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Drama

Terrorismus als Lebensform: „Wintermärchen“ im Kino

Aus dem Innenleben eines rechten Trios: Regisseur Jan Bonny ­nähert sich in seinem Neonazi-Drama der vielfach gescheiterten Aufklärung über den NSU von der falschen Seite, nämlich einem riskanten Begehren nach Gegenaufklärung.

Foto: W Film/ Heimatfilm

„Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe“, singen Die Ärzte im Abspann von Jan Bonnys „Wintermärchen“. Man sollte das Zitat wohl nicht überbewerten, aber ein ­kleiner Schlüssel ist da durchaus zu erkennen: Die Geschichte von Becky, Tommi und Maik hat schließlich deutliche Bezüge zu dem Trio, das in Deutschland als NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) aktiv war.

Beate ­Zschäpe wurde wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, ihre Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos entzogen sich der Justiz durch Selbsttötung. Über das Innenleben der Gruppe weiß man nach wie vor wenig, und das ist für Jan Bonny der Ausgangspunkt für seinen Film: Er zeigt in „Wintermärchen“ drei vor allem sexuell ­ineinander verstrickte Menschen, die zugleich der Hass auf Ausländer verbindet. Eine der ersten Szenen zeigt eine Autofahrt, auf der dunkelhäutige Menschen als potenzielle Opfer ausgespäht werden.

Im Prozess gegen Beate Zschäpe ging es vor allem darum, wie sehr sie selbst in die Anschläge des NSU eingebunden war. ­„Wintermärchen“ vertritt in dieser Frage ­implizit eine starke These, denn zwischen Becky, Tommi und Maik gibt es in dieser Frage keine Hierarchie, sondern in erster Linie eine Dynamik: Sie setzen einander gegenseitig unter den Druck eines ständigen Kicks, das Vögeln und das Töten gehören zusammen, das Begehren sucht nach einer lebbaren Form in einer Dreierbeziehung, die zugleich verzweifelt ein Außen ersehnt und sich dabei immer tiefer in die Isolation bewegt.

Bonny setzt dabei auf einen provokanten ­Effekt: Er nimmt eine konsequente Binnenperspektive ein, zieht das Publikum also ­maximal in die Beziehung der drei Figuren hinein, lässt es an deren Intimität Anteil ­haben.

Auf eine spekulative Weise macht Bonny die Zuschauer so zwar nicht zu Komplizen, denn es ist ja nur ein Film, aber doch zu Teilnehmern an einem „Mythos“, wie das einer der drei zwischendurch einmal nennt: „Wir sind die Geilsten.“ Nur bemerkt das ­niemand außer den Dreien. Das Wort Mythos enthält die ­entscheidende Pointe: Bonny ­nähert sich der vielfach gescheiterten Aufklärung über den NSU von der falschen Seite, nämlich einem riskanten Begehren nach Gegenaufklärung.

Im Prozess und in der Auseinandersetzung mit dem Behördenversagen rund um die NSU ging es nicht zuletzt um die Netzwerke einer Gruppe, die in Bonnys „Wintermärchen“ allenfalls ab und zu einmal bei Saufereien an Leute geraten, die ihren Hass teilen. Vor ­allem Becky schließt dann die Zelle aber immer ­wieder ab. Die Gewaltakte der drei haben eine Eigendynamik, mit der Bonny sich auch gegen Vorwürfe absichert, er wolle tatsächlich vom NSU erzählen: denn die Brutalität, mit der ­Becky, Tommi und Maik vorgehen, geht nicht nur deutlich über die Mundlos und Böhnhardt zugeschriebenen Gewalttaten hinaus, sie hat eben auch etwas dezidiert Unideologisches und Vorpolitisches.

„Wintermärchen“ gibt sich den ­Anschein, als wäre auf dieser Ebene etwas über den Rechtsradikalismus in Deutschland zu ­erzählen, was in der öffentlichen Auseinandersetzung zu kurz kommt: Aber außer einer psychodramatisch ausgespielten Chiffre für Terrorismus als Lebensform kommt dabei wenig heraus.

Wintermärchen D 2018, 125 Min., R: Jan Bonny, D: Thomas Schubert, Ricarda Seifreid, Jean-Luc Bubert, Start: 21.3.

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