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Graffitis in Berlin: Wer steckt hinter riesigen politischen Wandsprüchen?

Sie sind oft hoch über unseren Köpfen zu lesen, prominent platziert am oberen Rand von Hauswänden und an S-Bahnbrücken. Graffiti-Writings wie „Police is legal mafia“, „Diese Stadt ist aufgekauft“ oder „Bitte leben“ sind inhaltlich oft gesellschaftskritisch, manchmal auch blumig-philosophisch formuliert. Sie bringen uns zum Lachen, regen zum Nachdenken an oder verpassen uns auch mal eine verbale Backpfeife. Doch wer steht eigentlich hinter solchen Botschaften? Menschen mit einer politischen Vision? Oder eher Vandalen, die sich per Sachbeschädigung Gehör verschaffen wollen? Wir haben uns in der Szene umgehört.

Graffitis in Berlin Graffiti-Writings in Berlin sind oft in typisch Berlin rotziger, zynischer und gesellschaftskritischer Manier formuliert. Und oft befinden sie sich an Hauswänden in schwindelerregender Höhe – gut sichtbar für jedermann.
Graffiti-Writings in Berlin sind, typisch Berlin, oft rotzig, zynisch und gesellschaftskritisch formuliert. Und oft befinden sie sich an Hauswänden in schwindelerregender Höhe – gut sichtbar für alle. Foto: Imago/Shotshop

Graffitis in Berlin: Politische Botschaften oder willkürliche Sachbeschädigung?

Graffitis gehören zum Berliner Stadtbild, wie die Ampelmänner und die Fernsehturm-Skyline. Künstler:innen, die mit der Sprühdose beeindruckende, metergroße Murals erschaffen, wie den Kreuzberger Astronauten oder den Apollo und die Daphne an der U1, pflegen weltweit Berlins Image einer Streetart-Stadt. Doch nicht überall in Berlin verschönern Graffitis tatsächlich das Stadtbild.

Mal mehr, mal weniger lesbare Schriftzüge, Bombings, lieblose Skizzen an Hauswänden, Stromkästen, Parkbänken und U-Bahn-Waggons dürften wohl die Gedanken vieler dominieren, die an Graffitis in Berlin denken. Gemäß der Berliner Polizei dürfen viele dieser öffentlichen „Verzierungen“ dabei gar nicht als Graffitis gelten. So schreibt es die Behörde zumindest auf ihrer Webseite: „Bloße Mitteilungen, Liebesbekundungen sowie politische Äußerungen oder Symbole gelten nicht als Graffiti.“ Sogenannte Tags und Writings, die illegal platziert sind, führen demnach vielfach eher zu Ärger, als dass sich Anwohner:innen durch die Street-Art inspiriert fühlen. Nicht selten werden die Urheber:innen sogar strafrechtlich verfolgt.

Dabei muss man eines im Hinterkopf behalten: Die Sprayszene in Berlin bleibt vor allem deshalb undurchsichtig und mysteriös, weil es in der „Streetart-Stadt“ Berlin nur rund eine Handvoll legaler Sprachflächen, sogenannte Hall of Fames, gibt. Die rund 15.000 Sprayer:innen und Graffiti-Künstler:innen, die in der Stadt leben, müssen sich diese Flächen teilen. Natürlich ist dies eine Rechnung, die nicht aufgeht.

Und dann gibt es noch die riesigen Wandsprüche, die viele von uns kennen dürften: Metergroße Writings häufig politischen Inhalts, die oft prominent am oberen Rand von Hauswänden und an S-Bahnbrücken platziert sind. Doch welche Graffiti-Crews stecken hinter den politischen Botschaften? Sind die Urheber:innen Künstler:innen mit gesellschaftskritischer Vision oder eher Frustrierte, die sich verdrängt fühlen und willkürlich Wände vollschmieren?

„Es handelt sich um Slogans, die mit Street-Art wenig zu tun haben“

Der Berliner Pressesprecher der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, Daniel Bartsch, weiß auf Anhieb, um welche Slogans es geht. Er selbst kennt riesige Wandsprüche wie „Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten“ und „High without drugs“ aus dem Berliner Stadtbild. Dass hinter ihnen Graffiti-Crews stehen, bezweifelt er jedoch. „Wir sprechen hier vor allem von politischen Forderungen und Slogans, die mit künstlerischer Street-Art wenig zu tun haben“, meint Bartsch. Eher vermutet er hinter den Urheber:innen der Wandsprüche „politische Aktivist:innen“.

Auch für Jurij Paderin von der Graffiti Lobby Berlin bleibt die Herkunft solcher „Rooftop-Writings“, wie er sie nennt, fraglich. Zuallererst ist es ihm jedoch wichtig, die Graffiti-Definition der Berliner Polizei zu korrigieren. „Der Begriff Graffiti definiert alles, was du auf einer Fläche anbringen kannst“, so Paderin. Theoretisch können laut ihm also sogar Schnitzereien in Bäumen als Graffitis durchgehen.

Paderin vermutet hinter den Rooftop-Writings in erster Linie „linksdenkende Menschen“. Ob diese jedoch einen Graffiti-Background hätten, bleibe Mutmaßung, meint er. „Vermutlich kommen nur wenige von ihnen aus dem Style Writing“, sagt Paderin. Style Writing ist eine Stilrichtung des Graffitis, in der es um den erfundenen Namen des Autoren, also des Sprayers und seiner Crew geht, und die Buchstaben und Zahlen stellen hier das grundlegende, künstlerische Element dar. Die Schriftzüge, um die es gehe, sind laut Paderin jedoch offensichtlich mit einer Farbrolle angebracht. „Writer arbeiten fast nur mit Cans, also Spraydosen“, sagt er. Und für ihn gibt es einen weiteren Punkt: „Graffiti-Writer sind nicht politisch“, betont er. Ihnen gehe es um ihre Namen, nicht um Inhalt. Für gesprühte Bilder mit politischer Botschaft, wie sie beispielsweise im Mauerpark zu sehen seien, existiere die Bezeichnung Spruchgraffiti oder, wenn stilisiert gemalt, eher Street-Art.

Graffitis in Berlin: „Politische Writings sind in der Graffiti-Szene nicht gern gesehen“

Graffitis in Berlin Writing an einer Hauswand am S-Bahnhof Schönhauser Allee: "Sprayen ist eine total unpolitische Sache."
Writing an einer Hauswand am S-Bahnhof Schönhauser Allee: „Sprayen ist eine total unpolitische Sache.“ Foto: Imago/Seeliger

Dass man politische Writings an Hauswänden der Berliner Graffiti-Szene zuordnen kann, bezweifelt auch Hauke Miller vom Online-Magazin Berlin Graffiti. Laut ihm ist es sogar „ungern gesehen“, wenn politische Botschaften der Graffiti-Gemeinschaft zugeordnet würden. Er sieht es so wie Jurij Paderin von der Graffiti Lobby Berlin: „Sprayen ist eine total unpolitische Sache.“ Unter Graffiti-Crews würden höchstens Tags und Pseudonyme verbreitet, die der gegenseitigen Kommunikation und der „Reviermarkierung“ dienten, sagt Miller. Ein Sprayer würde aber niemandem eine politische Botschaft „aufs Auge drücken“, meint er. Man könne es laut Miller wohl so herunterbrechen: „Wenn ein Name darunter steht, ist es Graffiti. Wenn keiner darunter steht, ist es Politik.“

Sprayer äußerten sich höchstens indirekt politisch, nämlich indem sie eine Wand nutzten, auf der man eigentlich nicht malen dürfe, sagt Paderin von der Graffiti Lobby Berlin. Die wenigen freien Flächen in Berlin hätten zur Folge, dass Graffiti-Künstler:innen unwillkürlich in die Kriminalität abwandern müssten.

Auch wenn sich die Graffiti-Szene von den politischen Statements distanziert, kann Paderin den Sprüchen etwas abgewinnen. „Viele Sprüche finde ich cool. Sie bringen die Menschen zum Nachdenken“, sagt er.

Dass in Berlin zu wenige legale Flächen für Graffiti-Künstler:innen zur Verfügung gestellt und dadurch viele Flächen illegal besprayt werden, steht indes auf einem anderen Blatt. Seitens der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa heißt es dazu, man setze sich „für die Schaffung legaler Wände ein“. Mangels eigenem und passenden Landeseigentums der Verwaltung seien einem hier jedoch „weitgehend die Hände gebunden“.


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