Gastro-Pub

In der Schneiderei kocht ein Quereinsteiger auch gegen kulinarisch-kulturelle Klischees

Gastro-Pub – Die Schneiderei ist momentan einer dieser Läden, in dem die Köche an ihren freien Tagen essen. Das ist schon mal ein profundes Kompliment. Dabei ist Liron Schneider selbst lange gar kein Koch gewesen.

Lamm, Kartoffeln und Röstgemüse in der Schneiderei. Foto: Clemens Niedenthal

In Tel Aviv hatte er Film studiert, war Kameramann und überhaupt in den Medien tätig. Vor eineinhalb Jahren entdeckte ich den Israeli dann auf dem Street Food Thursday in der Markthalle Neun. Vor allem entdeckte ich seine gerösteten Milchbrötchen. Gefüllt mit zartem Lammragout und Harissa oder mit einem wunderbar schlonzigen Fishstew.

Nun ist Liron Schneider mit seiner Schneiderei sesshaft geworden.  Etwas nördlich des Helmholtzplatzes, auch weil die Ablösen selbst für abgerockte Eckkneipen in Kreuzberg oder Berlin längst im sechsstelligen Bereich liegen. Und wer jetzt meint, es nur mit einem weiteren Exil-Israeli zu tun zu haben, mit Hummus, Shakshuka und Tahini, unterschlägt die Jahre, in denen der junge Mann mit dem Vollbart und der Vollmütze etwa in London oder im legendären The Fat Duck hinter dem Herd stand. Learning by doing, warum nicht gleich in einem, nein dem britischen Drei-Sterne-Restaurant?

Die Küche in der Schneiderei weiß dementsprechend um das Herzhaft-Herzliche der britischen Gastro-Pub-Kultur: Lammfilet mit angeflammtem Wintergemüse oder ein fangfrischer Barsch an einer, Achtung, tiefenaromatischen Hühnersauce. Klare Kompositionen, kein Chi-Chi, ehrliche Teller. Und wer nun die Sandwiches vermisst: Eines findet sich noch immer unter den Vorspeisen. Und zum Brunch am Wochenende gibt es etwa Grilled-Cheese-Sandwiches mit geräucherter Hühnerbrust und frisch gemachtem Labneh, jenem salzigen israelisch-libanesischen Frischkäse. Was noch zu verbessern wäre? Kleinigkeiten. So darf die Weinauswahl klein bleiben, könnte aber mutiger werden. Bis dahin sind die ehrlichen Drinks gut mit der Küche abgestimt. Und das Augustiner Pils, nicht das Helle, ist ja auch ein hervorrragendes Bier.

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