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Kunst im Lockdown

Fotoprojekt „Berlin Offstage“: Wenn der Performance die Bühne fehlt

Die Fotografin Aja Jacques bietet mit ihrem Projekt „Berlin Offstage“ Performance-Künstler*innen eine Bühne. Ihnen ist in der Pandemie alles weggebrochen. Nun setzt sie die Akteure verschiedenster künstlerischer Spielarten von Burlesque bis Drag für Fotos in Szene.

Berlin Die Berliner Drag-Performerin Daddy Sparkles stylt sich derzeit nur für sich selbst.
Berliner Drag-Performer*x Daddy Sparkles stylt sich derzeit nur für sich selbst. Foto: Daddy Sparkles

Fotoprojekt von Aja Jacques: „Berlin Offstage“ ist ein Einblick in die Probleme der Performance-Kunst

Performance-Künstler*innen leben von dem Kontakt mit anderen Menschen. Ihre Kreativität speist sich aus den Reaktionen und Emotionen ihres Publikums. Doch Corona lässt dies gnadenlos außer Acht: Menschen, deren Beruf ihr kreativer Ausdrucksort auf der Bühne ist, lasten die Lockdown-Beschränkungen besonders schwer auf den Schultern. Denn die Gesellschaft – auch in Berlin – schaut in diesen Tagen wenig bis gar nicht zum Beispiel auf Drag Queens und Burlesque-Tänzerinnen.

Wie prekär die Situation der Menschen wirklich ist, die uns sonst mit ihren bunten Inszenierungen über den normativen Tellerrand blicken ließen und ungeahnte Gefühlsregungen erzeugten, zeigt das Projekt „Berlin Offstage“. Die neue Normalität von Berlins Performance-Kunst-Szene wird greifbar – anhand von Fotos und Zitaten.

Für Künstler*innen aller Art ist die Corona-Krise nicht nur ruinös, sondern auch psychisch belastend. Insbesondere Performance-Künstler*innen leiden, denn ihre Kunst lässt sich im Gegensatz zu Musik und Literatur weniger gut über Livestreams transportieren.

„Die Verwandlung am Drag ist heilsam für mich. Ein Teil meiner Therapie, der mir jetzt genommen wird“

Die Fotografin Aja Jacques arbeitete früher selber als Performane-Künstlerin und hat in Berlin noch viele Freunde aus der Szene, was letztendlich zum Anstoß für ihr Projekt „Berlin Offstage“ wurde.

Berlin Psychisch belastend: Für die Drag-Künstlerin Very Confused ist ihre Verwandlung Ausdruck ihrer Persönlichkeit.
Psychisch belastend: Für die Drag-Künstlerin Very Confused ist ihre Verwandlung Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Foto: Very Confused

Als die interaktive Kunstausstellung „Overmorrow“ in der Wilden Renate im Oktober 2020 Pandemie-bedingt schließen musste, verloren viele der Künstler*innen, die daran mitgewirkt hatten, auf einen Schlag ihre Lebensgrundlage. Also besuchte Aja Jacques diese kreativen Menschen, die, wie sie sagt, Berlin erst zu Berlin machen, in der Isolation.

Mithilfe der entstandenen Bilder und gesammelten Zitate lässt sich erahnen, was die Krise mit Künstler*innen macht, die von der Bühne ins Off katapultiert wurden. Die Berliner Drag-Künstlerin Very Confused sagt beispielsweise, die Berliner Performance-Branche leide derzeit an einem gebrochenen Herzen. Die Drag-Verwandlung habe für sie persönliche eine heilsame Wirkung. Ihre Kunst erlaube es ihr einen Teil ihrer Persönlichkeit auszuleben – diese „Therapie“ werde ihr jetzt genommen.

Psychisch sei die Situation für Performance-Künstler*innen auch so belastend, weil ihnen dieses Ventil fehle, betont Fotografin Aja Jacques. Und es kaum brauchbare Alternativen gibt:“Performance-Kunst per Stream rüberzubringen ist schwer. Von einem Livestream geht nicht der gleiche Reiz, die gleiche Energie aus.“

„Niemand kümmert sich um uns, sagt, dass wir wertvoll sind“

Jede*r der 13 porträtierten Performance-Künstler*innen gewährt in „Berlin Offstage“ einen Einblick in die eigene Realität und Seele. Die Künstlerin Fifi Fantome erklärt etwa, was ihr zu schaffen macht: Während des ersten Lockdowns hätten viele Künstler*innen ihre Kunst, Musik, Filme und Shows aus Solidarität für die Menschen umsonst zur Verfügung gestellt.

Inga Salomé ist Burlesque-Künstlerin. Die Spielform des Tanzes erlaube ihr, ihre Sexualität und ihre Weiblichkeit auszuspielen, sagt sie. Das fehle ihr sehr. Foto: Inga Salomé

Ein knappes Jahr später erscheine die Bereitschaft der Menschen für Kunst im Livestream zu zahlen, jedoch – und vielleicht auch deshalb – gering. Trotzdem brauchen auch Kunstschaffende Geld zum leben. Es sei ein Kampf – das Gefühl, dass die Welt „alles konsumiere, was Künstler*innen ihr zur Verfügung stellten. Aber niemand kümmert sich um uns, sagt, dass wir wertvoll sind.“

So viele Künstler*innen, Clubs und Veranstaltungsorte stünden derzeit vor dem Bankrott, sagt Fantome. Sie hat große Angst, dass die Berliner Kunstszene nach Corona nicht mehr dieselbe sein wird: Berlins Kunst dürfe nicht sterben. In Berlin könne man wirklich verrückte Dinge sehen, so wie sonst nirgendwo sonst auf der Welt – bisher.

  • Die Website des Projekts „Berlin Offstage“ findet ihr hier.

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