Elektronisch

CTM Festival 2021 online: Auf nach Cyberia!

Bock auf Mikrotonalität? Das weltwichtigste Event für elektronische
Musik, das CTM Festival, geht – wohin sonst – online. Wir erklären euch, was euch 2021 erwartet und wie trotzdem Stimmung aufkommen kann.

Statt in Clubs führt die diesjährige CTM in virtuelle Räume. Foto: CTM 2021/Lucas Gutierrez
Statt in Clubs führt die diesjährige CTM in virtuelle Räume. Foto: CTM 2021/Lucas Gutierrez

Auch CTM Festival setzt 2021 auf Streaming – in Cyberia

Cyberia: So heißt der Veranstaltungsort des diesjährigen CTM Festivals, und nicht zufällig verbindet man mit diesem Wort einen kalten russischen Landstrich und eine digitale Technosphäre zugleich. Denn das renommierte Festival für experimentelle Musik findet 2021 – Überraschung!– nur online statt, in der virtuellen Steppe.

Cyberia ist eine Art 3D-Museum und die Hauptlocation des Festivals, durch die man sich mit einem Avatar navigieren kann. So gelangt man dann zum Beispiel zu Planeten, die von teilnehmenden Acts wie Mouse On Mars oder Gabba Modus Operandi bespielt werden. Oder aber man schaut gemeinsam mit Avatarenkolleg*innen (formerly known as Festivalbesucher*innen) Aufführungen im Stream an und chattet mit ihnen.

Die Umgebung wirkt dabei brüchig und fluide, überall flackert es, und es tauchen neue Formen und Farben auf, die Sounds (von der Produzentin Elvin Brandhi) klingen mal doomig und düster, mal verspielt und pluckernd – dann wieder hört man flächige, organische Klänge.

CTM Festival: Das digitale Format als Beschränkung und Chance zugleich

Dass der Name Cyberia nicht gerade chillig klingt, sei gewollt, sagt Festival-Mitgründer und -Kurator Jan Rohlf im Videochat-Interview: „Die Ambiguität und die Spannung im Titel haben wir absichtlich gewählt, denn wir wissen ja nicht, ob das wirklich ein erfüllendes Erlebnis sein wird. Wir veranstalten das Festival nicht deshalb online, weil wir das unbedingt wollen, sondern weil die Umstände es nicht anders zulassen. Eigentlich ist das CTM ein Ort der persönlichen Begegnung.“

Taiwans Top DJ und Producerin Sonia Calico spielt
bei der digitalen Clubnacht des CTM am 23. Januar. Sonia Foto: CTM 2021
Taiwans Top DJ und Producerin Sonia Calico spielt
bei der digitalen Clubnacht am 23. Januar. Sonia Foto: CTM 2021

Man sei sich einerseits über die Einschränkungen im Klaren, die das digitale Format mit sich bringe, andererseits gebe es auch Chancen, die es eröffne. „Das Onlineprogramm macht es für ein Publikum aus aller Welt leichter, dabei zu sein. Viele Menschen können es sich ja gar nicht leisten, für ein Festival weit zu reisen oder bekommen nur schwer Visa für die EU. Zugleich schließen wir auch jetzt noch manche Leute aus, denn um nach Cyberia zu kommen, braucht man einen Internetanschluss und einen einigermaßen leistungsfähigen Rechner.“

Letzter Punkt dürfte zu vernachlässigen sein, schließlich kann man die Veranstaltungen auch mit weniger Rechenpower auf der Homepage des CTM im Videostream erleben.

Vielversprechendes Line-Up

Das Line-Up ist vielversprechend: Queerdo-Queen Peaches etwa ist am Start, sie zeigt eine gemeinsame Arbeit mit dem New Yorker Digital-Arts-Duo Pussykrew. Die tunesische Clubmusikerin Deena Abelwahed, gefeiert für Sounds zwischen Ragga, Footwork und arabischer Musik, ist mit einer Auftragsarbeit zu sehen und zu hören – dabei nutzt sie das Musikprogramm Apotome, das der syrisch-britische Musikwissenschaftler Khyam Allami entwickelt hat.

Abelwahed ist einer von mehreren Künstler*innen, die eingeladen wurden, mit dieser Software, die auf Mikrotonalität basiert, zu experimentieren.  Auch auf die Clubnacht sei verwiesen: Im Club Matryoshka, einer Art virtuellem Berghain, stehen am 23. Januar unter anderem die Britin Mary Anne Hobbs und die französische Wahlberlinerin rRoxymore hinter den Decks.

Einige Veranstaltungen sind für dieses Jahr noch live geplant

Das gesamte Festival steht dabei unter dem Motto „Transformation“, und wenn Rohlf von den Festivalplanungen erzählt, so kann man sagen, dass diese 22. Auflage des CTM schon mehrfach transformiert wurde. „Wir mussten alle Pläne immer wieder über den Haufen werfen“, sagt er. „Alles, was wir mehr als 20 Jahre gemacht haben, war plötzlich nicht mehr gültig. Wir mussten uns immer wieder neu überlegen: Wie gehen wir mit dieser Situation um?“

Während man im Sommer noch auf ein Hybridformat gehoffte hatte, war im November klar, dass dies nicht funktionieren wird. Allerdings will das CTM-Team im Lauf des Jahres noch einige Arbeiten live und physisch zeigen. Derzeit sind Veranstaltungen im Silent Green im Mai und im HAU für den September angedacht.

Mit Spenden Künstler*innen helfen

Der Online-Einlass ist zwar grundsätzlich kostenlos, wer aber die ohnehin schon arg gebeutelten Musiker*innen unterstützen will, kann spenden. Dazu kann man einen „Solidarity Pass“ erwerben und gezielt Geld an Lieblingskünstler*innen verteilen. Und auch wenn man im elften Monat der Pandemie streamingmüde sein mag: Für das CTM, das seit vielen Jahren hält, was es im Namen verspricht („Festival for adventurous music & art“), lohnt es, am Rechner zu bleiben.

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