Es gibt sehr viele Bushaltestellen in Berlin. Sie sind Knotenpunkte zwischen ÖPNV und Fußverkehr. Und sie sind Orte des Wartens, Transiträume in der Stadt – wie Bahnhöfe, bloß diffuser, weniger klar getrennt vom Rest der Stadt. Hier kommt man für kurze oder auch mal lange, manchmal gar viel zu lange Zeit zum Stillstand. Bushaltestellen sind Orte des Wartens.
Architektonisch geben unsere Haltestellen leider nicht viel her. Wer im Berliner Umland unterwegs ist, trifft noch hier und da auf kuriose Gebilde aus DDR-Zeiten, damals als jedes Dorf eine andere Haltestellen-Bauweise hatte. Aus Beton, Holz oder Blech errichtet, zuweilen bemalt oder mit Mosaiken geschmückt, sorgten sie für Aufsehen. Im Berlin der Gegenwart sind Bushaltestellen einförmig. Lichtsäulen, schnöde Masten oder hier und da funktionale Glashäuschen. Wir haben uns trotzdem umgeschaut und erzählen entlang von 12 Fotos von diesen speziellen Orten, den Bushaltestellen in Berlin.
Betriebshof Köpenick
Wer heute länger als zwei Minuten auf irgendetwas warten muss, greift instinktiv zum Smartphone. Soziale Medien, Chat-Dienste und Onlinespiele füllen jede noch so kleine Lücke im Alltag auf. Steht man an einer Bushaltestelle, geht die Hand instinktiv zum Telefon. Das war Ende der 1990er-Jahre noch anders, wie dieses Foto zeigt. Hier am Betriebshof Köpenick standen die Leute einfach rum, glotzten Löcher in die Luft und stiegen irgendwann ein, ohne mit der Welt im ständigen Austausch zu sein.
Einsam in Hohenschönhausen
Bushaltestellen können, ähnlich wie Bahnhöfe oder Flughäfen, auch melancholische Orte sein. Hier trennt man sich und fährt davon, hier kommt man wieder an, hier finden die kleinen Routinen und die kleinen Dramen des Alltags statt. Wer mal allein am Stadtrand bei Dämmerung und unfreundlichem Wetter 20 Minuten auf den nächsten Bus warten musste, kennt dieses leicht trostlose Gefühl.
Vor historischer Kulisse
An dieser Haltestelle in Mitte, hatten die Leute in Ost-Berlin der frühen 1960er-Jahre ganz schön was zu gucken. Der SED-Staat ließ am Bahnhof Alexanderplatz das vermutlich berühmteste Bauwerk der DDR errichten, den Fernsehturm. In dieser frühen Phase steht gerade mal der Betonsockel. Wer hier regelmäßig mit dem Bus unterwegs war, konnte tagesaktuell das Fortschreiten der Arbeiten beobachten.
Die Haltestelle als Säule
Der Name Rainer G. Rümmler ist nicht unbedingt geläufig, doch der Architekt gestaltete viel in Berlin. Wenngleich sein Werk bei weitem nicht alle Menschen in Berlin lieben. Nah ist er uns vor allem im Nahverkehr: Der Architekt entwarf in West-Berlin ab den 1950er-Jahren einen U-Bahnhof nach dem anderen, ein paar öffentliche Gebäude obendrein. Der oberirdische Teil des U-Bahnhofs Fehrbelliner Platz entstand nach Rümmlers Plan um 1964. Die moderne Bushaltestelle, eine hohe Lichtsäule, steht einfach davor und will sich nicht recht in die Umgebung einpassen.
Nachtfalken in Treptow
Dieses Foto könnte als Vorlage für ein Gemälde von Edward Hopper dienen. Der US-amerikanische Maler fing wie kein anderer die Einsamkeit in der modernen Großstadt ein. Fast leere Straßen und stumme Hausfassaden im Zwielicht, dazwischen Menschen, die verloren wirken. Hoppers berühmtestes Gemälde „Nachtschwärmer“ („Nighthawks“) aus dem Jahr 1942, zeigt drei Gäste und einen Barkeeper in einem klassischen Diner. Es sind einsame Seelen. Diese Berliner Lady mit dem großen Hut, die in Treptow ganz allein auf einen Bus wartet, hätte Hopper vermutlich gefallen.
Haltestelle als Shop
So wie Litfaßsäulen, Mülleimer, Brunnen, öffentliche Toiletten und Bänke gehören auch Bushaltestellen zum Oberbegriff der Stadtmöbel. Die modernen Glashäuschen verfügen meist über eine beleuchtete Werbefläche und kommen aus dem Hause Wall. Es sind einheitliche und funktionale Konstruktionen, die zwar ihren Zweck erfüllen, aber keinen ästhetische Mehrwert haben, wie etwa die Jugendstil-Eingänge zu der Pariser Metro oder sowjetische Bushaltestellen der 1970er-Jahre. Hier am Lustgarten in Mitte hat ein Straßenhändler eine Haltestelle „verschönert“ und sie kurzerhand zur Auslage für seine Waren umfunktioniert.
Kreuzberg in den 1970er-Jahren
In den 1970er-Jahren hing an kleinen gelben Masten ein Schild mit dem Buchstaben „H“ und dem Hinweis auf den „Autobus“, wie hier am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Die Liniennummern, hier die 28 und die 41, wurden an diesen Schildern montiert. Ähnlich auch, wie damals die Monatskarten der BVG funktionierten: Man bekam für die Buslinie, die man nutzen wollte, einen speziellen Aufkleber mit der jeweiligen Nummer und konnte dann etwa mit der U-Bahn und nur dieser bestimmten Buslinie fahren. Übrigens: Mehr Fotos aus Kreuzberg in den 1970er-Jahren seht ihr hier.
Großer Andrang in Schönefeld
So voll ist es zum Glück nur selten an den Bushaltestellen in Berlin. Das Foto entstand 2006 am Flughafen Schönefeld, an jenem Tag reichte vermutlich nicht nur ein einziger Bus, auch kein Doppeldecker, um alle Wartenden wegzubringen. Da lautet das Motto: Nur die Ruhe bewahren, irgendwann kommt der nächste Bus!
Warten an der Mauer
Dieses gelbe Wartehäuschen stand 2004 noch in der Bernauer Straße, in unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte Berliner Mauer. Während der Teilung der Stadt gehörte das Warten in Mauernähe durchaus zum Alltag. Nach dem Mauerfall sind allerdings sehr schnell alle Bushaltestellen aus der DDR-Zeit verschwunden und wurden durch neue West-Modelle, wie jenes auf dem Bild, ersetzt.
Nicht ohne Maske!
Corona hat auch das Warten auf den Bus verändert. Abstand, Maske und Vorsicht gehörten auch an den Bushaltestellen dazu. Die strengen Lockdownmaßnahmen der Jahre 2020 und 2021 sind vielen noch in Erinnerung, aber so wie in diesen Pandemiejahren sieht das Warten auf den Bus am Hermannplatz nicht mehr aus.
Die Bushaltestelle im Film
Regisseur Tom Tykwer drehte 2007 den Hollywoodfilm „The International“ mit den Weltstars Clive Owen und Naomi Watts in den Hauptrollen in seiner Heimatstadt Berlin. Es war ein düsterer Krimi um den Interpol-Agenten Louis Salinger (Clive Owen). Kaum traf er einen Informanten am Berliner Hauptbahnhof, war dieser auch schon tot. Für den obsessiven Fahnder ein Beweis für die illegalen Machenschaften einer Großbank. Während der Dreharbeiten am Hauptbahnhof musste eine Bushaltestellen umgesetzt werden.
Ein Design-Klassiker in Tegel
Eine der architektonisch interessantesten Bushaltestellen in Berlin findet man am ehemaligen Flughafen Tegel. Die Entwürfe dafür stammten damals vom Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (gmp). Der 1974 eingeweihte Flughafen überzeugte mit moderner Funktionalität, kurzen Laufwegen vom Check-In zum Flugzeug und insgesamt einer gelungenen Infrastruktur. Mit seinen stromlinienförmigen Formen, einem farbenfrohen Leitsystem und dem bulligen Tower reihte sich der Flughafen Tegel in die lustig-futuristische West-Berliner Architektur der 1970er-Jahre ein, wofür etwa das ICC, der Bierpinsel in Steglitz oder die pop-knalligen U-Bahnhöfe der U7 gute Beispiele sind. Und eben auch diese Bushaltestelle.
Mehr Texte über Berlins Geschichte lest ihr hier. Euch interessen bestimmte Routen? Hier nehmen wir euch mit auf eine Fahrt mit dem 100er-Bus. Eine weitere Option ist die Linie 200. Und auch die Linie 300 bringt euch zu Sehenswürdigkeiten. Seit dem frühen 20. Jahrhundert fahren Busse durch Berlin. Hier geht’s zur Foto-Zeitreise im Nahverkehr: Berlin, der Bus und der Wandel der Zeit. Viel Lob und Liebe gibt’s vor allem für Berlins Doppeldeckerbusse: Hoch auf dem gelben Wagen. Entdeckt mit uns den Untergrund: Die Berliner U-Bahnlinien erklären wir euch hier. Sie ist das größte Karussell der Stadt: Die Ringbahn mit den Linien S41/S42. Alles über den Berliner Nahverkehr lest ihr hier.