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Fotografie

„No Photos on the Dance Floor! Berlin 1989–Today“ bei C/O Berlin

Jeder Keller eine potenzielle Utopie: „No Photos on the Dance Floor! Berlin 1989–Today“ belichtet ein Berlin in der subkulturellen Selbstfindungsphase, in der es darum ging, verloren zu gehen

Schlange vor dem Snax Club, 2001 © Wolfgang Tillmans . Courtesy Galerie Buchholz Berlin/Köln

Sie sängen keine Melodien, haben die Indietronic-Jungs von Jeans Team gesungen. Damals zur Jahrtausendwende, als diese Band etwa zum Inventar der eigentlich auch wunderbar in diese Ausstellung passenden Galerie Berlintokyo in den Hackeschen Höfen gehört hat. Und wenn es stimmt, was natürlich nicht stimmt, dass der Sound des Mauerfalls vor allem von den Scorpions und David Hasselhoff gestaltet worden sei, so ist es umgekehrt eben nur konsequent, dass klassische Songs in diesem  pophistorisch epochalen und doch mindestens tagsüber unsichtbaren Nachwendeberlin so gar keine Rolle mehr spielen sollten. An ihre Stelle war ein Sog getreten, ein Wummern und Wabern. Lichtgewitter hinter Stahltüren. Eine kollektive Selbstverlorenheit an Orten, die eigentlich allesamt selbst Verlierer waren. Jeder leerstehende Keller eine potenzielle Utopie.

Vor dem Ostgut, einem nutzlos gewordenen Güterschuppen hinter dem Ostbahnhof und legendärem Vorläufer des heutigen Berghains, bildeten sich bald lange, verschworene Schlangen. Wobei es damals wie heute um das Große und Ganze ging: Sex, Drugs und elektronische Musik.

Wolfgang Tillmans hat sich ein Bild davon gemacht. „Outside Snax Club“, 2001, wobei der Snax-Club bis heute eine schwule Fetischpartyreihe ist. Diese Fotografie ist nicht nur deshalb eine ikonografische Aufnahme, weil sie auf den vielleicht größten Mythos der Berliner Nacht fokussiert: die Schlange vor der Tür.  Es dokumentiert zudem eine Sub- oder gar Popkultur, die ihre Bestimmung ganz unmittelbar im  Berliner Stadtraum und seinen Freiräumen  gefunden hatte. Ganz so wie die früheste Technoszene im postindustriellen, dystopischen Detroit.

Wolfgang Tillmans ist der sympathische Superstar des Berlinbildes jener Jahre. Jungs in Jogginghosen und hohen Doc Martens,  an Berliner Backstein gelehnt. Das ist so 1991, dass es schon wieder ziemlich 2019 aussieht.

Der Sound der Zwischennutzung

Tillmans berechtigter Ruhm als Auge einer Epoche oder viel mehr ihres Gefühls hin oder her: Eigentlich aber geht die von C/O-Hauskurator Felix Hoffmann und dem  Berliner Techno-Chronisten Heiko Hoffmann (Ex-Chefredakteur des „Groove Magazin“) kuratierte Ausstellung von einer geradezu entgegengesetzten Hypothese aus: „No Photos on the Dance Floor!“, so der Ausstellungstitel. Denn jene Ära des elektronisch beschallten Zwischennutzungs-Berlins sei geradezu radikal unterbelichtet. Tatsächlich also sei die Zahl der Bilddokumente aus den Berliner Nächten der 1990er-Jahre auch nicht größer als jene aus dem David-Bowie-Schöneberg der späten Siebziger. Gab eben noch kein Instagram, dafür aber dieses unausgesprochene Dogma: „What happens in the Club, stays in the Club“, worauf heute noch das Abkleben der  Smartphone-Kameras an der Berghain-Tür verweist.

Apropos: Natürlich ist auch Berghain-Türsteher Sven Marquardt mit seiner morbide-romantischen Porträtfotografie in „No Photos on the Dancefloor!“ vertreten.  Während Carolin Saage, Hauschronistin der Bar 25 am Spreeufer in Mitte,  eine müde, zarte Nachtgestalt unter einem Konfettihaufen  weich gebettet hat.  Von der Härte und Rohheit der Berliner Nächte, die aus  vielen der Bilder  spricht, sei es als Fetisch, als soziale Realität oder als Lebensgefühl, ist in dieser Aufnahme von 2007 nichts mehr zu spüren. Aber da war der Easy-Jet-Set auch schon gelandet. Die Berliner Nacht war von nun an auch ein touristisches Versprechen.  „Denn in Berlin lebt es sich nicht nur billig, man kommt auch billig hin. Und wieder weg“, hatte der Musikkulturjournalist  Tobias Rapp damals diesen Technotourismus beschrieben. Aber von diesem Satz ist längst nur noch die Hälfte wahr.

Erwähnt werden muss unbedingt noch, dass die Schau gelegentlich selbst zur Tanzfläche wird. Dann könnte man sozusagen die ausgestellten Fotografien nachtanzen.  Aber dann bitte: „Photos on the Dancefloor!“

C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, 13.9.–30.11., 11–20 Uhr, 10/erm 6 €, Vernissage Do 12.9., 19 Uhr, mit DJ-Sets von Modeselektor, Krsn & Skate, www.co-berlin.org

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