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„Bei uns hat kein Fixer mitgespielt“ – Uli Edel über „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Ab Februar 2021 läuft beim Streamingdienst Amazon Prime Video die Adaption des Klassikers „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ als Serie. Ende der 1970er-Jahre versetzte der schonungslose Bericht über das Leben der minderjährigen Berlinerin Christiane F., die sich am Bahnhof Zoo mit Prostitution ihre Heroinsucht finanzierte, die Bundesrepublik in einen Schockzustand. 1981 folgte die Umsetzung fürs Kino.

Aus dem Archiv: Der tipBerlin hat anlässlich des Kinostarts von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ mit dem Regisseur Uli Edel über die Dreharbeiten, die Drogenszene in Berlin und die Zusammenarbeit mit Christiane F. gesprochen. Hier das ungekürzte Interview vom April 1981.

Hauptdarstellerin Natja Brunckhorst in "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", Deutschland 1981, Regie: Uli Edel. Foto: Imago/United Archives
Hauptdarstellerin Natja Brunckhorst in „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (Film), Deutschland 1981, Regie: Uli Edel. Foto: Imago/United Archives

Ulrich Edel absolvierte die Film-und Fernsehhochschule in München und arbeitete fürs Fernsehen, bevor er von Bernd Eichinger grünes Licht für die Adaption des Stern-Bestsellers „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erhielt. Produktionschef Bernd Eichinger hatte zunächst Bundesfilmpreisträger Roland Klick für den Film gewonnen. Zwischen den beiden kam es in der Folge­zeit jedoch zu Zerwürfnissen. 

tipBerlin Uli Edel, hattest du dich von Anfang an für das Projekt interessiert?

Uli Edel Ich kannte den Stoff sehr gut, dadurch dass ich auch den einen der beiden „Stern“-Autoren, nämlich Kai Hermann, kannte. Wir hatten schon die Idee gehabt, eine ähnliche Sache zu machen, und zwar nach der kürzlich veröffentlichten „Andy“-Geschichte im „Stern“. Da geht es um Gewalt unter Jugendlichen in Hamburg, Gewalt gegen außen, hier, bei „Christiane F.“, geht es um die Gewalt gegen sich selbst.

Ich selber hatte eine eigene, ähnliche Geschichte geschrieben, aber ich wusste, das wird noch ein paar Jahre warten müssen, bis ich es realisieren kann, weil das nicht billig wird. Ich wusste, dass andere Regisseure interessiert waren. Der Stoff ist ja nun etwas, was geradezu zu einer Verfilmung einlädt. Als er damals erschien, haben unheimlich viele Kollegen mit dem Gedanken gespielt, dieses Projekt zu machen. Eigentlich wollte es jeder machen. Als das Angebot kam, war also auch ich entschlossen, es zu machen.

„Ich habe mich zuerst mit Christiane F. getroffen“

tipBerlin Du kanntest aber die Szene hier nicht?

Uli Edel Nein. Ich kannte Berlin nur ein bißchen, aber die Szene natürlich nicht. Ich habe mich zuerst mit Christiane F. getroffen, ich bin zu ihr nach Norddeutschland in das Dorf gefahren, wo sie heute lebt. Ich habe mit ihr drei Tage gesprochen. Ich habe ihr meine ungefähre Konzeption erklärt, wie ich mir den Film vorstelle, auf was ich mich spezialisieren will.

tipBerlin Ist Christiane stets eingeschaltet worden, als die Produktion anlief?

Uli Edel Sie hat das Buch, das Hermann Weigel in vierzehn Tagen und Nächten verfaßt hatte, mit uns durchgesprochen, wir sind alles mit ihr durchgegangen. Das Buch wurde von Christiane und auch von den beiden „Stern“-Autoren akzeptiert. Es war das erste, das sie wirklich akzeptierte. Christiane war dann ein bißchen säuerlich, weil ich sie während der Dreharbeiten nicht mehr angerufen habe.

Spritze im Arm: "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", Deutschland 1981, Regie: Uli Edel. Foto: Imago/United Archives
Spritze im Arm: „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (Film), Deutschland 1981, Regie: Uli Edel. Foto: Imago/United Archives

tipBerlin Wie hast du dich hier in Berlin umgesehen?

Uli Edel Ich habe mich mit verschiedenen Leuten getroffen, mit Leuten vom Caritas-Verband, die brachten mich mit einigen anderen Leuten zusammen, und dann hatte ich die Treffs, die Adressen. Ich bin reingegangen, habe sehr schnell eine ganze Menge Leute kennengelernt. Ich habe ein paar Tage mit Fixern zusammengelebt. In einer Wohnung. Die sind sehr offen, und die klammern eigentlich auch sehr schnell. Ich habe Ex-Fixer getroffen, und die haben mir ihre Geschichten erzählt.

Die größte Hilfe aber war für uns, nachdem Christiane nicht unmittelbar erreichbar war, sie machte ja nun ihre Lehre in der Nähe von Hamburg, ihre Freundin Stella, die auch im Buch vorkommt, in Wirklichkeit anders heißt und im Film eine kleine Rolle spielt. Und die mit Christiane auch heute noch sehr eng befreundet ist. Sie hat mich die ganze Zeit beraten und hielt auch während der gesamten Produktion Verbindung zu uns, war beim Drehen des öfteren mit dabei. 

„Es kommen Fixer im Film vor, aber sie spielen nicht“

tipBerlin Habt ihr mit richtigen Fixem gedreht, wie es gerüchteweise zu hören war?

Uli Edel Ich habe von vornherein jedem klargemacht, dass ich keine „echten“ Fixer in meinem Film mitspielen lassen werde. Es hat kein Fixer bei uns mitgespielt. Es kommen Fixer im Film vor, aber sie spielen nicht. In der Montage auf dem U-Bahnhof Kurfürstendamm hatten wir bestimmte Wohngemeinschaften aus Kreuzberg eingeladen, als Statisten mitzuwirken. Die wurden geschminkt, die wurden aufgereiht, die wurden bezahlt.

Jetzt haben wir aber nicht unter Neonlicht im Studio, sondern mitten in der Szene gedreht. Am helllichten Tage. Den ganzen Tag über. Wir haben die Kamera nur so hingehalten und drauf gedrückt. Ich habe dann bei denen, von denen ich sicher wußte, dass sie Fixer sind, die Bilder rausgeschnitten, wenn sie im Vordergrund zu sehen waren.

tipBerlin Sieht aber verdammt echt aus, wie im Film gedrückt wird. Wie habt Ihr das gemacht?

Uli Edel Ich hatte Colin Arthur, der wahrscheinlich einer der besten Maskenbildner der Welt ist und bei Kubricks „2001“ mitgewirkt hat und auch bei „Alien“. Der hat hier eigene Sachen erfunden und unglaubliches geleistet. Es sind alles Tricks, wirklich nur exzellent gemachte Tricks. 

tipBerlin Waren die Kinder irgendwelchen Gefahren ausgeliefert? 

Uli Edel Nie. Die waren immer abgeschirmt. Für Natja überhaupt bestand in dieser Richtung keine Gefahr, die ist unerhört stabil. Es waren unter uns überhaupt keine gefährdeten Personen, soweit ich das natürlich beurteilen kann.


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