Berliner Clubs und Veranstaltungssälen. Weitere Informationen gibt es hier.


Bedeutet Corona, dass die Tage der E-Gitarre gezählt sind? Live-Feed statt Feedback ist angesagt. Mit Akustikkonzerten aus den Wohnzimmern ist in nächster Zeit auf jeden Fall zu rechnen. Das ersetzt zwar keine Live-Tour, die schließlich auch von CD- und Merchandise-Verkäufen lebt. Aber Stille ist schließlich auch keine Lösung. TV Noir, das „Wohnzimmer der Songwriter“, stellt wegen Corona auf Instagram-Betrieb um.


Der Berliner Swing-Bandleader Andrej Hermlin kann nicht ohne Musik, sagt er. Deshalb streamt er jeden Abend um 19 Uhr ein Live-Konzert. Mit dabei sind weitere Hermlins, nämlich David und Rachel, manchmal auch musikalische Gäste. Jeden Abend kann man auf Instagram oder Facebook vorbeischauen und das 19-Uhr-Konzert genießen.

Corona, Konzerte und Kultur: Andrej Hermlin, Davi Hermlin und Rachel Hermlin machen tägliche Livestreams.
Rachel und David Hermlin machen täglich mit Andrej Hermlin einen Livestream aus der Wohnung. Foto: Uwe Hauth

Oper

Georges Bizets Opéra comique „Carmen“ wurde am 12. März aufgeführt – allerdings vor leerem Saal. Die Staatskapelle Berlin spielte unter der Leitung von Daniel Barenboim. Der Stream vom RBB wurde von 160.000 Menschen auf der Welt abgerufen. Das ist für eine Opernproduktion durchaus rekordverdächtig. Die Aufführung ist online noch auf der RBB-Webseite zu sehen. Seit 17.3. steht auf der Webseite der Staatsoper ein eigener digitaler Spielplan zur Verfügung, der sich aus den umfangreichen Archiven speist. Das Angebot wechselt täglich. Die Inszenierungen stehen dann für genau 24 Stunden, von 12 bis 12, online.

Corona, Kultur, Theater, Oper: Die Staatsoper Unter den Linden streamt etwa Rameaus "Hippolyte et Aricie".
Die Staatsoper zeigt „Hippolyte et Aricie“ von Rameau. Besonders beeindruckend ist die Ausstattung des dänischen Künstlers Ólafur Elíasson. Foto: Karl und Monika Forster

Den digitalen Spielplan gibt es auf der Startseite der Staatsoper. Passenderweise gibt es nicht nur den „Rosenkavalier“ von Strauss, sondern auch Aufzeichnungen des „Staatsoper für alle“-Open-Airs und Beat Furrers Apokalypse-Oper „Violetter Schnee“.


Corona-Clubkultur: #unitedwestream

Corona, Kultur, Club: Das Watergate hat mitgemacht bei #unitedwestream. Livestreams aus Berliner Clubs machen Stimmung – und auf die prekäre Lage aufmerksam.
Das Watergate bei #unitedwestream. Desinfektionsmittel darf nicht fehlen beim DJ-Set. Und Publikum ist nicht dabei, die Livestreams finden ohne Publikum im Haus statt. Foto: Jascha Müller-Guthof

Die Berliner Clublandschaft reagiert schnell auf die Corona-Krise: #unitedwestream ist der Hashtag, unter dem die digitale Feierkultur sich sammelt. Das Sisyphos wird am 2. April mit einem Livestream teilnehmen. Die Clubs trifft die Corona-Krise besonders hart: Physical Distancing legt den Betrieb lahm. Die Berliner Clubs sind existenziell bedroht. Das neue Streaming-Angebot beginnt mit Live-DJ-Sets von leeren Dancefloors. Geplant sind weiterhin Konzerte, Performances, Diskussionsrunden, Vorträge und Filme. Den Anfang machte das Gretchen mit einer Live-Übertragung auf radio1. Zahlreiche Berliner Clubs nehmen Teil. Für #unitedwestream läuft der tägliche Countdown. Um 19 Uhr geht es hier los.


Kunst, Galerien und Museen

Die Museen sind geschlossen, aber manche Ausstellungsorte sind vorbereitet. Wie gehen die Galerien und Museen damit um? Das bob – boxoffberlin hat einen Livestream zur Ausstellungseröffnung „Der kleine Herr Tod – Phantastische Bilder von Ulrike Haseloff“ gemacht. Der kleine Herr Tod hat angesichts von Massentierhaltung und sterbenden Küken einen waschechten Burnout. Herr Hades, sein Chef, verordnet ihm Urlaub.

Corona und Kultur: Ulrike Haseloffs Ausstellungseröffnung aus dem boxoffberlin live auf Youtube
„Der kleine Herr Tod – Phantastische Bilder von Ulrike Haseloff“. Bildauschnitt: Ulrike Haseloff

Diese charmant-makabre Geschichte von Christian Y. Schmidt wird erst durch Ulrike Haseloffs Bilderwelt richtig lebendig. Am 21.3. war die Online-Vernissage auf Youtube zu sehen. Und jeden Mittwoch liest der Autor ein neues Kapitel im Livestream.


Die Akademie der Künste hat schon längst ihre John-Heartfield-Sammlung online zugänglich gemacht. Der komplette grafische Nachlass von John Heartfield (1891–1968) ist hier zu sehen. Heartfield war gerade in Zeiten der Weimarer Republik einer der politischsten Künstler. Er gilt als Erfinder der politischen Fotomontage. heartfield.adk.de


Corona: Solidarität ist wichtig

Viele – wenn nicht alle – dieser Events sind kostenlos. Das Internet ist für alle da. Gleiches gilt aber auch für Solidarität. Unterstützt die Locations, unterstüzt die Künstler*innen. Überlegt, ob ihr gekaufte Karten wirklich zurückgeben wollt. Setzt euch dafür ein, dass wir noch Theater, Literaturhäuser, Clubs, Bars und Konzert-Locations haben, wenn die Krise vorbei ist. Zahlt freiwillig. Spendet. Auch tipBerlin-Redakteur Erik Heier plädiert für eine neue Zahlungsmoral. Und beim Thema Geld ist die GEMA vorn mit dabei: Die ersten Künstler*innen haben bereits Zahlungsaufforderungen für ihre Wohnzimmerkonzerte erhalten. Auch darüber berichten wir.

Mehr zum Thema Corona in Berlin

Unsere zentrale Seite zu Corona in Berlin: Alle Berichte, Kommentare, Hintergrundinformationen, Reportagen und Fotostrecken. Wir haben zudem ein Hilfsprojekt gestartet, „tip Berlin hilft“.

Den Entwicklungen folgen wir in unserem Corona-Berlin-Blog. Für die Kulturszene der Stadt ist die Lage dramatisch. Zwar setzt eine Welle der Corona-Solidarität in Berlin ein. Allerdings sind die vielen abgesagten Veranstaltungen existenzbedrohend. Wenn ihr trotzdem Tickets zurückgeben möchtet, informieren wir hier über eure Rechte.

Wer sich selbst beschäftigen will und muss: 100 Berlin-Romane, die jeder kennen sollte. Dazu unsere Podcast-Tipps – und was sich auf Netflix & Co. gerade lohnt. Die Stadt Berlin informiert hier über alles in Sachen Corona.