Interview

Zero-Waste-Pionierin Sophia Hoffmann über die Corona-Krise

Sophia Hoffmann ist Zero-Waste-Pionierin und kocht, ohne Reste zu machen. Die Corona-Krise aber könnte einer ganzen Branche den Rest geben. Ein Gespräch nach Küchenschluss.

Zero-Waste Pionierin und Gastronomin Sophia Hoffmann über die Corona-Krise. Foto: Joseph Wolfgang Ohlert
Sophia Hoffmann ist Zero Waste Pionierin und kocht im Isla Coffee in der Hermannstraße. Foto: Joseph Wolfgang Ohlert

tip Sophia Hoffmann, wie geht es Ihnen gerade?

Sophia Hoffmann Ehrlich? Ich weiß es nicht. Aber das ist ein Gefühl, dass eigentlich gerade alle teilen, was auch damit zusammenhängt, dass von Seiten der Politik klare Ansagen fehlen. Klare Ansagen heißt: es muss schnell Geld her. Wenn wir wissen, dass wir irgendwie eine Absicherung haben, können viele rationaler denken und manch eine nicht nur von außen unfassbar unüberlegte Aktion, vollbesetzte Straßencafés etwa, sind dann hoffentlich obsolet.

tip Geld ist ein gutes, vermutlich nämlich das zentrale Thema gerade.

Sophia Hoffmann Mir brechen gerade alle Einnahmen weg. Und was die Hilfsfonds angeht, falle ich durch alle Raster, weil ich sowohl selbstständig als auch beschäftigt angestellt bin. Ich gebe Kurse, Lesungen, trete als Speakerin auf, da sind bis mindestens in den Sommer hinein alle Anfragen storniert. Und ich bin auf einer Drittelstelle Köchin im Isla Coffee in Neukölln. Kurzarbeitsgeld von einem Drittel ist jetzt nichts, wovon sich haushalten lässt. Und dabei bin ich noch in einer privilegierten Situation. Ich habe Rücklagen, eine Familie, ein funktionierendes soziales Netzwerk. Es gibt sehr viele im gastronomischen Berlin, die haben gerade nichts.

„Wir sind die, die immer durcharbeiten, selbst wenn wir uns die Finger abgehakt haben.“

tip Erklärt das auch die stoische Haltung, mit der manche Betriebe noch in der vergangenen Woche am Business as usual festgehalten haben?

Sophia Hoffmann Es gibt in der Gastronomie schon traditionell diesen beinahe selbstaggressiven Ethos: Wir sind die, die immer durcharbeiten, selbst wenn wir uns die Finger abgehakt haben. Ich denke, aus dieser Perspektive muss man auch den Umgang mit Corona bewerten. Der Koch, die Köchin geht zuletzt von Bord. Auf der anderen Seite habe ich aber auch jeden Betrieb verstanden, der eben so lange offen hatte, wie es irgendwie ging. Auch wenn das unglaublich riskant ist.

tip Weil man der Stadt da draußen suggeriert, dass doch alles ganz normal weiterläuft?

Sophia Hoffmann Ich würde es konkreter fassen. Schauen Sie sich doch eine typische Berliner Gastro-Küche an. Da arbeiten viele Menschen auf sehr engem Raum. Da ist das Ansteckungsrisiko einfach richtig, richtig hoch. Sicher ist das auch in diesen Tagen wichtig, dass sich die Leute eine Pizza bestellen können und es sie für ein paar Momente glücklich macht. Aber zu welchem Risiko?

„Ich habe das vor zwei, drei Wochen noch nicht so ernst genommen.“

tip Wie haben Sie im Isla Coffee die Tage vor dem Shutdown erlebt?

Sophia Hoffmann Surreal und unterbewusst. Auch ich habe das ja vor zwei, drei Wochen noch nicht so ernst genommen. Irgendwann habe ich dann tatsächlich davon geträumt, dass wir schließen müssen und ich händeringend versuche, unsere ganzen Lebensmittel zu retten. Und das zwei Nächte hintereinander.

tip Sie haben das Isla Coffee, Berlins erstes Zero-Waste-Café, relativ schnell geschlossen. Was waren die Beweggründe?

Sophia Hoffmann Wir haben noch einiges probiert. Weniger Plätze mit markiertem Abstand. Außerhausverkauf. Aber dann hat uns ein Stoßtrupp der Berliner Polizei die Frage abgenommen, obwohl das Ordnungsamt noch 30 Minuten zuvor keine Beanstandungen hatte. Das war noch am Sonntag vor dem eigentlichen Shutdown. Ich bin dann am Montag erstmal Lebensmittelretten gegangen, habe aus unseren glücklichen Bioland-Eiern Mengen von Eiersalat gemacht, den sogar ich als Veganerin esse. Eier und Milch haben wir auch an unsere Stammkunden verkauft, die Resonanz war riesig und auch beruhigend.

„Ganz viele Menschen haben eh so viele Lebensmittel zu Hause, die kämen damit eh locker über einen Monat.“

tip Was rät die Food-Aktivistin Sophia Hoffmann jetzt im Umgang mit der Krise?

Sophia Hoffmann Das, was ich ohnehin schon immer sage: Lebensmittel bewusst kaufen, aber Hamsterkäufe sind ja eh quatsch. Klar sollte man jetzt nicht wegen jedem Schnippelchen in den Supermarkt rennen und sich einer erhöhten Ansteckungsgefahr aussetzen. Aber andererseits kommt man so eben mal raus, was ja auch wichtig für die Seele ist und für das Immunsystem. Ganz viele Menschen haben eh so viele Lebensmittel zu Hause, die kämen damit eh locker über einen Monat. Sie wissen es nur nicht.

tip Zeit also, sich dessen bewusst zu werden?

Sophia Hoffmann Zeit, etwa Inventur im eigenen Vorratsschrank zu machen und diese Liste abzuarbeiten. Was wollte ich nochmal mit den Linsen und Backerbsen, die da seit 2016 liegen? Und vor allem: Wann, wenn nicht jetzt, haben wir mal die Muse, täglich frisch zu kochen? Das wäre doch schon mal eine kleine Hoffnung, wenn die Corona-Krise als die Zeit in Erinnerung bleibt, in die frische Küche zurück in den Alltag gekommen ist. Fortgeschrittene könnten sich jetzt auch an die ganzen kulinarischen Fragen wagen, die sie schon lange umtreiben: Fermentation, selbst Brotbacken, einen Sauerteig ansetzen. Irgendwo muss es ja hin, das ganze gehamsterte Mehl.

Sophia Hoffmann ist eine Pionierin des Zero-Waste-Gedankens und lebt als Food-Aktivistin, Köchin und Kochbuch-Autorin in Neukölln. Auf dem Weg zu eigenen Restaurants gestaltet sie eine nachhaltige vegan-vegetarische Küche im Isla Coffee in der Hermannstraße.


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