Kommentar

Soll Xavier Naidoo ein Konzert in Berlin spielen? Eine Grundsatzfrage

Am 1. August 2021 soll der Mannheimer Soulsänger und prominente Verschwörungstheoretiker Xavier Naidoo in Berlin beim „Citadel Music Festival“ in der Zitadelle in Spandau auftreten. Gilt hier die Kunstfreiheit oder ist der Protest gegen das Konzert berechtigt? Ein Kommentar von Jacek Slaski.

Xavier Naidoo live beim Giessener Kultursommer, 2019.
Xavier Naidoo live beim Giessener Kultursommer, 2019. Foto: Imago/Kadir Caliskan

Die Sache mit der Kunstfreiheit ist heikel und die Geschichte kennt viele Beispiele, wo Künstler*innen Grenzen überschritten haben und die Öffentlichkeit empört reagierte. Platten der Beatles wurden wegen John Lennons angeblich blasphemischer Äußerungen in den USA verbrannt. In Wien mussten Aktionskünstler wie Hermann Nitsch in den 1960er-Jahren Gefängnisstrafen fürchten. Und ungezählte Musiker wurden von Medien boykottiert, weil sie als zu kritisch, zu vulgär oder zu gewaltverherrlichend eingestuft wurden.

Dennoch ist die Kunstfreiheit ein Gut, das jeder Demokrat hochhalten sollte. Selbst wenn die Kunst nicht seinem eigenen Geschmack entspricht. Bei der Problematik um Xavier Naidoo spielt die Kunstfreiheit aber nur bedingt eine Rolle. Seine Kunst ist in den meisten Fällen eher harmlos. Seichter Soulpop, den der Sänger mit öliger Stimme zu kitschigen Harmonien produziert und mit dem er landesweit für Wohlgefühl sorgt. Erfolg hat er damit, erst mit seiner Band, den Söhnen Mannheims, und ebenso allein.

Das Problem sind zumeist nicht seine Texte, sondern seine Haltung und seine Äußerungen

Das Problem sind zumeist nicht seine Texte, oder waren es jedenfalls lange Zeit nicht, sondern seine Haltung und seine Äußerungen. Wer kein Fan von Naidoos Musik ist, kennt den gebürtigen Mannheimer mit indischen, irischen, deutschen und südafrikanischen Wurzeln als schrägen Verschwörungstheoretiker.

Immer wieder meldete sich Naidoo in den Medien und über eigene Kanäle mit verstörenden Ansichten. Schon 1999 sagte er: „Bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim“. Eine interessante Haltung für einen Mann mit multikultureller Herkunft.

Auch seine Äußerung zu dem Einfluss der USA auf die deutsche Musikindustrie ist schwer nachvollziehbar: „Bevor ihr uns diktiert, was wir zu tun haben, hört erst mal auf, uns mit eurer Musik zuzuscheißen. Alles ist amerikanisiert.“ Naidoos Musik ist allen voran von Soul und R’n’B inspiriert. Musikgenres, die eher in Memphis oder Chicago zu verorten sind als im Schwarzwald.

Aber diese eher harmlosen, wenn auch wirren Ansichten wurden mit den Jahren radikaler. Naidoo sagte immer wieder Dinge, die sich als homophob, antisemitisch, rassistisch und antiwissenschaftlich einordnen lassen könnten. Als Antisemit darf er allerdings laut einem Gerichtsurteil nicht bezeichnet werden.

Ober er ein Antisemit ist oder nicht, mit seiner Aussage: „Wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land. Deutschland hat keinen Friedensvertrag, und dementsprechend ist Deutschland auch kein echtes Land und nicht frei“, ließ er zumindest die Herzen aller Reichsbürger höher schlagen.

Irgendwann floßen die kruden Ideen dann doch in seine Songs. In „Wo sind“ singt er mit dem Rapper Kool Savas: „Okkulte Rituale besiegeln den Pakt der Macht, Mit unfassbarer Perversion werden Kinder und Babies abgeschlachtet. Teil einer Loge, getarnt unter Anzug und Robe.“ Die Zeile „Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?“, wurde zudem homophob ausgelegt.

Naidoo wettert gegen das System, begreift sich als Märtyrer, sieht überall dunkle Mächte walten

Naidoo wettert gegen das System, begreift sich als Märtyrer, sieht überall dunkle Mächte walten – von den Anschlägen auf das World Trade Center bis, ganz aktuell, zum Corona-Virus. Seine Fangemeinde ist gewaltig. In jenen Teilen der Bevölkerung, die sich nicht als „Schlafschafe“ verstehen und meinen „mehr zu wissen“ als die angeblich gleichgeschalteten Medien uns berichten, genießt er hohes Ansehen.

Hier stellt sich also nicht die Frage nach Kunstfreiheit, sondern ob Künstler und Werk sich einfach so voneinander trennen lassen. Das lassen sie sich in diesem Fall nicht. In anderen Städten, in denen Auftritte seiner fürs kommende Jahr angekündigten Tour geplant sind, regt sich Protest. Vermutlich werden Konzerte abgesagt.

Auch in Berlin sollte Naidoo keine Bühne gegeben werden – aber nicht per Gesetz, vielmehr aus einer Haltung der örtlichen Konzertveranstalter heraus. Das wäre ein Signal. Auch wenn der ohnehin geplagten Branche damit gute Einnahmen wegfallen würden. Ein Mann wie Naidoo, der derart krude Meinungen vertritt, die weitergedacht und in Taten umgesetzt, durchaus gefährlich sein können, sollte in Berlin nicht auftreten.


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