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Kommentar

Musik in U-Bahnhöfen? Schweig’ lieber stille, BVG

Die BVG bespielt testweise vier U-Bahnhöfe in Berlin mit klassischer und Lounge-Musik. Ein Test mit dem Ziel, das Warten angenehmer zu machen. Unsere Autorin hält das nicht unbedingt für eine gute Idee. Denn: Geräuschverschmutzt ist Berlin schon genug. Und die BVG hat andere Aufgaben. Ihr Kommentar.

Musik am Moritzplatz: An der Station der U-Bahnlinie 8 wird künftig testweise klassische Musik gespielt. Foto: Imago/Steinach

BVG spielt Klassik in Stationen: Realitätsferner Traum vom Luxustransportmittel

Ende 2021 brachte eine Schweizer Consulting-Firma eine kuriose Idee für Berlins öffentlichen Nahverkehr ins Gespräch: Sowohl in U- als auch S-Bahnen sollten bequeme und mit Sitzplatzgarantie wie WLAN ausgestattete Erste-Klasse-Abteile eingerichtet werden. Die Tickets für diese Luxus-Version des Öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) wären dann zwar etwa dreimal so teuer wie bislang. Wohlhabende Fahrgäste in spe würden ihre Ferraris und SUVs dennoch liebend gerne zu Hause lassen, das neue ÖPNV-Angebot dank dessen Exklusivität stürmen – zum Nutzen natürlich der Holzklasse-Fahrgäste, für die die Ticket-Preise dann sozialerweise gesenkt werden könnten.

In Berlin schüttelte man ob dieses realitätsfernen Vorschlags nur ungläubig den Kopf: S- und U-Bahn als elitäres Luxustransportmittel? So’n Quatsch, das will niemand!

Der Traum von Edelfahrgästen im hauptstädtischen ÖPNV scheint indes bei einigen Entscheider:innen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) irgendwo im Hinterstübchen verfangen zu haben. Seit neuestem nämlich will das städtische Unternehmen testweise vier U-Bahnhöfe vorwiegend mit klassischer, aber auch mit sogenannter Lounge-Musik beschallen. Getestet wird an den Stationen

Das eine musikalische Bespielung von Bahnstationen zum Beispiel Wohnungslose und Drogendealer vertreiben könnte, ist nicht der Grund für den Versuch. Der Sound solle vielmehr auf die Fahrgäste angeblich entspannend, wenn nicht sogar deeskalierend wirkend. Für manche Menschen, Klassik-Liebhaber:innen, mag das durchaus auch stimmen. Wer eine privilegierte Erziehung mit solider musikalischer Grundbildung erfahren hat, mit den Stilen der europäischen Kunstmusik vertraut ist, mag die orchestrierten Klänge von Geigen, Cembalos, Blechblasinstrumenten durchaus genießen, echte Expert:innen hören vielleicht sogar bevorzugte Musiker:innen und Dirigent:innen heraus. Für andere jedoch, Leute, denen klassische Musik und Lounge-Gedudele am, nun ja, Allerwertesten vorbei geht, droht die U-Bahnhof-Beschallung eine akustische Verschmutzung mehr zu werden.

Die U-Bahnstationen Berlins sind ohnehin keine Orte stiller Kontemplation

Rumpelnde Rolltreppen, kreischende Zugräder auf Schienen, klackernde Rollkoffer, giggelnde Teenies, dazu das verzerrte Geplärre aus unzähligen Kopfhörern: U-Bahnstationen sind nicht gerade Orte stiller Kontemplation. Darüber jetzt einen weiteren, wie auch immer gearteten Klangteppich zu legen – warum? Zumal wir auch außerhalb von U-Bahnhöfen unter Dauerbeschallung stehen. Tosender Verkehrslärm auf den Straßen sorgt bei den Menschen für einen dauerhaft hohen Stresspegel und kann sogar das Gehör schädigen.

Der U-Bahnhof Unter den Linden ist noch ziemlich neu – und wird jetzt auch mit Musik bespielt. Foto: Imago/McPhoto

In Cafés konkurrieren dröhnende Espressomaschinen mit dem Sound aus der Musikbeschallungsanlage um die Dezibelhöhe. Selbst beim Einkaufen ist man vor unerbetenen musikalischen Geräuschen längst nicht mehr sicher: Muzak, also das Gesäusel auf dem kleinsten gemeinsamen musikalischen Nenner, verstopft die Ohren und zermatscht das Hirn.

Als Schwangere hatte ich mich mal in einen pränatalen Yoga-Kurs verirrt: Die Meditationsmusik, die dort zwecks Entspannung im Hintergrund lief, ging mir so schwer auf den Senkel, dass ich den Ort fluchtartig wieder verließ. Erst zuhause, bei Ike und Tina Turners „Nutbush City Limits“, kam ich von dem Stress dann wieder runter.

Ganz ehrlich? Schweig’ lieber stille, BVG!

„Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden“, wusste schon Wilhelm Busch, der geniale Spötter. Was akustisch also entspannen, anregen oder gar deeskalieren soll, ist individuell sehr unterschiedlich. Erst recht in einer Stadt wie Berlin, die von unterschiedlichsten Kulturen gespeist wird. Sollten die U-Bahnhöfe nicht vielmehr mit türkischen Lautentönen, mit Afrobeats oder, als kleiner Willkommensgruß, mit ukrainischen Popsongs beschallt werden?

Ganz ehrlich? Schweig’ lieber stille, BVG! Sorge stattdessen für pünktliche Bahnen und Busse – und nimm’ das Verbot von 2020 zurück, das Straßenmusiker:innen an Auftritten in U-Bahnhöfen hindert. Die spielen manchmal schön, manchmal auch nicht, hören aber nach einer Weile ohnehin wieder auf. Und haben mit ein paar gespendeten Talern zudem noch ihre prekäre Existenz gesichert.


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