Sinn des Feierns

Tag der Clubkultur: Warum sie schützenswert ist – trotz einiger Probleme

Die Clubs in Berlin arrangieren sich langsam mit der Pandemie, gleichzeitig kommt der Herbst – die Gärten werden dann wieder schließen. Auf das Elend hinweisen will die Clubcommission Berlin mit dem „Tag der Clubkultur“. 40 Clubs und Kollektive schmeißen am 3. Oktober Partys. Natürlich mit Hygienekonzepten, teils drinnen, teils draußen. Dazu gibt es für die ausgewählten eine Förderung vom Senat.

Das Berghain ist der bekannteste Vertreter, aber Club-Kultur in Berlin ist mehr – und dringend rettenswert. Foto: Imago/Owsnitzki

Aber warum eigentlich? Brauchen wir Clubs? Es ist tatsächlich nicht leicht mit der Beziehung Club-Kultur und Mehrheit. Denn wenn es um die Feierstätten in Berlin geht, laufen Diskussionen schnell in eine Richtung: Die drogenbefeuerte Hedonisten-Meute feiert auf Techno drei Tage und Nächte lang. Horror-Geschichten aus dem Berghain, Heidi Klum im Kater Blau, die beschwingte Homo-Sause ohne Regeln. Warum also ist es einigen so unglaublich wichtig, die Szene am Leben zu halten? In Berlin, für Berlin? Es gibt einige gute Gründe.


Safe Spaces

Der wohl wichtigste Punkt für jede Person, die in irgendeiner Form nicht dem Durchschnitt entspricht. Egal ob lesbisch, Schwarz oder mit körperlichen Einschränkungen: Es gibt in Berlin Orte, Clubs und Partyreihen, die absolut inklusiv sind. Warum das so wichtig ist? Dazu ist es wichtig, das Konzept „Safe Space“ erst einmal zu begreifen. Denn viele Menschen erfahren im Alltag aufgrund von Hautfarbe, Sexualität oder anderen Faktoren Diskriminierungen und Hass.

Refugess welcome – das Yaam ist ein Beleg für die offene Club-Kultur Berlins. Hoch Zwei Stock/Angerer

Wenn ein Schwuler ins Schwuz geht, weiß er, dass sich dort niemand darum schert, dass er Männer liebt. Das ist eine Sicherheit, die ihm viele hauptsächlich von Heterosexuellen besuchten Orte nicht geben. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sich dort jemand an queeren Personen stört, ist hoch. Auch in Berlin gibt es wieder mehr Rassismus, Antisemitismus und homophobe Angriffe. Die hohe Wahrscheinlichkeit, beim Feiern mal keinem Arschloch zu begegnen, ist Gold wert. Abgesehen davon gibt’s von Gothic bis Rock, von Rap bis RnB für jede Richtung etwas. Weil Geschmäcker nun mal auch verschieden sind.


Politische Haltung

Wenn die AfD in Berlin am Brandenburger Tor demonstriert wie vor zwei Jahren, schließen sich die meisten Berliner Clubs mal eben zur Mini-Loveparade „AfD wegbassen“ zusammen und die Berliner*innen tanzen dort, wo kurz zuvor noch die Nazis standen. Mitten in der größten Krise der Club-Kultur, der Corona-Pandemie, spenden die #unitedwestream-Clubs trotzdem noch einen Teil der Einnahmen für Seenotrettung. Wer auf der Gästeliste steht, wird in vielen Lokalitäten dringend gebeten, trotzdem ein bisschen Eintritt zu zahlen – als Spende für Refugees, etwa im About Blank. Und selbst das notorisch unpolitische Berghain hat die Homepage zeitweise abgeschaltet, um auf eine andere Seite mit den Namen getöteter Schwarzer als Support für #blacklivesmatter weiterzuleiten. Gut, die Boot-Demo, die zum Rave wurde, ging daneben und war mehr Bärendienst als alles andere. Das können alle Beteiligten besser.

Bass statt Hass: Wenn die AfD ruft, rufen die Clubs in Berlin lauter. Nazis werden hier weggebasst. Foto: Imago Images/Contini

Wirtschaftsfaktor

Berlin verdiente 2018 mal eben 1,48 Milliarden Euro mit Club-Touristen, das ergab eine Studie. Die Clubs und Veranstalter setzten in dem Jahr davon 168 Millionen Euro brutto um. 9.000 Menschen arbeiten mit, in oder wegen der Szene, so kommt einiges an Steuern dazu. Dazu sind ein paar Millionen Touristen einzig des Feierns wegen jedes Jahr in der Stadt. Die aber auch essen, schlafen, den Nahverkehr und Taxis nutzen. Angesichts der enormen Einnahmen sollte der Senat dringend darüber nachdenken, ob ein paar Finanzspritzen nicht noch möglich sind – es kommt ja offensichtlich wieder rein.


Sexuelle Entfaltung

Ja, es gibt in Berlin Clubs, in denen Menschen nicht nur vertikal, sondern auch horizontal die Hüften kreisen lassen. Die Darkrooms sind legendär, sexpositive Partys richten sich an Menschen, die ihre Sexualität nicht als etwas beschämendes, sondern auszulebendes betrachten. Königsklasse des sexuell expressiven Feierns ist natürlich das Kitkat. Dazu gibt es Reihen wie Pornceptual, die ausdrücklich das (einvernehmliche!) Erkunden diverser Köper wünschen. Und auch hier ist das Schöne: Wer nicht will, der muss gar nichts. Gerüchteweise wird auf der Tanzfläche des Berghains am Ende auch immer noch mehr getanzt als gebumst. Egal, was die Legende besagt. Wobei wir dies nicht für alle Bereiche des Clubs bestätigen können.

Nichts wie rein – und dann raus aus den Klamotten! Schlange vor dem Kitkat, bekannt für ausschweifende Partys. Foto: Imago Image/Pemax

Altnative Kunst und Kultur erleben

Nun ist es leicht zu sagen: Im Berghain gibt es geilen Techno! Stimmt auch. Aber die Club-Szene ist größer und eben auch nicht nur elektronisch. Wenn im Ritter Butzke ein chilenisches DJ-Team Bass mit Live-Musik kombiniert, Rapperinnen das Yaam fast zerlegen mit ihren Songs, Birgit und Bier zu internationalen Food-Markets lädt und die Drag Queens, die oft Schwuz auftreten wie Bambi Mercury, am Ende sogar noch bei Pro Sieben landen, weiß jed*r: Wer diese Räume zerstört oder vor die Hunde gehen lässt, raubt der Stadt die kulturelle Vielfalt, die sie so einzigartig macht.

Beim CTM-Festival tritt J’Kerian Morgan alias Lotic im Berghain auf – die Grenzen von Gender und Identität sprengen viele Clubs in Berlin fortwährend. Foto: Imago IUmages/Owsnitzki

Legenden

Um die Berliner Club-Szene ranken sich so viele Legenden und überraschende. Manche sind wahr, etwa dass ausgerechnet Scooter beim Geburtstag des Sisyphos als Überraschungsgast aufspielten, und dass Blümchen gern ins Berghain geht, auch. Ob Britney Spears und Sido wirklich nichts ins Berghain durften, wissen wohl nur die Türsteher genau. Apropos: Ein DJ soll mal in der Panorama Bar einfach so „Baby One More Time“ gespielt haben, zum Entsetzen vieler elitärer Gäste. Keine Legende: Das Matrix hat wirklich jede Nacht auf, wenn nicht gerade Pandemie ist. Und ja, „Berlin Tag & Nacht“ wurde da auch gedreht. Ist für manche auch legendär, und zum Glück ist Toleranz (siehe Safe Spaces) ja ein großes Thema in Berliner Clubs. Wer jetzt auf die ganz miesen Drogen- und Sexgeschichten gehofft hat, möge gern woanders danach suchen.


Sich ausprobieren

Der persönlichen Entfaltung geht meist eine Phase des Ausprobierens voran. Und wer so tut, als würde im Leben der meisten nicht auch mal das Überschreiten von Grenzen und die ein oder andere Dummheit gehören, lügt. Heißt: Ja, Drogen sind scheiße. Ja, Vollrausch ist Kontrollverlust. Und ja, manch einer fragt sich am Morgen nach der Orgie sicher auch, ob das nun unbedingt gegen die Leere geholfen hat. Macht aber nichts: Im Zweifel sind es Erfahrungen, die Menschen sehen lassen, wer sie sind oder sein wollen. Und selbst, wenn dieses ganze pseudo-psychologische Geschwafel nicht stimmt und man sich einfach mal gehen lassen will: Ist auch okay. Übrigens genauso wie manchmal nur mit einem Wasser allein im Dunkeln zu tanzen.


Drogen

Ja, Drogen sind ein Teil der Club-Kultur in Berlibn (und überall sonst). Foto: Imago/Panthermedia/Jagamia

Ja, Drogen sind ein Bestandteil der Club-Kultur, und das nicht erst seit ein paar Jahren. Drogen sind gefährlich und töten. Das Problem des ungehemmten Konsums lässt sich nicht totschweigen, die Zahlen steigen, es fahren zum Beispiel auch immer mehr Koks-Taxis durch Berlin. Die Club-Commission kämpft für die Legalisierung von Schnelltests in Berliner Clubs, damit die Menschen wenigstens wissen, was sie ballern. Bewusstseinserweiternde Drogen haben Künstler*innen schon vor Hunderten Jahren beeinflusst. Das macht diese Droge am Ende nicht weniger gefährlich. Tatsächlich ist dies auch kein Grund, dass die Berliner Clubkultur gerettet werden muss. Aber auch keiner dagegen: Es ist ein gesellschaftliches Problem, dessen Beendigung nicht von Clubs und erst Recht nicht von ihrem Sterben gelöst werden kann. Das nur so Rande.


Hedonismus

Laut Duden ist Hedonismus das Streben nach Sinnenlust und -genuss, das private Glück wird „in der dauerhaften Erfüllung individueller physischer und psychischer Lust gesehen“. Und damit sind wir dann, was einige in Berliner Club-Welt angeht, tatsächlich bei Ballern, Bumsen und Bass. Aber auch diese Menschen brauchen (und irgendwie ja manchmal auch sehr viel) Liebe. Ist tatsächlich blöd, dass viele sich dazu berauschen müssen. Aber auch das kann in Berlin in Safe Spaces geschehen – statt einfach irgendwo anders, wo auch das gefährlicher ist.


Mehr Infos zum Tag der Clubkultur am 3. Oktober findet ihr hier. Im Berghain läuft inzwischen erfolgreich eine Ausstellung gemeinsam mit der Boros-Foundation. Und wenn es dann wieder geht: So kommt ihr ins Berghain.

Viele Clubs sind derzeit akut vom Aussterben bedroht, schon nach zwei Monaten ging es um die Existenz. Zwar gibt es teils alternative Konzepte, doch nich alle haben die Möglichkeit, weil zum Beispiel der Garten fehlt. Das About Blank und Sisyphos haben zum Beispiel Sektgarten bzw. Restaurant eröffnet. Die Einnahmen dadurch sind aber nur ein Bruchteil der regulären Zeit. Vorerst bleibt der Club-Betrieb ein Traum – eine Galerie der Clubs in der leeren Nacht.

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