Abschied

Ciao Franco Ciao: Ein Nachruf auf Franco Francucci

Franco Francucci brachte die Pizza nach Berlin – und durchaus weltläufige Lässigkeit an den Kurfürstendamm: Sein Restaurant Ciao Ciao war legendär. Nun ist er mit 86 Jahren gestorben. Ein Porträt eines ausgewiesenen Menschenfreunds.

Franco Francucci vorm Ciao Ciao, 1990er-Jahre. Foto: privat

Franco Francucci: Ohne diesen Namen lässt sich Berlins italienische Geschichte nicht erzählen

Will man von der Geschichte und genauso der Gegenwart italienischer Küche in Berlin erzählen, kommt man an Franco Francucci nicht vorbei. Er hat die Pizza nach Berlin gebracht. Und war maßgeblich an der Erfindung der Tiefkühlpizza beteiligt, wovon der in diesen Tagen erscheinende Roman „Nostalgia Siciliana“ der Berliner Autorin Patricia Di Stefano erzählt. Vor allem aber erschuf Franco Francucci mit seinem Restaurant Ciao Ciao am Lehniner Platz eine zuvor in dieser Stadt ungeahnte Leichtigkeit. Ein Promilokal, aber eher eines, wie man es an der Riviera erwarten würde. Ein Restaurant ohne Chi-Chi.

Dass das alles mal so kommen sollte, war Franco Francucci kaum in die Wiege gelegt. Aufgewachsen in einem Dorf in den Abruzzen, kaum hundert Kilometer, aber doch weit, weit weg von Rom, muss da aber bereits diese Sehnsucht nach einem anderen, auch besseren Leben gewesen sein. Und ein wenig ist Franco Francucci wohl auch deshalb Gastronom geworden, weil er in seiner Kindheit oft selbst nicht genug zu essen hatte. Die Erziehung war hart und schon damals nicht mehr zeitgemäß. Die Reise über die Alpen war gewiss auch eine Flucht. Nur dass er es mit der Lederwarenfabrik im schwäbischen Göppingen kaum besser treffen sollte. „Überall hat es gestunken, in der Fabrik, in der Unterkunft“, erinnert Franco Francucci junior die Erzählungen seines Vaters, alles war besser als das.“

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West-Berlin 1962: Ein Koffer und ein Job in Klemke’s Wein-Eck

Am besten war Berlin. Mindestens für diesen 24-jährigen Italiener, der also 1962 mit kaum mehr als einem Koffer am Bahnhof Zoo angekommen sollte. Die Wirtin von Klemke’s Wein-Eck, noch so einer Charlottenburger Institution, hat ihm dann einen Job besorgt. Kellnern beim Berliner Kindl Bräu Joachimsthaler, Ecke Kurfürstendamm, eine raumgreifende, gerne auch mal ruppige Restauration. „Er hat gemerkt dass er gut ankommt, dass er gut mit Menschen kann, deshalb ist er Gastronom geworden“, sagt der Sohn über den Vater. Nach ein paar Monaten nur hatte Franco Francucci das Startkapital für einen eigenen Laden in der Tasche. Für das La Grotta in der Bleibtreustraße brauchte es nicht mehr als 800 Mark Budget.

Franco Francucci in jungen Jahren. Foto: privat

 Überhaupt: die kleinen Preise. Das Konzept (nur dass Gastronomien damals noch keine Konzepte waren und auch nicht immer ein Konzept hatten) des La Grotta war selbsterklärend. Pizzastücke vom Blech, Weine, Rot und Weiß aus dem Becher, alles für jeweils eine Mark. So etwas gab es in West-Berlin noch nicht. Der Laden brummte. Bambule  von spätabends bis weit in die Nacht.

Blockwurst, Gouda, Pepperoni und Dosenchampignons

Die typische West-Berliner Pizza hatte vier Zutaten: Blockwurst, Gouda, Pepperoni und Dosenchampignons. „Später“, sagt Franco Francucci junior, „wurde immerhin der Gouda durch Mozzarella ersetzt. Ich will das aber gar nicht verurteilen. Diese Pizza hat genauso ihre Berechtigung, weil sie sich in die Geschmacks-DNA dieser Stadt eingeschrieben hat. Ich hatte sie, zeitgemäß interpretiert, später auch immer auf meiner Karte. Die Leute haben ja eh danach gefragt.“

Ciao Ciao hieß das Restaurant, das Franco Francucci direkt an der Schaubühne betrieben hat. Foto: privat

1968 tauschte Franco Francucci das La Grotta gegen ein größeres, einnehmenderes Lokal am Lehniner Platz. Das von Erich Mendelsohn konzipierte Ensemble beherbergte Kinosäle, Theater, 1981 zog die Schaubühne ein.

Francucci nannte sein Restaurant Ciao Ciao. Die Pizza nahm er mit. Dazu kam eine durchaus feinere und schon früh produktfokussierte Küche. Ochsenbrust, Salsiccia, Entenbrust. Ohne diese Vorbilder zu kennen, erinnerte das Ciao Ciao bald an die italienischen Delis New Yorks. Es gab eine große Vitrine, aus der heraus man die Vorspeisen und die Fleisch- und Fischgänge zusammenstellen konnte. Stammgäste, und die meisten waren Stammgäste, kamen gänzlich ohne Speisekarte aus. Ein Touristenladen ist das an der West-Berliner Touristenmeile gelegene Ciao Ciao nie gewesen. Auch das erzählt viel über den Wirt und den Menschen Franco Francucci.

Restaurant Ciao Ciao: Mehr West-Berlin hatte es vielleicht nie wieder gegeben

Und es erzählt viel über die kulturelle und kulinarische Atmosphäre in der Mauerstadt. Man kannte sich, der Alltag hatte fast etwas Dörfliches, und dennoch blieb da dieses Gefühl, das ist der Nabel der Welt.

Der Nabel West-Berlins war das Ciao Ciao. Spätestens am Samstag, wenn sich die Bau- und Finanzprominenz rituell zum informellen Lunch zusammenfinden sollte. Oder nach Premieren in der Schaubühne, wenn Peter Stein und sein Ensemble das Ciao Ciao als erweiterte Bühne begreifen sollten. Nebenan hatte Rolf Eden seine Discotheken. Mehr West-Berlin hatte es vielleicht nie wieder gegeben.

West-Berliner Prominenz: Francucci zusammen mit Otto Sander. Foto: privat

Lebensqualität ist vielleicht das Wichtigste, das Franco Francucci dieser Stadt geschenkt

Und dennoch hat es der Sohn Franco Francucci seinem Vater nachgemacht und sein Restaurant Francucci 1996 (Mitte war gerade das neueste heiße Ding) ebenfalls am Lehniner Platz eröffnet: „Als mein Vater 1968 an den Kurfürstendamm kam, waren dort noch lauter Terrassencafés und Eisdielen. Die Boutiquen waren kein großes Thema, die waren so gezählt wie heute die Gastronomie. Vielleicht geht es ja dahin zurück. Lebensqualität entsteht erst, wenn sich Menschen an einem Ort aufhalten.“

Lebensqualität ist vielleicht das Wichtigste, das Franco Francucci dieser Stadt geschenkt hat. Dass die gute Küche auch lässig sein kann, vielleicht sogar lässig sein sollte, diese Botschaft ist gerade aktueller denn je. Anfang der Woche ist Franco Francucci im Alter von 86 Jahren gestorben.


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