Kunstfreiheit

„Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“, Thomas Melle im Gespräch

Wut und Oden: Der Bühnenautor und Schriftsteller Thomas Melle über Risiken und Nebenwirkungen überhöhter moralischer Ansprüche im Theater, das Ende der Postdramatik und sein neues Stück „Ode“ am Deutschen Theater

imago images /Christian Kielmann

Thomas Melle, 44, ist eine der interessantesten deutschen Autoren. Er studierte unter anderem in Austin/Texas und an der FU Berlin Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft. Melle lebt in Berlin. Sein Roman „Sickster“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2011 nominiert. Sein 2014 erschienener Roman „3000 Euro“ stand 2014 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Die Protagonisten des Romans sind ein Obdachloser und Flaschensammler, von dem die Bank 3000 Euro fordert, und eine Kassiererin, die Amateurpornos dreht. In seinem 2016 erschienenen Buch „Die Welt im Rücken“ schreibt Melle über seine bipolare Störung. Jan Bosse inszenierte am Wiener Burgtheater eine Dramatisierung des Werkes. In der Debatte um die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke 2019 kritisierte Melle den Stil der Debatte: „Twitter, das den Puls der Meinungsmache vorgibt, richtet die Inhalte einfach auf diese Weise zu, formatiert sie in toxische Fetzen und süffisante Häppchen.“

tip Herr Melle, um was geht es in Ihrem Stück „Ode“, dessen Uraufführung das Deutsche Theater im Dezember zeigt?

Thomas Melle Um Kunstfreiheit.

tip Was gefährdet derzeit die Kunstfreiheit?

Thomas Melle Das versucht das Stück zu zeigen. Bedrohungen gibt es von allen Seiten, von links, von rechts, von der Religion natürlich auch, oder den jeweiligen Religionen. Einerseits soll die Kunst von rechts durch perfide Anfragen auf eine gestriegelte Heimatseligkeit und mentale Lokalität reduziert werden. Andererseits gibt es hochrestriktive Tendenzen in der Linken, die nicht mehr zwischen Bühne und Realität unterscheiden wollen und also dieselben moralischen Maßstäbe an den Inhalt der Kunst anlegen wie an den Apparat, in dem dieser Inhalt entsteht, oder eben unseren Alltag und unser Leben. Und das ist töricht.

tip Und was sagen diese Gefährdungen über den Zustand der Gesellschaft aus, in der wir leben?

Thomas Melle Ich sage es noch einmal, ich will weder spoilern noch den Gehalt der „Ode“ irgendwie reduzieren. Dem Ganzen in ein paar Sätzen gerecht zu werden, geht nicht. Die Zuschauer müssen sich selbst ein Bild machen und danach diskutieren. Der Sinn des Stücks liegt in seiner Fortschreibung nach der Aufführung, in den Gesprächen im Foyer, in den Bars, unterwegs und zuhause.

tip In Ihrem Stück treffen rechte Aggression und politisch korrekte Ressentiments gegen eine radikale Kunst auf Positionen von Künstlern, die sich von beidem nicht einschüchtern lassen wollen. Der Text ist voller Anspielungen, zum Beispiel auf Martin Kippenbergers spöttischen Satz „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“. Ist das eine Kulturbetriebssatire in Zeiten von Rechtsradikalismus und halblinker, sehr selbstgerechter Repräsentationskritik?

Thomas Melle Nein, es ist mehr. Es hat satirische Elemente, ist aber ein Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Status Quo und deshalb an den meisten Stellen nicht satirisch, sondern bitterernst gemeint.

„Ode“ von Thomas Melle, Foto: Arno Declair

tip Inwiefern mehr?

Thomas Melle Weil Satiren nie die Gesamtsituation im Blick haben, sondern meist mit Humor aus nur einer Ecke heraus arbeiten. Das aber hatte ich mit dem Stück nicht im Sinn. Jede Szene beschreibt einen eigenen Komplex in dieser vielgliedrigen Kette.

tip Gute Frage einer Ihrer Sprecher-Figuren: „Ist Kunst nicht auch das Reich des Bösen?“ Ist sie?

Thomas Melle Unbedingt. Sie muss es sein können. Sonst ist alles verloren. Und das ist eben das Problem mit dem Beepen, Wörterverbieten, Nichtschminken.

tip Was sind die Risiken und Nebenwirkungen von Kunst, die sich ins Reich des Bösen bewegt?

Thomas Melle Die des Verstands des jeweiligen Künstlers oder der jeweiligen Künstlerin. Wer zu blöd ist, etwa zu differenzieren zwischen Bühne und Apparat, sollte zum Beispiel besser einfach im Apparat bleiben. Deshalb ist das postdramatische Theater auch genau am 21.12., einen Tag nach der Premiere der „Ode“ – Verdikt – vorbei.

tip Und was schützt den Künstler beim Flirt mit dem Abgrund davor, plötzlich neben Peter Handke beim Begräbnis eines Massenmörders zu stehen?

Thomas Melle Sein Denken, seine Moral, sein Verhalten im Alltag. Wieso schon wieder Handke? 

tip Ist es Zufall, dass gleichzeitig die Theater immer sauberer werden und die Wirklichkeit immer schmutziger wird, dass die Theater mit ihrer moralischen Selbstveredelung beschäftigt sind, während außerhalb der Theater eine völkisch nationalistische Partei die Debatten dominiert?

Thomas Melle Kein Zufall und nicht unbedingt ein kausaler Nexus, aber ein Zusammenhang, der auch im letzten Teil des Stückes, „Präzisa“, verhandelt wird…

tip … bei dem ein Künstler auf der Autonomie des Spiels vor einem faschistischen Erschießungskommando besteht und sie feiert.

Thomas Melle Nein, ja, er feiert sie, ja; aber dann – doch das werden wir hier nicht verraten.

tip In Ihren Romanen erzählen Sie realistisch. In Ihrem neuen Stück treten weniger Charaktere als Sprecher-Figuren und Thesenträger auf, ein Gedanken-Versuchslabor, das politisch-ästhetisch-ideologische Positionen und Konflikte durchspielt und zuspitzt. Weshalb dieser Genrewechsel, weg von der Erzählung, hin zur perspektiv- und konfliktreichen Ideologiekritik?

Thomas Melle Es ist für mich beides. Es ist eine Genre-Erweiterung, eine neue Form, die ich für mich gefunden habe. Und auch schon „Bilder von uns“ war teils solch ein solcher Hybrid. Es ist jetzt nur noch hybrider geworden und zu einer eigenen Form geronnen.

tip Eine Ihrer Sprecherfiguen diagnostiziert den Tod des Theaters: „Dies ist also / Das Ende des Theaters, wie wir es kennen / Bitte nicht streichen, ja, diese Szene bitte nicht streichen, sehr wichtig / Wir zeigen hier den Tod des Theaters.“  Wie sieht er aus, der Tod des Theaters, und was wird ihn auslösen – oder auch nicht?

Thomas Melle Es wird natürlich nicht passieren. Die Feinde des Theaters können einpacken. Hier und überall stehen noch ganz andere Leute als ich bereit, das Ganze zu verteidigen. Ich habe da überhaupt keine Bedenken.

tip Eine Zusatzfrage, weil es in Ihrem Stück auch um ein skandalöses Denkmal geht, das an die Verbrechen und Verbrecher des Nationalsozialismus erinnert: Wie finden Sie die neue Aktion des Zentrums für politische Schönheit?

Thomas Melle Kein Kommentar.

Termine: Deutsches Theater Kammerspiele