Hip-Hop

12 Berliner Rapper, die ihr kennen solltet: Von Juse Ju bis Kool Savas

Wer sind eigentlich die wichtigsten Berliner Rapper? Klar, die Rapper-Dichte in der Stadt ist sehr hoch, allein auf Wikipedia haben es rund 160 zum eigenen Eintrag geschafft. Die meisten dürften gleich an Sido denken, der ist nun mal omnipräsent. Selbst auf Kindergeburtstagen springen Kids in Hüpfburgen zu „Mein Block“, natürlich nur zur geschnittenen Fassung. Das ist der Grund, warum er nicht in unserer Liste über Berliner Rapper vorgestellt wird. Dafür viele andere spannende Künstler. Vollständig kann so eine Liste nie sein, aber diese 12 Berliner Rapper solltet ihr kennen.


Juse Ju

Den Berliner Rapper Juse Ju zu hören, macht einfach Spaß. Foto: Imago/Martin Müller

Juse Ju macht lustigen, klugen Rap, steht zumindest auf dem Label seiner Schublade. So richtig reinpassen will er da nicht. Es mag lustig sein, wenn er sagt „Du und dein Lieblingsinterpret sind auf einem Level, dieses ‚die Erde ist ne Scheibe‘-Level“, irgendwie aber auch nicht. Irgendwie ist es auch bitter, dass sich die Aussage wahr anfühlt. Deutscher Rap hat ein Problem mit Verschwörungsschwurblern, mit Alpha-Männern, die Armeen sozialdarwinistischer Schwachköpfe um sich scharen wie Pickup-Coaches – oder die AfD. Juse weist darauf hin, zieht alles ins Lächerliche. Neben seinen gesellschaftskritischeren Songs schreibt er auch Storyteller, etwa über seine Zivi-Zeit in einer Psychiatrie oder seinen kleinen Ausflug in die Modelwelt Japans.


BHZ

Hypes haben etwas Zauberhaftes. Richtig planen lassen sie sich nicht. So schnell sie etwas an die Oberfläche treiben, so schnell kann es auch wieder im Strudel der Belanglosigkeit verschwinden. BHZ (Bananahaze) geht aber nicht unter. Das Kollektiv konnte selbst Leute einnehmen, als es 2017 noch Songs ohne Konzept auf Soundcloud lud. Mittlerweile gibt es ausverkaufte Shows, Fans, die vor der Bühne Schwächeanfälle erleiden, und jede Menge Alben. Die Berliner Rapper Longus Mongus, Ion Miles, Dead Dawg, Monk, Big Pat sowie die Produzenten MotB und Samy arbeiten ständig, so locker sie ihren Lebensstil auch verkaufen. Textlich geht es vor allem ums Feiern und die Planlosigkeit Heranwachsender. Ihr neuestes Werk „Halb:vier“ steht stellvertretend dafür.


Zugezogen Maskulin

So gut gelaunt sie auf der Bühne aussehen, die Musik der beiden Rapper von Zugezogen Maskulin ist meist wutgeladen. Foto: Imago/Future Image

Sie sind die Lieblinge steifer Kulturjournalist:innen altgedienter Redaktionen wie auch idealistischer Jugendlicher. Lieblinge der linken Szene, Hassobjekte verhasster Rechter. Zugezogen Maskulin sind vielseitig und desillusioniert genug, um viel Wut in ihren Songs zu verpacken. Alles düster, alles geprägt von mieser Laune. Nein, grim104 und Testo romantisieren nicht, sie verprügeln Romantik. Nicht umsonst heißt eines ihrer Alben „10 Jahre Abfuck“. Übrigens ist ihr Name an „Westberlin Maskulin“ angelehnt, eine Rap-Crew, die aus Kool Savas und Taktlo$$ bestand.


RAPK

Straßenrap, Hymne der Außenseiter:innen, aber auch der Vergessenen. Eigentlich. Klischees, die immer selben Themen und, allen voran, das Streben nach Reichtum, die „alle können es packen, solange sie sich anstrengen“-Haltung lässt viele Künstler:innen maximal angepasst wirken. Die Crux des Ich-AG-Narrativs. Für RAPK gilt das nicht. Ohne sie vor den Feuilleton-Karren zu spannen, ist das Kreuzberger Trio, bestehend aus zwei Rappern und einem Manager, die Antithese zu gängigen Straßenblabla. Sie lassen Leute auflaufen, die ständig betonen, was sie sich von Drogenkohle oder Musikkohle oder beidem kaufen. Konsum (Drogen ausgenommen) wird nicht glorifiziert, dafür das Leben im Kiez, die Freunde und die Liebe zum Feiern.


Herzog

Sympathisch und talentiert, dieser Herzog. Foto: Herzogs Management/CC BY-SA 4.0

Er ist der „Cannasseur“, der Rapper Herzog. Ein politisch linker Weednerd, ein Typ, der mehr Wortspiele zu seiner Lieblingsdroge brachte als Drogenbeauftragte Worte für Hasstiraden finden. Seine rauchige Stimme klingt stets als läge sein letzter Zug nur wenige Sekunden zurück. Und ja, Drogen durchziehen seine Diskographie. Häufig verherrlichend, weshalb er selbst betont, seine Musik mit Vorsicht zu genießen. Laut eigenen Angaben spendet er für jede verkaufte Platte einen Euro an eine Therapieklinik. So schön er den Konsum auch darstellen kann, er birgt Gefahren. Dennoch: Mit etwas Reflexion macht seine Musik Spaß, gilt auch für die aktuelle Platte „Herzi“.


PTK

Seine Themenbereiche sind Rassismus und Gentrifizierung, allen voran soziale Ungerechtigkeit. PTK (Pöbel tötet König) bezieht in seinen Songs Position, schießt dabei gegen elitäres Gehabe. Vielleicht ist der Berliner deshalb überall in Kreuzberg anzutreffen, außer im Prinz Charles. Doch nicht nur musikalisch engagiert sich der Rapper. Etwa gründete er das Musikprojekt Anti-National-Embassy gemeinsam mit Flüchtlingen. Aufgrund von Abschiebung fluktuiert das Projekt, was PTKs Standpunkt zu Ungerechtigkeiten auf traurige Art unterfüttert. Gilt auch für seine Kindheitserfahrungen. Gentrifizierung trieb seine Familie von Wohnung zu Wohnung, wie er selbst schildert. Ein Punkt, den er auch auf dem 2021 erschienenen Album „Kreuzberg & Gomorrha“ thematisiert.


Kool Savas

Kool Savas ist wohl der (!) Berliner Rapper. Foto: Imago/agefotostock

Ob Fan oder nicht, Kool Savas war für Deutschrap prägend. In den 1990er-Jahren veröffentlichte er noch englischsprachige Songs als Juks, wechselte aber früh seinen Namen und die Sprache. Er gewann Battles, veröffentlichte EPs, Alben, gründete ein Label, schloss es wieder. Dazwischen noch zig weitere Kerben für den Lebenslauf. Alle zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen. Heute ist seine Musik oft pathetisch und mitunter schräg, gerade wenn er ernsthaft über „Rap“ rappt. Auch Songs über seinen Status, den niemand anzweifelt, sind inhaltlich als Hauptgang verkaufte Beilagen. Sobald er aber persönlich wird, ohne Namen zu nennen, zeigt er textliche Raffinesse. Der Song „DRIMB“ (Deutscher Rap ist meine Bitch) auf dem Album „AGHORI“ verdeutlicht das.


Pöbel MC

„Grübeln wie Philosophen, feiern wie Vollidioten.“ Vielleicht klingt es ein wenig nach Abi-Shirt oder Facebook „Made my Day“-Sprachverwurstung, ist aber mehr. Pöbel MC schafft es Charakteristika vieler Gesellschaftsschichten in sich zu vereinen. Sein gesamtes Schaffenswerk bildet einen Spagat zwischen Bibliothek und Magendoktor, zwischen auf die Fresse und sprachlicher Finesse.

Die inhaltliche Vielfalt spiegelt seinen Werdegang wider, musikalisch wie beruflich. In Rostock geboren, spielte er zunächst in Rockbands Schlagzeug. Er trommelte zu Korn, Slipknot, System of A Down, hörte nebenher aber auch Fugees und Cypress Hill. Schule ließ er dabei nicht schleifen. Heute promoviert er in Physik mitten im hartschönen Berlin. Lernen, feiern, saufen, sex: Akademiker-Hedonismus. Trotz all der Lebensfreude steht Pöbel MC für Kontra gegen Sexismus, Rassismus, Faschismus – und schlechte Rapper:innen. Zeigt auch seine aktuelle EP „Stress und Raugln“.


Megaloh

Für ein Pressebild wirkt es gar nicht so gestellt. Gute Arbeit, Megaloh! Foto: Universal Music 2021

Größenwahn, eine Eigenschaft, die viele Berliner Rapper auszeichnet. Es ist ein steter Kampf, den sie ausfechten: Wer schafft es, alle anderen textlich zu zerpflücken? Wer bildet die technische Speerspitze? Wer hat am meisten zu sagen? Musik der Superlative. Den einen Künstler festzumachen ist gar nicht so einfach, sondern halt Geschmackssache. Auf Megaloh können sich aber viele einigen, Künstler:innen und Hörende. Vielleicht liegt es an seinem Namen, der sich aus Megalomanie, also dem Schlaubegriff für Größenwahn, ableitet. Oder es sind die perfekt vorgetragenen, komplexen Stücke über Rassismus, Selbstfindung und sein Leben. Er ist poetisch, er geht nach vorn, er hat Persönlichkeit. Sein neues Album „21“ kann da zwar nur teilweise anknüpfen, bisschen zu viel Atlanta-Trap-Geschwafel, doch sein Gesamtwerk schmälert das nicht.


Lemur

Damals noch Teil des Duos Herr von Grau, arbeitet Lemur seit 2014 allein. Er mag kein Superstar sein, das spricht aber nicht gegen sein Talent. Textlich verarbeitete Wut auf die Gesellschaft, auf Anhänger:innen rechtsradikaler Ansichten, auf Menschen, die zwar Fakten nicht kennen, aber sich Ahnung zusprechen. Der Berliner Rapper passt also wunderbar in die Gegenwart. Doch so sauer er auch sein mag, er trägt die Inhalte meist depressiv, fast schon lethargisch vor. Manchmal klingt es, als habe er aufgegeben, zum Glück nur phonetisch. Textlich bekämpft er weiterhin Missstände.


K.I.Z

Wenn auf einer Party die Themen ausgehen, quatscht über K.I.Z. Geht immer. Foto: Philipp Gladsome und Gerngross Glowinksi

Die Kriegsverbrecher in Zentralasien… nein. Die Kannibalen in Zivil… auch nicht. Die Klosterschüler im Zölibat…ne, ganz bestimmt nicht, aber was soll’s. Wofür das Akronym K.I.Z steht, lässt die Berliner Gruppe offen, außer die Zölibatgeschichte. Die hat Bandmitglied Tarek bereits ausgeschlossen. Dabei könnte sie die auf zwölf Songs gepresste Wut ihres neuen Albums „Rap über Hass“ eventuell erklären, aber sei’s drum. Die Wut hat einen anderen Grund. Sie feuern gegen alle, um nicht vereinnahmt zu werden. Vorwiegend von Mann-Männern, deren maskulinen Ideale die Nadeln moralischer Kompasse erschlaffen lassen. K.I.Z fallen in einen musikalischen Tobsuchtsanfall, der auch die richtigen trifft.


Chima Ede

In Wedding geboren, Kindheit, Pupertät, Erwachsenwerden in der Großstadt. Seine Erfahrungen verarbeitet Chima Ede in seinen Songs, ohne dabei aufdringlich zu sein, ohne die immer gleichen Geschichten über graue Blocks, frequentierte Straßen und vollgepisste Treppenhäuser zu erzählen. Er reflektiert, spricht über Fehler, über eigene Unzulänglichkeiten. Geschichten übers Scheitern. Und auch wenn er diesbezüglich Erfahrungen sammelte, musikalisch läuft es. Eventuell liegt es an seiner gelassenen Vortragsweise, der tiefen angenehmen Stimme, den gut gerappten Passagen. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem.


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