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Interview

HateAid:  Wie der Hass im Netz zunimmt und was das für uns bedeutet

Judith Strieder ist Psychologin und Betroffenberaterin bei HateAid, einer unabhängigen und überparteilichen gemeinnützigen Berliner Organisation, die sich für Menschenrechte im digitalen Raum einsetzt. Seit knapp zwei Jahren liegt ihr Hauptfokus auf der Beratung von Betroffenen von digitaler Gewalt und Hass im Netz. Sie ist eine von fünf Berater:innen, an die man sich im Rahmen von offenen Telefonsprechstunden, Chat-Sprechstunden, per Mail, Meldeformular oder App wenden kann.

Hier wird im Falle von digitaler Gewalt und Hass eine emotional stabilisierende Erstberatung geleistet. Außerdem auch eine Kommunikationsberatung (wie gehe ich mit einem Hasskommentar gegen mich um?), eine (präventive) Sicherheitsberatung, oder man findet Unterstützung bei der Rechtsdurchsetzung.

Am 13. Februar veröffentlichte das Kompetenznetzwerk Hass gemeinsam mit HateAid eine neue bundesweite Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug“. Die Kernthese: Jede zweite Person zieht sich wegen Hass im Netz zurück. Was das für die Demokratie bedeutet, welche Personen von Hass betroffen sind und wie man sich vor digitaler Gewalt schützen kann, lest ihr hier im Interview mit Judith Strieder.

Judith Strieder ist Psychologin und Betroffenberaterin bei HateAid. Wir haben mit ihr über digitale Gewalt gesprochen. Foto: HateAid

Hass im Netz: Judith Strieder von HateAid im Gespräch

tipBerlin Judith Strieder, du arbeitest bei HateAid. Was ist das eigentlich?

Judith Strieder HateAid ist eine Organisation, die sich im digitalen Raum für Menschenrechte einsetzt. Einerseits geht das über die Betroffenenberatung, andererseits aber auch durch Kampagnen, Petitionen und politische Arbeit und den Versuch, an den Rahmenbedingungen etwas zu ändern. Außerdem auch durch ganz viel Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärungsarbeit, Workshops und Vorträge – um so die Demokratie zu schützen und die Meinungsfreiheit im digitalen Feld aufrecht zu erhalten. Das hängt aber auch sehr viel mit dem analogen Leben zusammen. Wir sagen also: Das kann man eigentlich gar nicht mehr trennen.  

tipBerlin Seit wann gibt es HateAid und wie kam es zu der Gründung?

Judith Strieder HateAid gibt es seit 2018, und es gibt verschiedene Gründungsgeschäftsführer: innen. Eine Person hat zum Beispiel selbst digitale Gewalt erfahren, das war eine Motivation für die Gründung. Unsere Gründungsgeschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg hat vorher bei Campact e.V. gearbeitet. Dort beobachtete sie die Entwicklung in den sozialen Netzwerken und im digitalen Feld als große Gefahr für die Demokratie. Ihr ist aufgefallen, dass es so etwas wie HateAid noch nicht gibt. So hat sie die gemeinnützige Organisation dann als erste bundesweite Anlaufstelle für Betroffene von digitaler Gewalt gegründet.

Es werden ganz oft die Begriffe von Hatespeech oder Hassrede benutzt – wir verwenden absichtlich „digitale Gewalt“, denn es ist viel mehr als nur Hass im Netz.

Judith Strieder, Hateaid

tipBerlin Jetzt hast du schon öfter von digitaler Gewalt gesprochen. Was versteht man darunter und was zählt dazu?

Judith Strieder Spannend, dass du darüber gestolpert bist. Es werden ganz oft die Begriffe von Hatespeech oder Hassrede benutzt – wir verwenden absichtlich „digitale Gewalt“, denn es ist viel mehr als nur Hass im Netz. Digitale Gewalt ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Phänomene. Es gibt einerseits Straftatbestände, die es im analogen Leben auch gibt. Hierzu gehören Beleidigungen, Bedrohungen, Verleumdungen oder üble Nachrede, und das kann alles in Form eines Hasskommentars oder in einer direkten Nachricht stattfinden.

Dann gibt es viele Phänomenbereiche, die es im analogen Leben so nicht gibt. Zum Beispiel bildbasierte sexualisierte Gewalt, also die Verbreitung von intimem Bild- und Videomaterial. Oder das sogenannte Doxing, also das Veröffentlichen von sensiblen Daten ohne Zustimmung wie Adressen und Telefonnummern oder auch Deepfakes, also das Erstellen von KI-generiertem manipulierten Bildmaterial. Digitale Gewalt ist also ein Feld, welches immer weiterwächst, und es kommen immer weitere Phänomenbereiche dazu.

tipBerlin Ihr habt am 13. Februar 2024 die Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug“ veröffentlicht. Eine Kernthese: Der Hass im Netz nimmt weiter zu. Von welcher Gruppe geht der Hass aus?

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Hass im Netz kommt vermehrt aus dem rechtsextremen Spektrum

Judith Strieder Digitale Gewalt kann jede Person treffen und somit auch von jeder Person ausgehen. Laut BKA kommt jedoch vermehrt Hass aus dem rechtsextremen Spektrum. Vor allem ist bemerkbar,  dass der Hass aus diesem Feld orchestriert stattfindet – also zum Beispiel als organisierter Shitstorm auf einen Account.

tipBerlin Gibt es eine Plattform, die diese Gruppe vor allem nutzt, um Hass zu verbreiten?

Judith Strieder Generelle Spitzenreiter bei digitaler Gewalt laut der Studie sind in dieser Reihenfolge: Twitter, dann TikTok, Facebook, Instagram und Telegram. Das sind aber auch die größten Plattformen. Vor allem, seit Twitter in X umgewandelt wurde, ist es sehr willkürlich, was dort passiert, und es ist ein Anstieg von digitaler Gewalt zu verzeichnen. Telegram hat den Ruf, Nachrichten und Inhalte sicher teilen zu können, vor allem was verschlossene Gruppen angeht, und das wissen Tatpersonen natürlich auch.

tipBerlin Kann man zwischen den Plattformen wie Instagram, Facebook oder X Unterschiede im Hinblick auf die digitale Gewalt feststellen?

Judith Strieder Ja definitiv. Also von X (ehm. Twitter) ziehen sich immer mehr Leute zurück. Facebook ist eher privat, die Personen treten öfter mit Klarnamen auf und es wird eher von älteren Personen genutzt, älter als zum Beispiel die Personengruppen, die bei Instagram oder Snapchat sind. Fake-Accounts finden sich eher auf X und Instagram. Snapchat wird zum Beispiel eher für das Versenden von „Dickpics“ genutzt, weil das Bild dort nur kurz sichtbar ist und es schwieriger ist, einen Screenshot zu erstellen. Bei Instagram ist das Auftreten von Sextortion auffällig.

tipBerlin Was versteht man unter Sextortion?

Judith Strieder Eine Person schreibt eine andere an, oft kennen sie einander nicht. Dann entsteht ein Chat, dieser verläuft irgendwann in eine sexuelle Richtung und es werden Nacktbilder ausgetauscht. Diese werden dann genutzt, um die Person zu erpressen. Es wird Geld verlangt im Gegenzug dafür, dass die Nacktbilder nicht verbreitet werden. Das passiert ganz oft auf Instagram mit der Drohung, die Fotos an die Follower:innenschaft zu schicken.

tipBerlin Welcher Fall von digitaler Gewalt ist dir am stärksten im Kopf geblieben?

Judith Strieder Mich berühren vor allem Frauen in meiner Beratung, die von bildbasierter sexueller Gewalt betroffen sind.  Ich bekomme mit, dass das ihr Leben aus den Fugen geraten lässt und die Schambehaftung  extrem groß ist. Die Personen trauen sich oft kaum, sich bei uns zu melden, obwohl der Leidensdruck enorm ist. Ich glaube auch, sexualisierte Gewalt zu erleben, ist noch einmal etwas anderes, als andere Formen von Gewalt zu erleben. Und das im digitalen Raum zu erleben ist oft etwas besonders, denn es ist sehr öffentlich und unkontrolliert.

tipBerlin Ihr habt auch einige bekannte Fälle betreut. Den Verleumdungsfall der Grünen-Politikerin Renate Künast zum Beispiel. Oder ihr habt mit den Klimaaktivistinnen Louisa Dellert und Luisa Neubauer zusammengearbeitet.

HateAid berät nicht nur Personen des öffentlichen Lebens

Judith Strieder Genau. Das sind Klientinnen von uns, diese sind auch bei uns in der Beratung. Wir beraten aber nicht nur Personen des öffentlichen Lebens! Ganz im Gegenteil, die Mehrheit der Personen, die bei uns in die Beratung kommen, sind Privatpersonen. Viele von denen möchten aber nicht öffentlich mit ihren Fällen auftreten. Das ist der Grund, warum eher bekannte Personen über ihre Fälle sprechen.

tipBerlin Am 18. Februar sprach die Berliner Klima-Aktivistin Luisa Neubauer in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ über die schweren Bedrohungen und Beleidigungen, denen sie durch ihre Arbeit ausgesetzt ist. Wer ist besonders häufig von Hass im Netz betroffen? 

Judith Strieder In unserer aktuellen Studie wurde herausgefunden, dass vor allem Personen mit sichtbarem Migrationshintergrund, danach junge Frauen und dann Personen mit bisexueller oder homosexueller Orientierung betroffen sind. Generell kann man das in marginalisierte Gruppen zusammenfassen, und diese werden im digitalen Feld genauso vermehrt angegriffen wie auch im analogen Leben. Aber auch Personen, die sich zu politischen und polarisierenden Themen äußern, wie zum Beispiel  Feminismus oder dem Klimaschutz.

tipBerlin Eine weitere Aussage der aktuellen Studie ist, dass sich mehr als die Hälfte der Befragten weniger politisch im Netz äußern aufgrund von Angst vor Hass und Beleidigungen. Was bedeutet das für die Demokratie im Netz?

Judith Strieder Das ist die Gefahr. Das ist genau das, was das rechtsextreme Spektrum  erreichen möchte. Menschen werden aus einem öffentlichen Raum rausgedrängt und ihre Meinung findet online nicht mehr statt – es sieht also so aus, als ob die Mehrheit rechtsextreme Meinungen vertritt. Die Gefahr für die Demokratie ist, dass sich das auf den analogen Diskurs überträgt. Oder auch das Komunalpolitiker:innen so sehr angegriffen werden, dass sie sich zurückziehen, und das macht es für rechtsextreme Strukturen leichter, im analogen Feld aufzutreten.

tipBerlin Wie schätzt du die Gefahr ein, dass dieser digitale Hass auch in das analoge Leben überschwappt?

Judith Strieder Die Gefahr besteht immer, und das Risiko ist so enorm, dass wir sagen: Das muss abgesichert werden! Es passiert jetzt nicht tagtäglich, dass Personen, die gedoxt wurden, auch auf der Straße angegriffen werden. Aber dass sie bedroht werden und die Betroffenen sich in ihrem Zuhause nicht mehr sicher fühlen.

tipBerlin In eurer neuen Studie heißt es auch, dass nur fünf Prozent der Betroffenen von digitaler Gewalt Anzeige erstatten. Woran liegt das?

Judith Strieder Das Anzeigen bringt oft ganz viele Hürden mit sich. Einerseits berichten uns Betroffene immer wieder von unangenehmen Erfahrungen bei den Strafverfolgungsbehörden. Also dass die Personen dort wenig wissen, wenig Empathie zeigen, teilweise den Betroffenen vorwerfen, weshalb man sich so geäußert habe oder die Daten rausgegeben habe. Die Betroffenen fühlen sich nicht verstanden, erleben teilweise Victim Blaming. Außerdem ist auch die Sicherheit ein großer Aspekt – also, wenn die Tatperson den Klarnamen oder die Adresse der betroffenen Person nicht hat, dann wird diese bei der Strafverfolgung den Klarnamen auf alle Fälle erfahren. All das löst bei Betroffenen von digitaler Gewalt eine Misserfolgserwartung aus.

Wenn ich jetzt in der Beratung arbeite, spreche ich aber immer über beide Seiten. Einerseits, was braucht die Person und wozu ist sie in der Lage? Wenn man etwas zur Anzeige bringt, dann dauert das viele Monate und man muss immer wieder bereit sein, über die Tat zu sprechen – und das ist nicht ohne, über die eigene Gewalterfahrung zu sprechen. Anderseits ist es enorm wichtig, dass alle Taten angezeigt werden, damit das Dunkelfeld heller wird und damit die Strafverfolgungsbehörden das Ausmaß der Problematik sehen. 

tipBerlin Wie kann man sich dann als Privatperson im Netz vor Hass schützen? Kann man dem vorbeugen?

HateAid-Präventionsberatung: Wo gibt es Angriffspunkte, wie kann man digitale Sicherheit beachten?

Judith Strieder Wir bieten auch Präventionsberatung an, gerade für Personen, die vorhaben sich zu bestimmten Themen zu äußern oder sich engagieren, zum Beispiel in Form eines hitzigen Artikels oder auch eines Buchs. Dann können wir schon einmal schauen, wo es vielleicht Angriffspunkte gibt. Außerdem kann man auf jeden Fall die digitale Sicherheit beachten. Das Einrichten von sicheren Passwörtern, ein Passwort-Manager – so kann man sich zum Beispiel vor Hacking-Angriffen schützen. Dann sollte man auch die Cloud vorsichtig nutzen, auch dort ist ein sicheres Passwort wichtig. Wir empfehlen aber generell, in der Cloud kein intimes Bildmaterial zu sichern, weil das trotzdem nicht sicher genug ist. Es gibt Hinweise, die man befolgen kann, ich würde auch niemals zu viele sensible Daten über mich im Internet teilen.

tipBerlin Eine letzte Frage: Sich den ganzen Tag mit Hass, Gewalt und Beleidigungen zu beschäftigen stelle ich mir nicht leicht vor. Wie kann man nach Feierabend abschalten und den Kopf frei bekommen?

Judith Strieder Ich mache immer wieder mal einen „digital detox“, also Internet-Pausen und ich habe inzwischen sehr verlässliche Strategien für meine eigene Stabilisierung. Wenn mir etwas zu viel wird, dann weiß ich was ich tun muss und ich achte gut auf mich. Ich mache Pausen, habe genug Ausgleich und Aktivitäten, die mir Kraft geben. Vor allem habe ich ein tolles Team, ich glaube das ist auch einer der Gründe, warum ich persönlich das so gut machen kann. Wir ziehen alle am gleichen Strang, und das gibt unglaublich viel Kraft. Einerseits ist es schlimm, was alles im digitalen Feld passiert. Manchmal sind diese ganzen Geschichten und Schicksalsschläge auch belastend, aber auf der anderen Seite liegen auch so viel Ressourcen im digitalen Bereich, also der Austausch und die Communitys. Es gibt mir Kraft, den Personen helfen zu können, also die Dankbarkeit der Menschen zu erfahren. Das macht ganz viel wieder wett. Der Grund, warum ich zu HateAid wollte: Ich habe das Gefühl, ich beziehungsweise wir als Organisation tun etwas!


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