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Zeitgenössische griechische Kunst

Athen wird das nächste große Ding, heißt es. Homemade Exotica stellt die Kunstszene dort vor

Griechenland und insbesondere Athen sind seit jeher eine Art Sehnsuchtsort und Projektionsfläche. Nicht umsonst wurde im 19. Jahrhundert das Diktum von Griechenland als Wiege der europäischen Zivilisation aufgestellt. Die Projizierung und – meist – Überhöhung geht aber deutlich weiter zurück, in die Renaissance und sogar bis zu den alten Römern, für die das spätantike Griechenland auch schon eher eine Vorstellung denn ein wirklicher Ort war. Zuletzt gaben die Finanzkrise (Grexit!) und dann die documenta 14 mit ihrer Außenstelle Athen – bei der Athen wohl gutgemeint gleich mal als Hauptstadt des globalen Südens ausgerufen wurde – Anlass für neue Fremdzuschreibungen

Hyperrealistische Malerei: Dimitris Tzamouranis’ „Melancholia“ aus dem Jahr 2012, Foto: Jens Kunath / Dimitris Tzamouranis

Was in Athen selbst an frischer, zeitgenössischer Kunst passiert bleibt bei der seltsamen Eigenart dieser Stadt, gleichzeitig Ort und Utopie zu sein, häufig genug auf der Strecke. Bei der aktuellen Ausstellung „Homemade Exotica“, die in ihrem Titel auf die „Exotisierung“ Athens anspielt, kann man sich jetzt einen guten Eindruck über Tendenzen und Spielarten zeitgenössischer Kunst aus Athen machen. In den Räumen des etwas versteckt im Hinterhof liegenden Projektraums Freiraum in der Box, der in Zusammenarbeit mit der Initiative AthenSYN die Ausstellung erarbeitet hat, erwartet den Besucher ein Parcours durch alle möglichen unterschiedlichen Medien wie grundverschiedenen Ansätze des Kunstschaffens: Bildhauerei trifft auf klassische Malerei, Installationen auf dokumentierte Performances, Video auf Fotografie, Lautes auf Leises und Konzeptuelles auf handwerkliches Können.

Athen ist Ort und Utopie

Wie bei allen heterogenen Gruppenausstellungen wirkt das Ganze nicht immer zu hundert Prozent kohärent. Und ebenso wenig gelingt zu jeder Zeit ein Dialog zwischen den Arbeiten. Dieses – durchaus gewollte – Nebeneinander wird von Kurator Sotirios Bahtsetzis mit Roland Barthes als Idiorrhythmie, dem Zusammenfinden und Respektieren individueller Rhythmen, positiv gedeutet und positiv besetzt. In diesem Tanz ganz unterschiedlicher Künstler, Werke, Herangehensweisen und Eindrücke findet der aufmerksame Besucher gleich mehrere echte Entdeckungen und bewegende Arbeiten. Zum Beispiel: Das Tryptichon „Melancholia“ von Dimitris Tzamouranis im gekonnt ausgeführten Stil alter Meister, das eine ganze Wand und durch seine Präsenz auch fast überbordend einen Raum füllt. Gleich daneben, aber viel leiser, zurückhaltender, sich fast versteckend, befindet sich die mit Fragen der Identität beschäftigende und spielende Videoarbeit „Empirical Data“ von George Drivas, der auch den griechischen Pavillon auf der 57. Biennale von Venedig bespielte.

Auf den ersten Blick ebenso leise und erst auf den zweiten, dritten Blick sich in ihrer ganzen Meisterschaft enthüllend präsentieren sich die Fotografien von Yannes Theodoropoulos. Eine intime Nahaufnahme von einem sich so zu einer Landschaft verwandelndem Feta (Fetascape), ein Fischkopf, der wie aus einem klassischen Stillleben gefallen wirkt, schließlich ein Haufen in Goldpapier eingewickelter Schokoladen-Pyramiden auf einem Tisch. Klar, kantig, meditativ und handwerklich perfekt ausgeführt. Und damit sind nur ein paar der gezeigten Arbeiten umrissen.

homemade exotica Gruppenausstellung mit zeitgenössischen Künstlern aus Athen, Freiraum in der Box, Boxhagener Str. 96, Friedrichshain, Mi–Sa 14–18 Uhr, bis 1.2. 

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