Berliner Techno

„Angst“: Douglas Greed hat zufällig den Techno-Soundtrack zur Pandemie geschrieben – mit Maske

Der Berliner DJ und Produzent Douglas Greed hat mit seinem vierten Studioalbum „Angst“ aus Versehen den Soundtrack zur Stunde geschrieben. Wir haben mit ihm über Bühnenangst, Underground Resistance und den Wert der Kunst gesprochen – natürlich sozialdistanziert, über Skype.

Mann mit mittelblauer Sturmhaube über Nase und Mund, was fast wie eine Corona-Maske aussieht
Krasser Zufall: Das Bild mit Douglas Greed entstand noch vor Corona. Foto: Fanny Böhme

Wäre man esoterisch, man würde Douglas Greed beim Produzieren seines neuen Albums eine prophetische Vorahnung zuschreiben. Denn das geschah lange vor Corona. „Angst“ heißt das Album. Das Cover zeigt den Berliner DJ und Produzenten mit blauer Sturmhaube über Mund und Nase. In diesen Tagen würde man sofort sagen: Corona-Maske! Was vor wenigen Wochen vielleicht noch als Underground-Resistance-Zitat durchgegangen wäre, lässt aktuell nur noch eine Assoziation zu. „Volltreffer, oder?“, sagt Mario Wilms, wie der gebürtige Bernauer bürgerlich heißt, und lacht lakonisch. 

An die stockende Videocall-Qualität hat man sich längst gewöhnt im Corona-Lockdown. Trotzdem fühlt es sich komisch an, den Musiker zum Interview nicht einfach, wie ursprünglich geplant, in seinem Studio am Berliner Holzmarkt im Gebäude des Kater Blau zu treffen. „Skype ist das Sagrotan der Interviews“, nimmt es Douglas Greed mit Humor. Was bleibt einem derzeit auch Anderes übrig?

Douglas Greed: Die grundlegende Panik als Künstler steigt weiter

Das Release seines vierten Albums, an dem er nun vier Jahre gearbeitet hat, hat er sich auch anders vorgestellt. Promo wird schwierig, wenn selbst Musikmagazine kaum ein anderes Thema haben als Corona. Die geplante Tour ist abgesagt. Und mit den jüngsten Beschlüssen der Bundesregierung ist der Festivalsommer wohl endgültig besiegelt. „Das lässt die grundlegende Panik und Angst, die einem als Künstler innewohnt, nochmal potenziell steigen. Da ich aber tendenziell Misanthrop bin, hat sich an meinem Alltag durch den Lockdown eigentlich gar nicht so viel geändert“, schiebt er scherzhaft hinterher. Der staubtrockene Humor – oft auf Kosten seiner selbst – zieht sich durch unser Gespräch und ist mir noch von seinem letzten Album „Driven“ (2014) im Gedächtnis geblieben.

Damals schrieb Douglas Greed in einem „Nicht ganz so geheimen Tagebuch“ auf Faze Mag, so witzig wie schonungslos ehrlich über den oft so verklärten Prozess des Musikmachens: „Keiner erzählt davon, wie es ist, wenn man mehrere Monate permanent unter Strom steht und die Nerven so kratzig sind wie Blondinen auf Crystal Meth“, heißt es dort. Und: „Doch wer will schon einen DJ flennen sehen? Gute Laune muss meistbietend versteigert werden!“ Douglas Greed hat keine Angst davor, den Finger in die Wunde zu legen – nichts ist ihm mehr zuwider als die Selbstinszenierung vieler DJ-Kolleg*innen auf Instagram. Und auch mit „Angst“ widmet er sich Themen, um die andere lieber einen großen Bogen machen.

„Ich habe über die letzten Jahre eine große Bühnenangst entwickelt. Früher war ich echt eine Rampensau“, erinnert sich Douglas Greed. Auch wenn er bereits als Teenager Anfang der Neunziger auf erste Raves in der thüringischen Provinz ging – inklusive Staubschutzanzug und Prodigy-Dancemoves – war es doch vor allem das linksalternative Kulturzentrum mit angeschlossenem Club Kassablanca in Jena, das sein Verständnis von Clubkultur nachhaltig prägte. „Für mich ist Techno verbunden mit Underground Resistance, obwohl man es meiner aktuellen Musik nicht anhört. Ich komme aus der Zeit, als ein Typ im Nebel stand und es egal war, wie er aussieht.“ Wie der Name schon impliziert verstanden die Detroiter von Underground Resistance Techno als politisches Werkzeug, als Akt des Widerstands.

Auch Douglas Greed findet: „Clubkultur hat das Potenzial politisch zu sein. Da kann sich auch mal einer mit einem ,Nazis sind Scheiße’-T-Shirt vorne hinstellen oder Stellung zum Klimaschutz beziehen.“ Auch die Idee zu „Angst“ sei aus einer politischen Motivation heraus entstanden, in der Zeit, als die AfD in den Bundestag einzog und außerdem die Debatte um die Klimakrise immer brisanter wurde. Douglas Greed schickte Songskizzen an verschiedene Sänger*innen wie Odd Beholder und Joy Wellboy, die sich Gedanken zum Thema „Angst“ machten. Heraus kamen Songs über rechte Menschen im eigenen Umfeld („The Few“), Ängste in der Beziehung („Numbers“), aber auch darüber, sich der Angst zu stellen („Roll With The Punches“) und sie zu bekämpfen („I’m Not Afraid“). 

Clubtracks im engeren Sinne sucht man auf „Angst“ vergebens

Die von nachdenklichen, sphärischen Melodien getragenen Instrumentaltracks zwischen zurückgenommenem House und düsterem Pop verkörpern für Douglas Greed eher die bittersüße Komponente von Angst, die bisweilen auch zum Antrieb kreativer Energie werden kann. Clubtracks im engeren Sinn sucht man auf „Angst“ vergebens. In den letzten Jahren hatte sich Douglas Greed eher aus dem Nachtleben zurückgezogen, für andere Bands produziert und mit Eating Snow und Yeah But No an eigenen Bandprojekten gearbeitet. Als „poppige Indietronic für Mädchen, die gerade ihr Abitur machen“ bezeichnet er diese Musik selbstironisch.

Und tatsächlich entsprechen die melancholischen Popsongs auf „Angst“ nicht gerade dem Sound, der zeitgeistig als cool und edgy gilt. Stattdessen wollte sich Douglas Greed ohne Zeitdruck auf das zurückbesinnen, worum es ihm beim Musikmachen geht: die Gänsehautmomente. „Es gibt die Motivation, Musik für die Fans zu machen. Und ich bin halt einfach ein misanthropischer Egozentriker und mache Musik einfach nur für mich“, scherzt er. Und meint das vielleicht doch ein bisschen ernster als es klingt.

„Angst“ lädt dazu ein, den Status Quo der Welt, aber auch den der Musikindustrie zu reflektieren. Gerade in Zeiten, in denen von Künstler*innen, die auf den staatlichen Corona-Zuschuss hoffen, nicht wissen, ob ihre Lieblingsclubs nach dem Lockdown noch mal aufmachen werden und wie sie den verlorenen Festivalsommer finanziell ausgleichen sollen, verlangt wird, trotzdem allabendlich noch gut gelaunt gratis Content aus dem heimischen Wohnzimmer zu streamen, ist es dringend geboten, darüber nachzudenken, was uns Kunst wert ist. Ohne es geplant zu haben, hat Douglas Greed mit „Angst“ das Album der Stunde produziert.

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