Kommentar

Warum Feminismus in der heutigen Zeit noch so wichtig ist

Sind Frauen gleichberechtigt? Ist der Feminismus am Ziel angekommen, weil inzwischen zumindest Debatten geführt werden, wie es fairer zugehen kann in unserem Land? Das Gegenteil ist der Fall. Noch immer werden Frauen in Ecken gedrängt, müssen sich für viele Entscheidungen brutale Beleidigungen anhören. Der Kampf geht weiter – ein Kommentar.

Feminismus ist für alle da, nicht nur Frauen. Foto: Imago Images/agefotostock

Diskriminierungen sind Alltag – vor allem auf der Bühne der sozialen Medien

„Na, das Kleid ist aber ganz schön knapp!“ Diesen Spruch musste sich die SPD-Landtagsabgeordnete Nadine Julitz von einem Kollegen aus der AfD- im Schweriner Landtag anhören. Unnötigerweise.

Für diejenigen, die diesen Spruch für ein Kompliment halten. Falsch gedacht, meine Herren, denn das ist schlichtweg Sexismus. Es geht Männer ehrlich gesagt einen Dreck an, wie sich Frauen anziehen. Was „ganz schön knapp“ ist, darf jede für sich selbst entscheiden. Sie dafür anzugehen, ist? Richtig: Sexismus.

Dieser zeigt sich im kleinen Rahmen, egal ob bei der Arbeit oder im eigenen Zuhause. Aber eben auch im öffentlichen Raum, sichtbar für Tausende. Auch und vor allen, weil in den sozialen Medien jeder das posten und sagen kann, was er für richtig hält. Selbst, wenn es sich um Diskriminierungen handelt.

Eigentlich sollte man solchen sexistischen Aussagen und Menschen wie seitens des AfD-Mannes gar keine Reichweite geben, sie einfach ignorieren. Oder? Nein. Denn wenn man solche Themen immer noch immer wieder totschweigt, kann sich nichts verbessern.

Auch um über die Wirkung solcher Anfeindungen aufzuklären, braucht es eine Bewegung die sich mit Freiheit und Selbstbestimmung befasst. Am besten für alle Fragen, die in Verbindung zu Geschlecht, Körper und sexueller Orientierung stehen. Wie gut, dass wir Feminismus haben.

Feminismus betrifft alle – auch Männer

Feminismus ist für alle da und setzt sich auch gegen Rassismus ein.
Feminismus ist für alle da und setzt sich auch gegen Rassismus ein. Foto: Imago Images/Endig

Zuallererst sollte gesagt werden, dass es nicht den einen Feminismus gibt – und dass er nicht nur Frauen betrifft. Feminismus hat viele Facetten. Grundsätzlich setzt er sich für die Gleichstellung aller Menschen ein, indem man gegen Diskriminierungen und Sexismus vorgeht. Feminismus will Geschlechterrollen aufbrechen, sodass Frauen eine Karriere und Männer Emotionen zeigen dürfen. Es geht um Selbstbestimmung und Freiheit, ohne dabei die Freiheit anderer einschränken zu wollen.

Auch Bodypositivity und die Normalisierung beispielsweise von Frauen mit Körperbehaarung zählt dazu. So wie es Fitness-Influencerin und Bodybuilderin Franziska Lohberger regelmäßig auf Instagram zeigt.

Kürzlich postete sie ein Bild, auf dem man durch ihre Jeanshose hindurch die Form ihrer Vulvalippen sehen kann. In dem besagten Post spricht sie sich gegen Bodyshaming aus und schreibt, dass man sich als Frau nicht für den sogenannten „Camel Toe schämen“ braucht, schließlich sei das ganz normal. Genau aus diesem Grund wird im folgenden das Wort Vulva- statt Schamlippen verwendet. Die Bezeichnung Schamlippen suggeriert nämlich, dass dies ein Teil des Körpers sei, für den sich Frauen zu schämen hätten.

Frauen sollten sich nicht für ihren Körper schämen müssen.

Franziska Lohberger macht auf dieses Thema aufmerksam, weil einige Nutzer sie als widerlich bezeichneten, nachdem sie in einer Instagram-Story eine Jeans trug, in der sich ihre Vulvalippen abzeichneten. Franziska Lohberger schreibt in ihrem Post: „Wisst ihr, was ICH widerlich finde? Dass Frauen und Mädchen das Gefühl vermittelt bekommen sich für ihren Körper schämen zu müssen. Sich als Beule abzeichnende Männergenitalien sind doch auch völlig normal.“

Lohberger will damit zeigen, dass es bei Männern als normal gilt, wenn man durch eine Jeanshose eine leichte Delle im Intimbereich sieht. Bei Frauen gilt es jedoch als verpönt, wenn sich die Genitalien abzeichnen.

Der selbsternannte Komiker Udo Bönstrup, bekannt aus „Promi Big Brother“, macht sich prompt über Franziska Lohbergers Post lustig – vor seinen mehr als 161.000 Followern. Bönstrup kritisiert die Fitness-Influencerin, nimmt sie nicht ernst und unterstellt ihr Probleme zu schaffen, wo keine seien, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Während Bönstrup Lohbergers Anliegen scheinbar nicht erst nehmen kann, sprechen die Kommentare unter Lohbergers Beitrag eine ganz andere Sprache. Hier bedanken sich unzählig viele Nutzer*innen bei der Sportlerin für ihren mutigen und wichtigen Beitrag und zeigen, wie wichtig es ist, solche Themen anzusprechen.

Was folgt ist ein tagelanger Schlagabtausch von Feminist*innen und offensichtlich frauenfeindlichen Männern, die alle sich solidarisch zeigenden Influencer*innen teils wüst beschimpfen.

Wer „typisch öko links fotze“ als berechtigte Kritik in einer Diskussion ansieht, hat, wie Bönstrup, nicht verstanden, was das eigentliche Problem ist. Männer, die sich mit Hass und Spott über Probleme von Frauen lustig machen und dann lauthals darüber klagen, wenn ihr Sexismus benannt wird. Das zeigt die leider traurige Wahrheit auf, wie weit die Gesellschaft noch von Gleichstellung entfernt ist.

Einsicht über das falsche Verhalten fehlt leider oft

Influencerin Louisa Dellert versuchte sogar in einem fünfzehnminütigem Telefonat Udo ihren Standpunkt darzulegen, nur damit er im Anschluss in seiner Instagram-Story „satirisch“ über sie herzieht. Er drohte Feministin Kristina Lunz per Sprachnachricht mit seinem Anwalt und damit, dass er andere Wege einleiten würde, wenn sie ihre Beiträge über den Vorfall nicht löschen würde.

Bönstrup sagt Sätze wie „Das ist immer so bei euch Feministinnen. Bei diesen ultra Turbo Feministinnen, weil ihr immer so hässliche, ungefickte Speckstücke seid, mit fettiger Kurzhaarfrisur, die mir einfach den ganzen Tag auf den Sack gehen.“ und wehrt sich so gegen die Influencer*innen, die sich Lohberger solidarisch zeigen. Und Bönstrup glaubt jetzt, das hilft ihm dabei der Welt zu zeigen, dass er kein Frauenfeind ist?

"Respekt für alle" fordert diese Demonstrantin auf dem Internationalen Frauentag 2020
„Respekt für alle“ fordert diese Demonstrantin auf dem Internationalen Frauentag 2020. Foto: Imago Images/IPON

Udo Bönstrup polarisierte schon im Herbst diesen Jahres bei „Promi Big Brother“ mit sexistischen Aussagen. Er nennt sich selbst zwar Comedian, doch Frauenfeindlichkeit ist weder witzig, noch Satire. Seine sexistischen Beleidigungen sind von Satire weit entfernt.

Mit seiner großen Reichweite teilt er seine frauenfeindlichen und vermeintlich satirischen Sprüche und Beiträge in viele Feeds. Seine Posts bekommen trotz ihrer misogynen Aussagen Likes und positive Rückmeldungen. Aktuell hat der Post über Franziska Lohberger ungefähr 14.000 Likes.

Menschen wie Bönstrup sind der Grund, wieso wir auch noch in 2020 Feminismus brauchen. Wenn selbst in der Politik frauenfeindliche Dinge gesagt werden oder Politiker versuchen Frauen mit den Worten „Das weiß ich doch, aber denk doch mal taktisch, Mäuschen. Bleib ruhig, du musst ein bisschen länger denken. Als Frau fällt das ein bisschen schwerer, ne?“ zu beruhigen, wie es der AFD-Politiker Christian Lüth gegenüber der YouTuberin Lisa Licentia tat. Oder wenn sein Parteikollege in Schwerin meint, ihm stünde ein Kommentar über die Kleidung einer Politikerin zu.

Immer wieder demonstrieren Frauen auf den Straßen für ihre Rechte
Immer wieder demonstrieren Frauen auf den Straßen für ihre Rechte. Foto: Imago Images/Lucas

Die Zeiten sind vorbei, in denen Drohungen und Beleidigungen dazu führen, dass Frauen klein beigeben und den Mund halten. Egal wie traurig es doch ist, aber Feminismus ist so wichtig wie eh und je. Schließlich gibt es immer noch Menschen, hauptsächlich Männer, die scheinbar im 19. Jahrhundert hängengeblieben sind und Frauen weiterhin als Objekt oder minderwertig ansehen. Dabei muss die Verhaltensänderung doch von denen mit Privilegien ausgehen, um das Ganze besser zu machen.

Egal ob Trump, irgendein Influencer oder AfD-Politiker – Sexismus, Rassismus und Diskriminierung von Minderheiten sind noch fest in unserer Gesellschaft verankert, obwohl es im Vergleich zu vor 100 Jahren schon viel besser aussieht. Wir dürfen nicht aufhören für die Gleichstellung aller Menschen zu kämpfen und das auch im kleinen persönlichen Kreis. Vielleicht lernen die Menschen dann, dass man mit Liebe weiter kommt als mit Hass.


Weitere gesellschaftliche Themen

Diskriminierungen und unsinnige Aussagen sind 2020 schon fast an der Tagesordnung. So haben wir bereits im Sommer die peinlichsten Berliner*innen wegen ihrer Aussagen über Corona gekürt. Eine andere spannendere Frage ist, ob man anhand von Freunden mit Migrationshintergrund ablesen kann, ob ein Mensch rassistisch ist.

Ein Instagram Account, der sich gegen die Sexualisierung von Frauen stark macht ist CatcallsofBerlin. Catcallsofberlin macht sexuelle Belästigung mit Kreide öffentlich — dort, wo die Frauen sie ertragen mussten: mit Kreide auf der Straße.

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