Neues Album

Masha Qrella verarbeitet auf ihrem Album „Woanders“ Lyrik von Thomas Brasch

Dialog mit einem toten Dichter: Auf ihrem neuen Album „Woanders“ findet die Berliner Musikerin Masha Qrella in den Texten des Dichters Thomas Brasch Worte für einen Zustand, dem sie zuvor sprachlos gegenüberstand.

Die Berliner Sängerin Masha Qrella adaptierte Gedichte von Thomas Brasch für ihr Album "Woanders" (2021). Foto: Diana Naecke
„In Braschs Texten fand ich die Einsicht, dass man vielleicht von woanders herkommt, man die neue Situation aber hinterfragen kann“, sagt Masha Qrella. Foto: Diana Naecke

„Es war ein langsamer Prozess des Zulassens“, sagt Masha Qrella über die Gedichte von Thomas Brasch und deren Wirkung. Auf das Werk des 2001 verstorbenen Berliner Dichters, Dramatikers und Drehbuchautors stieß sie durch das Buch „Ab jetzt ist Ruhe“ der Radiomoderatorin Marion Brasch, Thomas Braschs Schwester.

Qrella las weiter, Braschs Lyrik aus den 1970er- und 1980er-Jahren, der Zeit nach dessen Ausreise aus der DDR, als er in West-Berlin lebte und bis zum Mauerfall hohes Ansehen genoss. Danach verstummte seine Stimme, er ertränkte die Stille in Alkohol.

Masha Qrella fand sich wieder in Thomas Braschs Beschreibungen einer Zwischenwelt

Für Qrella, selbst eine Generation jünger, waren die 1990er-Jahre in Berlin eine ganz andere Zeit. Sie wuchs in Ost-Berlin auf, war 14, als die Wende kam. Sie begann, Musik zu spielen und begründete mit ihren Bands Mina, Contriva und NMFarner in Berlin den Post-Rock, für den international Bands wie Tortoise und Stereolab standen.

Doch während sie musikalisch neue Wege beschritt, stand die Tochter eines russischen Physikers und einer Deutschen dem neuen Land in gewisser Weise sprachlos gegenüber. „Die alte Welt war im privaten Kontext irgendwie noch da, aber das Problem war nicht, dass diese verschwand, sondern dass man die neue Welt nicht kannte.“

Knapp 30 Jahre später fand Masha Qrella in Thomas Braschs Lyrik die Beschreibungen jener Zwischenwelt, in der auch sie sich nach der Wende wiedergefunden hatte. Die Gedichte gingen ihr nicht aus dem Kopf, sie begann sie in ihr Telefon zu sprechen, kleine Sprachbotschaften an Freunde zu verschicken. „Mich hat fasziniert, dass er für einen Zustand Worte fand, an den ich mich sehr gut erinnere; in dem ich mich selbst befand, für den ich aber keine Worte finden konnte.“

Es ist ein Zweifeln an der Welt, in die man plötzlich geworfen wurde

Es ist ein Zweifeln an der Welt, in die man plötzlich geworfen wurde, an den Strukturen, am Kapitalismus selbst, aber kein explizit politischer Ansatz. „In Braschs Texten fand ich die Einsicht, dass man vielleicht von woanders herkommt, man die neue Situation aber hinterfragen kann und auch darf. Das habe ich selbst lange nicht getan.“

So begann aus der privaten Faszination die Arbeit an „Woanders“. Ursprünglich war das Projekt eine Konzert-Performance für das HAU, die Ende 2019 auf die Bühne kam. Qrella skizzierte dafür Songs, holte den Schlagzeuger Chris Imler und den Multiinstrumentalisten Andreas Bonkowski ins Boot und lud Gäste ein, darunter die Sänger Andreas Spechtl von Ja, Panik und Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow. Braschs Texte bekamen einen zusätzlichen Sound, verwoben sich mit Indie-Pop, New Wave, Electronic und Post-Pock. Der HAU-Abend wurde zum Erfolg.

Daraus entstand im Corona-Jahr 2020 schließlich das Album. „Woanders“ ist ein Dialog zwischen dem toten Dichter, dessen Texte stark und poppig zugleich sind, und einer Künstlerin, die eine biografische Nähe zu seinen Worten spürte, sie aber als universell begriff. Ein Dialog der Generationen, der so nur in Berlin und mit dem Wissen um die Geschichte dieser Stadt entstehen konnte – und doch nichts Lokales an sich hat.

„Das Tolle an den Gedichten ist, dass sie sich eben nicht auf die Ost-West-Thematik reduzieren lassen. Sie schlagen einen größeren Bogen, den man nicht unbedingt in der Geschichte verorten muss; deshalb funktionieren die Texte auch heute noch“, sagt Qrella, die gerade in Istanbul an einer türkischen Version von „Woanders“ arbeitet. Brasch hat auch in der Türkei Fans.

Masha Qrella: Woanders (Staatsakt/Bertus/Zebralution)


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