Dokumentarfilm

„Russland von oben“ im Kino

In unserer Vorstellung reduzieren wir das größte Land der Welt gerne auf kalte Winter, den Ukraine-Konflikt, Matrjoschka-Puppen und Wodka. Doch was passiert in diesem Land, von dem nur im Grunde nur wenig nach außen dringt?

colourFIELD (Peter Thompson) /Filmwelt

Mit der Transsibirischen Eisenbahn, die sich als beweglicher roter Faden durch den Film zieht, reist der Zuschauer durch Gebirge, Wüste, Taiga, Tundra und Sümpfe – in nur zwei Stunden durch Russlands elf Zeitzonen. Landschaftsbilder, die die eigene Aufnahmefähigkeit und Vorstellungskraft beinahe übersteigen: der 700 Kilometer lange Baikalsee, der im Winter so fest zugefroren ist, dass er mit dem Auto überquert werden kann. Dazu das riesige Wolgatal, Eisbären auf der menschenleeren Insel Wrangel, Bären, die im Kurilensee Lachs fangen, Sandbänke voller Walrosse. Doch wer jetzt an eine reine Naturdokumentation denkt, liegt falsch. Es werden ebenso die Menschen vorgestellt: von den Nenzen, die im nördlichen Polarkreis mit den Rentieren mitziehen über Surfer an Kamtschatkas Küste bis zu Kletterern an der riesigen Betonstatue „Mutter Heimat“ in Wolgograd. Dazwischen werden die Metropolen Moskau und St. Petersburg aus der Vogelperspektive gezeigt.

Der aufmerksame Beobachter stellt fest: Nirgendwo sonst besteht eine so seltsame Wechselwirkung zwischen Modernität und Rückschritt wie in Russland: Moskaus Wolkenkratzer sollen New York Konkurrenz machen, Wladiwostok bezeichnet sich als San Francisco des Ostens, und Nowosibirsk wird gerne „Silicon Taiga“ genannt – doch gleichzeitig gibt es Ölbohrungen im Naturschutzgebiet oder hohe Umweltverschmutzung durch Nickelproduktion. Winston Churchill hatte recht: „Russland ist ein Rätsel“. Vielleicht nach diesem Film etwas weniger.

Russland von oben D 2019, 120 Min., R: Petra Höfer & Freddie Röckenhaus, Start: 27.2.

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