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Berliner Techno

Fritz Kalkbrenners „True Colours“: Wieso sein melancholischer Techno den Nerv Berlins trifft

„Sky And Sand“ ist für viele die große Berlin-Techno-Hymne überhaupt. Fritz Kalkbrenner hat sie gemeinsam mit seinem Bruder Paul für den Film „Berlin Calling“ (2008) geschrieben und zudem die Vocals eingesungen. Der Song blieb länger in den deutschen Charts als jeder andere Produktion aus Deutschland jemals: 129 Wochen. Da kann selbst Helene Fischer einpacken. Ein Gespräch über Techno und Fritz Kalkbrenners „True Colours“.

Fritz Kalkbrenner im Porträt, angestrahlt von pinkem und grünem Licht
Raver sind keine Grübler? Fritz Kalkbrenner beweist das Gegenteil. Foto: Ben Wolf

Was macht ein fleißiger Musikproduzent wie Fritz Kalkbrenner eigentlich, wenn er mal ein Päuschen hat und nicht schon wieder an neuen Songskizzen feilt? „Die Triebe meiner Tomatenpflanzen schneiden zum Beispiel oder meine Chilischoten“, sagt er. Allzu lang war die Auszeit dann aber doch nicht, die sich der 38-Jährige Ostberliner genommen hat: Im Frühling 2020 hat er ein neues Album fertig, sein sechstes in zehn Jahren.

Dafür hat er seinen Sound ein wenig „aufgefrischt“, wie er sagt, im Wesentlichen aber auf das erprobte Erfolgsrezept zurückgegriffen: melodisch-poppiger Elektrosoul mit eingängigem Gesang. Auf „True Colours” will er Farbe bekennen, sein wahres Gesicht zeigen. Wahrhaftigkeit kann schließlich nicht schaden im Post-Truth-Zeitalter der alternativen „Fakten“ und Instagram-Filter. Aber was ist das überhaupt – das wahre Ich?

Fritz Kalkbrenner Ich will in meiner Musik schon ehrlich sein. Aber klar, man ist irgendwie ja doch ein Kunstprodukt und läuft Gefahr, sich zu sehr an Erwartungshaltungen anzupassen, einen Schlenker zu viel zu machen, um seinem Publikum zu gefallen. Wobei ich finde, dass Breitenwirksamkeit und Zugänglichkeit nichts Schlechtes sind.

tipBerlin Aber wie ist er denn, der echte Fritz, der sich nicht verstellt?

Fritz Kalkbrenner Außerhalb von Interviews bin ich bestimmt rüpeliger – bin ja Berliner. Wie ich wirklich bin? Tja, wie viele unterschiedliche Personen ist man, ohne schizophren zu sein? Ich glaube, das wahre Ich ist so ein Amalgam und verändert sich ständig, je nach Laune und Gemengelage.

Im Interview jedenfalls scheint Fritz Kalkbrenner bester Laune. Er spielt die Rolle des frei Schnauze drauflosplappernden Entertainers. Das liegt ihm irgendwie im Blut: Er kann Menschen unterhalten, eine positive Atmosphäre schaffen, als Festival-Headliner abliefern. Er ist nun mal kein sperriger Experimentator, eher einer, der das richtige Gespür für Melodien hat, die vielen gefallen. Eine erstaunliche Ausnahme war da sein Instrumental-Album “Drown” vor zwei Jahren, das in den Charts nach den üblichen Kalkbrenner-Maßstäben untergegangen ist. War er sehr traurig darüber?

Fritz Kalbrenner Nein, darüner habe ich kein Tränchen vergossen. Jedes Album zieht unterschiedliche Kreise. “Drown” hat dafür im Clubkontext eine größere Rolle gespielt. Ich hatte keine schlechte Laune, nur weil der Wirkungskreis kleiner war.

Fritz Kalkbrenner im industriellen Schwarzweiß-Interieur
Ohne Sky and Sand kann das Leben trist sein: Fritz Kalkbrenner. Foto: Ben Wolf

Es spricht einiges dafür, dass die 13 neuen Stücke einen weiteren Kreis ziehen werden, das liegt vor allem daran, dass wir Fritz Kalkbrenner wieder singen hören. Sein Gesang gilt als trademarkhaft, wie es in der Pressemappe zum Album heißt, seine Stimme als markant. Bekanntheit erlangte sie mit dem Überhit “Sky and Sand”, den er 2008 mit seinem Bruder Paul für den Film “Berlin Calling” schrieb und der als Dauerbrenner noch immer durch die Autoradios und Fitnessstudios des Landes dudelt. Das Bedürfnis zu singen hat Fritz Kalkbrenner mal als inneres Glühen beschrieben.

Fritz Kalkbrenner Es gibt so eine Attraktion zwischen Gesang und Instrumentalmusik. Die ziehen sich gegenseitig an. Das ist beim Empfänger ja auch so. Ich will nicht sagen, die Stimme ist der Schlüssel zum Herz. – Abgegriffener geht’s ja nicht. Aber Gesang ist ein Türöffner, eine emotionale Brücke.

Tatsächlich scheint die neue Single “Kings & Queens” aus einem ähnlichen Stoff gestrickt wie “Sky and Sand”. In beiden liegt eine gewisse Melancholie. Auf dem Cover des neuen Albums schaut Fritz denn auch etwas zerknirscht drein – hinter einer verregneten Fensterscheibe. Was genau stimmt ihn denn so melancholisch?

Fritz Kalkbrenner Ach das Leben. Das Unrecht, das jeden Tag passiert. Und all die Dinge, die ich nicht mehr machen kann. In kleinen Dosen ist das Leben voller Abschiede. Ich muss so viele Dinge abgeben: die Fähigkeit, nachts lang wachzubleiben, die Haare auf dem Kopf, die Unverbrauchtheit, das eigene Leben. Naja, so ist das. Nicht schlimm. Melancholisch ist ja nicht tragisch. Und plakative Freude wäre auch Selbstbetrug.

tipBerlin „Sky and Sand” hat vor mehr als zehn Jahren ja auch ein Stück Berlin-Lebensgefühl eingefangen. Wie hat sich das verändert?

Fritz Kalkbrenner Ich habe ja schon mehrere Wellen der Wandlung miterlebt. Angefangen mit der Wende 89, als Berlin zu einem freien Raum der Möglichkeiten wurde. Dieser Riss damals hat so viel Magie versprüht, dass er sogar 30 Jahre später noch wie ein Heilsversprechen wirkt. Das ist nach wie vor ungebrochen. Die Saturierung in der Stadt nimmt aber zu.

tipBerlin Was heißt das genau? Die Freiheitserzählung kommt an ihr Ende?

Fritz Kalkbrenner Oder sie wird von einer anderen abgelöst. Was ich mit Saturierung meine: Im Prenzlauer Berg zum Beispiel gibt es kaum einen Club mehr. Die sind an den Rand saniert worden. Dort stört das auch keinen, dort gibt es keinen Konflikt. So normalisiert sich diese Entwicklung.

tipBerlin Und wie soll es jetzt weitergehen?

Fritz Kalkbrenner Ich bin kein Kaffeesatzleser. Ich wüsste auch nicht, was den Umbruch aufhalten sollte. Man müsste Räume schaffen. Bauen, bauen, bauen. Aber das ist Lokalpolitik. Angeblich kann ein Mensch auch nur acht Monate sinnhaft in die Zukunft schauen. Alles andere ist Im-Wasser-Gerühre.

Wegen Corona fallen nun die Tour und die Festivals ins Wasser. Für Fritz Kalkbrenners Tomatenpflanzen und Chilischoten ist das nicht mal eine schlechte Nachricht. Wer sollte sich sonst um sie kümmern? Je erfolgreicher das Jahr des Fritz Kalkbrenner, desto kleiner seine Tomatenernte.

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