Clubsterben in Corona-Zeiten

Soli-Aktion: Das Kater Blau begeistert uns mit einer neuen Compilation

Das Kater Blau war als einer der ersten Berliner Clubs wegen Corona dicht. Eine Compilation schafft nun Kater-Stimmung im besten Sinn des Wortes. Sie ist aber auch ein schöner Akt der Solidarität.

Bekannte Namen haben für den Kater Blau Lieder aufgenommen, die es jetzt als Soli-Compilation gibt. Foto: Imago/Emmanuele Contini
Bekannte Namen haben für den Kater Blau Lieder aufgenommen, die es jetzt als Soli-Compilation gibt. Foto: Imago/Emmanuele Contini

Viele vermissen gerade den Kater. Nein, nicht den, der sich bei einem Gläschen zu viel schlechtem Späti-Rotwein am nächsten Quarantäne-Morgen einstellt. Sondern den, beziehungsweise das, Kater Blau am Spreeufer in Friedrichshain, dort, wo einst, von 2004 bis 2010, die Bar 25 hauste, die zwar seit einem Jahrzehnt physisch passé ist, aber irgendwie ein mentaler Ort blieb, um den sich Legenden ranken.

Doch gewissermaßen hat die Bar 25 ja tatsächlich überlebt, zunächst im Kater Holzig auf der anderen Spreeseite. Und seit Sommer 2014 mit dem Kater Blau dann auch fast auf den Meter genau dort, wo einst die Bar 25 stand. Noch wichtiger aber: Nicht bloß die GPS-Daten ähneln sich, sondern auch die musikalische DNA blieb erhalten, wenn auch erweitert aufgestellt: Dirty Doering etwa war schon in der Bar 25 Resident-DJ – und er ist nach wie vor einer der wichtigsten DJs auch im Kater Blau.

Nun war das Kater Blau einer der ersten Clubs, die angesichts von Covid-19 diesen Frühling die Schotten dicht gemacht haben – noch bevor der Senat alle Clubs dazu anwies. Ein bisschen Kater-Feeling konnte man tanken in der frühen Episode #3 von United We Stream, vielleicht ja auf dem heimischen Wohnzimmer-Beamer. Da konnte man ein wenig träumen von Lagerfeuer und Lichterketten während der blauen Stunde auf dem Holzmarkt – und anschließend einer heißen Freitag- oder Samstagnacht im Kater Blau, auch draußen auf dem Holzdeck und am DJ-Schiff.

Die zurzeit maximal mögliche Ladung Kater Blau gibt’s indes auf der sagenhaften 29 Tracks starken Compilation „Give ‚em a future“ des Blau Konsortiums, online zu erstehen. Untertitel auf dem Cover: „Los, Tanzen!“ Ja, warum auch nicht? In vielen Wohnungen vom Wedding bis nach Neukölln wummern zurzeit halt mal zart die Wände während mancher (halben) Stunde. Und jeder weiß: Ja, andere sehnen sich gerade auch mal danach, die Sorgen abzuschütteln. Denn mal ehrlich: Sich in die Quarantäne-Tristesse reinzusteigern, das hilft niemandem. Tanzen wollen, das ist Kultur-, aber eben auch Natur-Impuls.

Die Compilation vom Kater Blau fordert uns auf: „Los, Tanzen!“

Die Compilation „Give ‚em a future“ liefert zuverlässig liebevoll den Signature-Sound des Kater Blau: melodisch chilligen House, bei dem nicht nur der Bass stimmt, sondern auch die mittleren Frequenzen funkeln. Mit großen Namen wie besagtem DJ Dirty Doering. Oliver Koletzki macht den Aufschlag und entführt uns ins australische Byron Bay, von wo aus man an einem zauberschönen Leuchtturm die Sonne aufgehen sehen kann. Mit Roderic und Pilocka Krach geht’s später ins Palmenhaus auf dem gleichnamigen Track, quasi Beat-botanischer Garten.

Auch Douglas Greed ist übrigens mit von der Partie, der gerade mit seinem Album „Angst“ quasi versehentlich den Soundtrack der Stunde geschrieben hatte – samt einer stilisierten (Corona-)Maske auf dem Cover. All das indes noch bevor es Corona in Europa überhaupt gab. Welch ein Prophet! Freilich geht es auch bei Greed nicht darum, sich in der Angst zu suhlen, sondern Wege weg von ihr zu finden. Tanzen ist da ja schon mal nicht der schlechteste Anfang, ganz im Gegenteil.

Das ganze Projekt ist, neben dem Spaß-Faktor, von Solidarität getragen: Alle Acts haben ihren Track kostenfrei zur Verfügung gestellt, um „ihren“ Club, den Kater Blau zu retten. Die meinen es offensichtlich ernst. So besehen ist der Erwerb des digitalen Albums nicht bloß eine gute Investition in die Aufwertung des heimischen Quarantäne-Tanzbodens – sondern auch in die Rettung des real existierenden Kater Blau in Friedrichshain – damit es ihn noch gibt, wenn wir alle wieder raus dürfen, zusammen, miteinander tanzend.


Clubs in Not: So steht es um die Clubszene in Berlin. Berlin hat nicht nur großartige Clubs, die Hauptstadt ist auch Sitz zahlreicher bekannter Labels, das sind die besten. Clubs im virtuellen Raum: Mit „#UnitedWeStream“ crowdfunden, doch was bleibt für die Clubs an Geld tatsächlich hängen?

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