Manifest einer Selbstmörderin

So fühlt sich Verzweiflung an: Ulrich Rasche inszeniert im Deutschen Theater Sarah Kanes „4.48 Psychose“

Der Abend ist eine Zumutung. Eine dreistündige, pausenlose Reise ins Herz der Finsternis, eine schwarze Messe für Sarah Kanes letztes Theaterstück „4.48 Psychose“, vor 20 Jahren posthum aufgeführt nach dem Tod der 28-jährigen Autorin

Das Ensemble von Ulrich Rasches DT-Inszenierung von „4.48 Psychose“, Foto: Arno Declair

Sarah Kane hatte sich, zwei Tage nachdem sie eine Überdosis genommen hatte, in einer Londoner Klinik erhängt. Nicht nur, weil exakt diese Todesarten, ergänzt darum, sich die Pulsadern aufzuschneiden, in „4.48 Psychose“ als klares Ziel der namenlosen Sprecherin genannt werden, lag es nahe, das Stück autobiografisch zu lesen, das verzweifelte Manifest einer Selbstmörderin.

„Fick Dich, Gott“

Es ist ein zerrissener Text ohne Figurenzuordnung, Protokoll der manisch im Kreis gehende Gedanken; Anrennen gegen den Terror im Kopf, Verfluchungen des eigenen Lebens, der Eltern und Gottes, „Fick Dich, Gott“, unterbrochen von kurzen Dialogen mit Therapeuten und Ärzten oder der sachlichen Prosa einer Krankenakte. Die wie zum Hohn zitierten Sätze der Therapeuten kippen dabei immer wieder um in klare Selbstbeschreibungen: „Sie lassen ihn zu, diesen Zustand der verzweifelten Absurdität.“ Das muss der hellsichtigen Kranken keiner erklären. Niemand weiß besser als sie selbst, wie es um sie bestellt ist. Dazwischen einmontiert sind immer wieder lange Zahlenreihen: 100, 91, 84, 72, 91, 58, 44… Keine Erklärung, ob das der Countdown der Tage oder Stunden bis zum Suizid ist – oder die Stunden ohne Schlaf, die Tage in der Klinik oder die eingenommenen Medikamente abgezählt werden.

Ulrich Rasche lässt dem Zuschauer in seiner Inszenierung am Deutschen Theater keine Chance, aus sicherer Distanz auf das Geschehen zu blicken oder ihm mit Einfühlung, Psychologisierung beizukommen. Statt Mitleid, in dem immer auch Herablassung, die Selbstgefälligkeit des vermeintlich Gesunden gegenüber dem oder der Kranken mitschwingt, ist die Tonlage der Inszenierung: Terror. Die Stilmittel dieser Exerzitien sind die bewährten Chor-, Sprech-, Choreografier-, Aufmarsch-Formen des Rasche-Theaters im harten Gegenlicht oder schwachen Lichtkegeln, die die Spieler aus dem Schwarz der Bühne (und der Seele) herausmeißeln (Bühne: Der Regisseur und Franz Dittrich, Licht: Cornelia Gloth).

Rasche unterlegt die gesamte Aufführung mit einem lauten Soundtrack, der starke Sogkraft entwickelt. Das sind mal übereinandergelegte, elektronisch verstärkte und verfremdete Schlaginstrument-Patterns, mal düster flirrender Ambient. Die herausragenden Livemusiker sind Carsten Brocker, Katelyn King, Spela Mastnak und Thomsen Merkel.

Kanes Verzweiflungsprotokoll

Indem Rasche den Text auf drei Solistinnen (Katja Bürkle, Kathleen Morgeneyer, Linda Pöppel) und einen Chor von sechs Männern (Elias Arens, Thorsten Hierse, Toni Jessen, Jürgen Lehmann, Justus Pfankuch, Yannik Stöbener) verteilt, ihn in Monologe, Dialoge, Quartette, wechselnde Chorformationen aufsplittet, macht er Kanes Verzweiflungsprotokoll als literarisches Dokument einer nicht nur individuellen Erfahrung sichtbar. Ihm gelingt damit nicht weniger, als den Text von der Pathologisierung, der verkürzenden Parallelisierung mit dem schrecklichen Tod seiner Autorin zu befreien.

Ein Stilmittel ist dabei die Zerdehnung des Textes. Zwischen den einzelnen Worten liegen lange Pausen, sie scheinen jeweils aus dem Dunkel, dem Schweigen, dem Nichts aufzublitzen: „Ich – bin – traurig. – Ich – habe – das – Gefühl, – die- Zukunft – ist – hoffnungslos, – und – es – wird – nie – besser. – Ich – bin – ein – absoluter –  Versager – als – Mensch.“ Das ist nicht das Selbstgespräch einer Depressiven, das sind wie in Stein gemeißelte Wahrheiten, sachlich festgehaltene Tatsachen: So ist die Lage. Deshalb ist die Aufführung bei aller formaler Überhöhung auch völlig frei von Larmoyanz. Dieser nüchtern und einigermaßen ausweglos konstatierte Schmerz braucht keine Erklärungen, auch wenn ein Missbrauch durch den Vater und die Verzweiflung über ein ungeborenes Kind angedeutet werden.

Optimismuszwang hängt mit dem Unglück der Kranken zusammen

Kontrapunkt dieses verzehrenden Unglücks ist die aggressiv, brutal ausgestellte Aufforderung zur Selbstoptimierung, zur Fitness in der Konkurrenzgesellschaft: „Ein Ziel erreichen und Ehrgeiz entwickeln! Hürden überwinden und den höchsten Standard verlangen!“ Wer angesichts solcher Phasen nicht mit Hass reagiert, hat nichts Besseres verdient. Rasche zeigt, wie dieser Optimismuszwang mit dem Unglück der Kranken zusammenhängt, indem er ihn von einem soldatischen, gefühlsverpanzerten Chor sprechen, brüllen lässt. In Kontrast dazu wirkt die Depression wie ein Akt der Subversion, eine finale Weigerung, mitzumachen beim Stumpfsinn der Ellbogen-Alphatier-Verrohung.

Termine: 4.48 Psychose im Deutschen Theater, 5–48 €

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