Kommentar

Eine wissenschaftliche Abhandlung übers Berghain: Muss das sein?

Ein britischer Uni-Dozent hat einen wissenschaftlichen Artikel übers Berghain geschrieben und das Sexualverhalten seiner Gäste analysiert. Kann man machen, muss man aber nicht, findet unsere Autorin. Denn der Hype, den er befeuert, hat auch seine Schattenseiten.

Das Berghain steht ohne Zweifel im Zentrum eines Hypes. Foto: Imago/imagebroker

Muss man das Berghain wirklich wissenschaftlich analysieren?

Eine Klubnacht im Berghain macht Menschen offener für sexuelle Erfahrungen? Dabei spielen Drogen, die vielen anderen wenig bekleideten Menschen, die vielen Sinneseindrücke inklusive der Musik eine Rolle? No Shit, Sherlock!

Der britische Kulturwissenschaftler Johan Andersson hat einen wissenschaftlichen Artikel über das Berghain und dessen Wirkung auf das Sexualverhalten seiner Gäste veröffentlicht. Darin analysiert Andersson, dass und wie sich die Architektur des ehemaligen Heizkraftwerks, die laute Musik, die Lichteffekte, die anderen Gäste, die Drogen auf die Sexualität der queeren und straighten Menschen dort auswirken. Andersson ist Dozent der Humangeographie am Londoner King’s College und hat laut eigener Aussage das Berghain in den vergangenen 17 Jahren häufig besucht.

Wer schon mal dort war, dürfte sich jetzt wahrscheinlich fragen, warum jemand so etwas Offensichtliches in einen wissenschaftlichen Artikel gießen muss. Ob es nicht reicht, das Erlebte einfach als das stehen zu lassen, was es vermutlich für die meisten ist: eine Zeit des Exzesses, bei der man seine eigenen Grenzen ausgelotet und den Alltag vergessen hat, neue Kontakte geknüpft hat und alte vertieft – vielleicht auch im Darkroom.

Das Berghain fördert das Überwinden von sexuellen Kategorien

Andersson schreibt: „Die Nähe zu anderen Körpern in begrenzten Räumen, geprägt von überschüssiger Libido, Musik und Empathie-fördernden Drogen, das alles kann eine Umgebung kreieren, in der sexuelle Kategorien zeitweise überwunden werden.“ Sexualität werde auf sexpositiven Partys, die von Homos und Heteros besucht werden, noch fluider. Im Berghain sei das besonders der Fall. Man könne Sexualität bei Berghain-Klubnächten sogar eher im Club als in den Körpern der Menschen verortet sehen – im Sinne von Michel Foucaults Ideal einer avangardistischen schwulen Kultur.

Das Berghain hat allein wegen seiner Architektur eine Anziehungskraft.
Das Berghain hat allein wegen seiner Architektur eine Anziehungskraft. Foto: Imago/Emmanuele Contini

Andersson nennt die besondere Architektur des Clubs, die Brachen, die ihn lange umgaben und eben die restriktive Türpolitik als Gründe für den Mythos Berghain, für die besondere Anziehungskraft ebenso wie die spärlichen Informationen und wenigen Bilder, die seit der Eröffnung 2006 nach außen gedrungen sind. Ja, das Berghain, diese Kathedrale des Techno mit der perfekt eingestellten Anlage und teils einzigartiger Atmosphäre im Publikum ist eine Legende.

Eine Rolle beim Aufstieg des Clubs haben sicherlich auch all die Texte gespielt, die über das Berghain geschrieben wurden – inklusive Anderssons und diesem hier. Es ist einfach, auf der Welle des Berghains mitzuschwimmen, diesen besonderen Ort literarisch zu verarbeiten, ihn wissenschaftlich zu analysieren, ihn zu bashen.

Außergewöhnliche Erfahrungen warten auch in anderen Clubs

Aber bei all dem Hype wäre es wahrscheinlich gut, nicht zu vergessen: Es gibt auch noch andere Clubs und Partyreihen, bei denen ganz Ähnliches passiert wie im Berghain, bei denen Menschen sich auf einmal vom gleichen Geschlecht angezogen fühlen und ihre Sexualität erkunden. Drogen, Lichteffekte und gute Musik gibt’s nämlich auch dort und Ecken, in die man sich zum Sex zurückziehen kann, auch.

Außerdem: Zu viel Hype um etwas hat noch nie gut getan. Er könnte den Gästen nicht gut tun, die den Club zum ersten Mal betreten und denken, sie befänden sich in einem sexpositiven Paradies, in dem sie keinerlei Diskriminierung und Übergriffe zu befürchten haben und ihre Sexualität erkunden können. Diese Gedanken liegen nah. Dass aber auch dieser Club, vielleicht sogar weniger als andere, in denen es Awareness-Teams gibt, kein perfekter Safe Space ist, wird den meisten irgendwann klar, manchmal auch schmerzhaft.

Und wahrscheinlich tun der Hype und solche Texte auch dem Berghain nicht gut. Wer weiß, wie nah der Zenith ist.


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