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Berliner Start-ups: Vollmundige Versprechen für dünne Ideen

Berliner Start-up-Gründer:innen haben Stehvermögen. Täglich penetrieren sie Jobportale mit ihren Stellenausschreibungen. Eigentlich ist das auch gut so. Manche Vision muss beharrlich vorangetrieben werden, damit aus ihr etwas Neues entstehen kann. Nur wird leider nicht jede Vision ihrer Bezeichnung gerecht. Häufig ist es Klein-Klein aus den Köpfen realitätsfremder Miniatur-Musks. Und gerade diese Leute locken junge Arbeitssuchende mit großen Worten ins Bett. Sobald es aber ernst wird, entschwinden sie pfeifend durch den Fahrradkeller. Deshalb ein Plädoyer gegen Berliner Start-up-Gründer:innen.

Berliner-Start-up-Präsi in a nutshell: Typ klebt unbeschriebene Post-its auf den Tisch, Leute schreiben mit. Foto: Imago/Maskot

Muss es denn immer ein Start-up in Berlin sein?

Berlin gilt als Gründerhaupstadt, schreibt zumindest das Berlin Business Location Center. Mehr als 500 Start-up-Neugründungen soll es demnach jedes Jahr in der Hauptstadt geben. Rund 80.000 (!) Arbeitsplätze kamen so zustande mit den Jahren. Wow. Wie viele der Jungunternehmer:innen pleite gingen, nun, das geht aus dieser Statistik nicht hervor. Erfolge schmecken besser als Niederlagen. Und so verkaufen sich Start-ups auch auf Jobportalen. Gefahren, etwa abspringende Investor:innen oder die Möglichkeit, dass die vermarktete „Innovation“ nicht auf Anklang stoßen könnte, blenden sie aus. In kreativen Köpfen hat das schlicht keinen Platz.

Wie kreativ einige diese Leute wirklich sind, zeigt sich bereits in ihren Stellenausschreibungen. Auch 2022 glauben sie, dass Kaffee und Obst ein dicker Punkt auf der Haben-Seite sind. Ebenso wie der Hinweis, dass es ein Onboarding gebe, also eine Einarbeitung. Nett, in anderen Unternehmen starten Neuankömmlinge bekanntermaßen blind. Wirklich schräg wird es aber in einer Stellenausschreibung auf startupsucht: „Optimalerweise bist du bereit, Kapital für Deine Firmenanteile zu investieren.“

Start-up-Träume: Größenwahnsinnige Entreprenööre

Schöne, wenn auch nicht neue Idee: Letztlich soll ein Teil des Lohns in Firmenanteile fließen, Arbeitnehmende werden also zu Anteilseignern. Problematisch ist, dass Arbeitgeber so die Löhne drücken und wenn der Karren in der Spree landet, versinkt das angelegte Geld gleich mit. Ein Risikoinvestment in etwas, das eine durchschnittliche Lebenserwartung von 2,6 Jahren hat. Gut, 80 Prozent aller Start-ups scheitern laut Gründerpilot nach drei Jahren. Aber ey, eventuell verbirgt sich hinter der verschönernden Zahnaufheller-Lampe, der süffigen Hundelimonade oder dem stärkenden Proteinbier das nächste große Ding, die erfolgreichen 20 Prozent.

Obwohl die Zahlen gegen die Entreprenööre sprechen, protzen sie mit Größenwahn. Das „nachhaltige“ Kaufhaus will zum nächsten Amazon werden, der „menschenfreundliche“ Schokoladenhersteller will Milka ablösen, der „umweltschonende“ Kleiderversand Zalando vom Thron stoßen. Vollmundige Versprechen für dünne Ideen. Die locken leider Menschen, die nicht Aktenstaub inhalieren wollen, die auf Zukunftsversprechen reinfallen, weil sie zum Beispiel Social Network, den Steve-Jobs-Film oder, ganz banal, Start-up gesehen haben.

Produkt kaputt, Ruf kaputt

Besonders böse kann das enden, wenn die Produkte wirklich vielversprechend sind. Hans Stier bot etwa Kaffeemaschinen, die Bohnen selbst rösten und mahlen, eine technische Innovation. Es flossen Investments und Kund:innen schlugen zu. Leider tat es ihnen die Maschine gleich, verpasste Nutzer:innen regelmäßig Stromschläge. Stier machte sein Unternehmen Toro dicht. Kurz darauf folgte Bonaverde, selbe Idee, selber Gründer. Das Spiel wiederholte sich. Auch das Unternehmen Panono, das Wurfkameras entwickelte, verkaufte ein paar Einheiten, scheiterte jedoch. Die Kamera war nicht sturzfest.

Dass Kaufende Geld verlieren, geschenkt. Arbeitnehmer:innen verlieren in solchen Momenten jedoch nicht nur ihren Job, sondern haben eventuell auch einen angekratzten Ruf. Wer will den Schockmaschinen-Ingenieur anstellen, wer die lieber-nicht-werfen-Wurfkamera-Spezialistin? Solche Ideen scheitern auch an Investorenvorgaben, klar. Doch auch die Ideengeber neigen zur Ungeduld. Und der daraus resultierende Druck lässt sich nicht einfach wegkumpeln. Bevor sie also mögliche Angestellte in den Abgrund quatschen, können sie sich auch ein, zwei Gedanken mehr über ihre „Innovationen“ machen, schauen, wie sinnvoll sie sind und ob sie wirklich funktionieren. Eine andere Option: Sie tüfteln einfach in ihrem Hobbyraum.


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Ein paar dieser Start-ups haben sich bereits eine Weile bewährt: Grüne Start-ups in Berlin: Von gerettetem Essen bis zu Tassen aus Kaffee. Viele andere werden hingegen ihren Ansagen nicht gerecht, sie sind „overrated“, wie viele andere Dinge in Berlin. Was die Hauptstadt noch bewegt, erfahrt ihr in unserer Stadtleben-Rubrik.

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