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Berlin Art Week

11. Berlin Biennale läuft – welche Ausstellungsorte sich besonders lohnen

Diese Berlin Biennale ist anders als alle zuvor, und das nicht nur, weil sie unter den Bedingungen der Pandemie stattfindet. Wir geben einen ersten Überblick.

Detail aus „Marcos and His Cronies“ von Pacita Abad im Gropius Bau 1985-1995, Acrylfarbe, Ölfarbe, Textilcoallge, Spiegel, Muschel, Knöpfe, Glasperlen, Goldfaden, 5000 x 293 cm.
Foto: cwa

Am 5.9. hat der vierte, letzte und größte Teil der 11. Berlin Biennale begonnen, wenige Tage vor der Berlin Art Week. Die vier Kurator*innen Renata Cervetto, Augustín Pérez Rubio, María Berríos und Lisette Lagnado mussten ihre Ausstellung pandemiebedingt vom Frühjahr in den Herbst verschieben. Jetzt aber können sie die Schau mit Beiträgen von rund 100 lebenden und historischen Künstler*innen und Künstler*innengruppen an vier Orten zeigen:  Bis 1. November findet die Berlin Biennale in den Kunst-Werken, dem Gropius Bau, der Daadgalerie und bei ExRotaprint, einem denkmalgeschützten Kultur- und Bildungszentrum, in Berlin-Wedding statt.

Museo de la Solidaridad Salvador Allende, Installationsansicht 11. Berlin Biennale,
Gropius Bau. Foto: cwa

Das Motto der 11. Berlin Biennale lautet „Der Riss beginnt im Inneren“. Dieses Zitat der in Kanada lebenden ägyptischen Dichterin Iman Mersal nennt einen Preis von Mutterschaft unter gegenwärtigen Lebensbedingungen von Frauen. Und damit ist man mittendrin in dem, was diese Biennale so anders macht: viele, viele Künstlerinnen nehmen Teil.

Kinder erzählen zu den Thema der ausgestellten Kunst, es finden sich auch Zeichnungen für Kinder und von Kindern. Kunst von Transpersonen, Angehörigen von First Nations und Patient*innen, vor allem aus Asien, Mittel- und Südamerika, finden sich ganz selbstverständlich hier ausgestellt. Es machen also (fast) alle mit, die in der Kunstwelt unterrepräsentiert sind oder in Abteilungen wie „Art Brut“ verbannt werden. Und der hohe Anteil von Autodidakt*innen oder nichtstudierten Künstler*innen macht diese Berlin Biennale ungewohnt unakademisch.

Berlin Biennale: Smartphone-Kunst, Rap-Video und geknüpfte Textilien

Besucher*innen kommt das entgegen. Noch nie war eine Berlin Biennale so divers in Formen und Farben, so bunt, sinnlich und erzählerisch, hat so verschiedene Lebenswelt thematisiert. Filme und Installationen von Theatergruppen sind dabei, Graphic Novels und Rap-Videos, geknüpfte Textilarbeiten genauso wie Kunst für das Smartphone. Mal geht es um Kunsthandwerk, mal auch um die so geschmähte Kunsttherapie. Und nicht zuletzt beteiligen sich südamerikanische Museen, die trotz beschränkten Frachtverkehrs in der Covid-Krise Beispiele aus ihren Sammlungen nach Berlin verschiffen konnten. Und immer helfen der Kurzführer und Erläuterungen an der Wand,  Entstehung und Hintergrund der luftig platzierten Beiträge zu verstehen. Wir geben hier einen ersten Überblick über die Schwerpunkte der vier Ausstellungsorte.


Kunst-Werke

11. Berlin Biennale 2020 in den Kunst-Werken: zentrale Halle. Foto: cwa

Im Stammhaus der Berlin Biennale dreht sich alles um Körper. Es geht um deren Zurichtung in autoritären oder vom Markt dominierten Gesellschaften, aber auch um Versuche der Emanzipation davon und Strategien der Selbstermächtigung. Beispielhaft stehen dafür im obersten Stockwerk zwei aufwendige Videoinstallationen. Sara Sejin Chang (Sara van der Heide) thematisiert in einem tempelähnlichen Kabinett die Adoption koreanischer Kinder durch Europäer und den Schmerz über den Verlust der Elternkultur.

Das Künstler*innenkollektiv El Palomar setzt sich mit schwarzer Pädagogik in Mitteleuropa („Struwwelpeter“, „Max & Moritz“) auseinander und stellt sie einem teils erotischen Film über die Befreiung von Genderzuschreibungen und Onanie-Verbot gegenüber. Immer wieder rückt in den Kunst-Werken auch die Körperfeindlichkeit von Religionsvertreter*innen ins Bild. Dabei sprechen sich die meisten Beiträge nicht gegen Religiosität aus, sondern für einen aufgeklärten Umgang mit ihr, etwa, wie ihn sich eine Theologin in Carlos Mottas dreiteiliger Filminstallation über christliche Kernbegriffen wie Tod und Sühne wünscht.

Luftig und leicht eingerichtet, ermöglicht der Ausstellungsparcours Besucher*innen trotz der schweren Themen eine schnelle Orientierung. Begleitpersonen Minderjähriger sollten jedoch darauf achten, dass nicht alle Filmbeiträge für Kinder geeignet sind.

Kunst-Werke Auguststr. 69, 10117 Berlin-Mitte, Mi-Mo 11-19, Do 11-21 Uhr, 7/5 €, bis 18 J. und Berlinpass frei, Zeitticket auf 11.berlinbiennale.de, Bis 1.11.


Daadgalerie

Naomi Rincón Gallardo, (Opossum-Resilienz), 2019, HD-Video, Farbe, Ton, Installationsansicht, 11. Berlin Biennale, Daadgalerie, Courtesy Naomi Rincón Gallardo. Foto: Silke Briel

In der Kreuzberger Daadgalerie, unweit des ehemaligen Berliner Textilviertels gelegen, geht es um Kleidung und Verkleidung. Delaine Le Bas hat das Schaufenster mit Kostümen aus traditionellen und unkonventionellen Materialien bestückt. Edgar Calel zeigt das Kapuzen-Shirt aus seinem Film, der in den Kunst-Werken läuft: Es ist mit den Namen indigener Sprachen bestickt, die in Guatemala gesprochen werden. Ein historischer Film zeigt eine Aktion Solvognen im Jahr 1974: Die Mitglieder der Kopenhagener Theatergruppe stürmten als Weihnachtsmänner kostümiert Straßen und Kaufhäuser, um gegen Kapital und Konsum zu protestierten.

Trotz starker, einzelner Beiträge wie Andrés Fernández‘ Kartografien seiner Spaziergänge durch Madrid überzeugt diese Teil der Berlin Biennale bei der Präsentation nicht wirklich: Die Beiträge hängen eher nebeneinander, als dass sich aufeinander bezögen. Unbedingt sehenswert ist jedoch Naomi Rincón Gallardos Film im ersten Stock: Pop, Folk, Rap, Queer-Kultur, Animismus und Öko-Aktivismus finden hier in Ton und Bild heiter-melancholisch zusammen. 

Daadgalerie Oranienstraße 161, 10969 Berlin-Kreuzberg, Mi-Mo 11-19 Uhr, Eintritt frei, bis 1.11.


Gropius Bau

Detail aus „Index #3: Socratea exorrhiza (The Walking Palm), 2020 von Mapa Teatro im Gropiusbau, animierte Landschaft: Palmenautormat, 2 Videos. Foto: cwa

In dem ehemaligen Kunstgewerbemuseum geht es um Museen: darum, wie sie die Welt ordnen und welche Weltsicht sie verordnen. Es ist die dichteste Abteilung der Berlin Biennale. Von der Auseinandersetzung mit der vorkolonialen Geschichte Süd- und Mittelamerikas und ihrer Auslegung geht es hier bis zu Bartolina Xixas queer-ökologischen Video-Revuetanz vor Anden-Kulisse – inmitten von Plastikmüll. Auch Käthe Kollwitz findet sich im Gropius Bau wieder. Als die Berliner Künstlerin unter den Nationalsozialisten aus der Akademie der Künste ausgeschlossen wurde, richtete ihr Flávio de Carvalho, einer der Referenzkünstler dieser Berlin Biennale, in Sao Paulo eine Solidaritätsausstellung aus.

Museo de la Solidaridad Salvador Allende, Installationsansicht 11. Berlin Biennale, Gropius Bau. Foto: Mathias Völzke

Einige der Druckgrafiken von damals sind jetzt hier zu sehen. Höhepunkt ist der letzte Saal mit Beispielen aus dem Museum der Solidarität Salvador Allende in Santiago. Seine Gründer*innen sammelten zunächst internationale Kunst, mit der Demokratie Allendes unterstützt werden sollte, unter der Militärdiktatur dann Arbeiten von Freunden und Familien der Verschwundenen. Kernstück dieser Abteilung ist die textile Prop-Art von Gracia Barrios: die acht Meter lange „Multitud III“ (1972), ein Banner aus zusammengenähten Stoffstücken (Foto), das zum Kampf entschlossene Demonstrant*innen zeigt.

Gropius Bau Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin-Kreuzberg, Sa-Mi 10-19 Uhr, Do 10-21 Uhr, 7/5 €, bis 18 J. und Berlinpass frei, Zeitticket auf , 11.berlinbiennale.de, bis 1.11.


ExRotaprint

„Fleeting Geographies“. 2020, Instagramm-Essay von Sinthujan Varatharajah, Installation bei ExRotaprint, 11. Berlin Biennale. Foto: cwa

Kleinere, vom Stadtzentrum entfernt gelegene Orte haben bei Besucher*innen einen schweren Stand, deshalb sei ein Besuch bei ExRotaprint ausdrücklich empfohlen. Hier fanden 2019 und Anfang 2020 die kleineren Vorabschauen der 11. Berlin Biennale statt. Aus dem Ausstellungsraum in der ehemaligen Druckmaschinenfabrik ist jetzt ein Studiensaal geworden. Tischlandschaften und Hocker laden zum Verweilen, Hören und Sehen Lesen ein. Von einem wiederauflegten Kindermalbuch Mauricio Gattis aus dem Jahr 1977 bis zu Sinthujans Varatharajahs digitalem Essay über Flucht, der während des Lockdowns im April 2020 online veröffentlicht wurde, reicht das Spektrum der Medien. Die ausgestellten Stücke geben nähere Auskunft über Künstler*innen und Exponate dieser Berlin Biennale oder dokumentieren Veranstaltungen während der vorangegangenen Schauen bei ExRotaprint.

Zu den Höhepunkten hier zählt der Film „Tungkung Langit“ (2012) von Kiri Dalena. Die Künstlerin aus Manila hat mit zwei Geschwistern im Grundschulalter gedreht, deren Eltern bei einem Wirbelsturm starben. Unter Anleitung der Künstlerin beginnen der Junge und das Mädchen über das Erlebte zu sprechen, Dalena begleitet sie bei Schularbeiten, häuslichen Pflichten in der Dorfgemeinschaft und beim Spiel. „Tungkung Langit“ zählt zu den zärtlichsten, intimsten Beiträgen dieser zärtlichen und intimen Berlin Biennale.

ExRotaprint Bornemannstraße 9, 13357 Berlin-Wedding, Mi-Mo 11-19 Uhr Eintritt frei, bis 1.11.


Kunst und Kultur entdecken

In der Hauptstadt gibt es immer viel Kultur zu entdecken, diese Museen sind in Berlin immer einen Besuch wert. Wichtig ist bei besonderen Anlässen oft, sich frühzeitig um Karten zu kümmern. Berlin Art Week 2020 & Co.: Für diese Ausstellungen solltet ihr euch jetzt Tickets sichern. Durchaus gefragt sein wird sicher auch die neue Ausstellung „Studio Berlin“ des Berghains in Kooperation mit der Boros-Foundation.

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