Kino & Stream

„Das melancholische Mädchen“ im Kino

Rebellion gegen die Selbstverwirklichung

Foto: Edition Salzgeber

Kopfkino „I’m every woman“, ich bin jede Frau: Das melancholische Mädchen, die Titelfigur in Susanne Heinrichs gleichnamigem Film, ist zugleich eine einzelne Person, und mehr als das. Sie ist ein Fall. Sie zeigt etwas über das heutige Leben, das andere Spielfilme lieber verschweigen. Hier liegt fast alles offen zutage: Ein Mädchen bewegt sich durch 14 Episoden, immer auf der Suche nach einem Platz zum Schlafen, ohne sich dabei aber von den Männern ausbeuten zu lassen. Wenn es Sex gibt, dann wollen ihn beide. Meistens gibt es aber Diskurs. Das melancholische Mädchen (Marie Rathscheck) hat vielleicht eine Depression, auf jeden Fall eine Schreibblockade, und es hat einen Überschuss an Bewusstsein. Mit einem Wort: Es ist eine sehr moderne Figur. 

Und so sieht auch der Film „Das melancholische Mädchen“ aus: wie eine Abfolge von Szenen, aus denen die Illusionen des bürgerlichen Zeitalters gelöscht wurden (gediegene Innenausstattung), und in denen stattdessen die improvisiert wirkenden Stilmittel eines vorläufigen Lebens für ein wenig Ordnung sorgen. Susanne Heinrichs Bastelkino ist klug und immer wieder auch witzig, und zwar in jenem Sinn, in dem Ironie allein auszuhalten ist: als Protest gegen Zusammenhänge, die sich nicht so leicht verrücken lassen. Die Hauptstadt hat hiermit eine zweite Berliner Schule: Susanne Heinrichs Film passt hervorragend zu den Theorie-Komödien von Julian Radlmaier oder auch Max Linz. „Das melancholische Mädchen“ leitet als Fall (als Symptom!) aller Frauen einen kommenden Aufstand gegen die „Diktatur der Selbstverwirklichung“ ein.

Das melancholische Mädchen D 2019, 77 Min., R: Susanne Heinrich, D: Marie Rathscheck, Nicolai Borger, Malte Bündgen, Start: 27.6.

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