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Hausboot, Kommune, WG: Geschichte der alternativen Lebensformen in Berlin

Wohnen in Berlin ist auch eine Geschichte der alternativen Lebensformen. Ballungsräume haben stets auch einen sozialen Wandel bedingt, althergebrachte Konzepte wurden durch gesellschaftliche, ökonomische und politische Außenbedingungen gerade in Großstädten immer wieder durcheinander gebracht.

Statt trautem Heim und Glück allein begannen viele Berliner, mit Ideen jenseits der Kleinfamilie zu experimentieren. Man zog in Kommunen und Wohngemeinschaften, und ein herkömmliches Haus oder eine Wohnung wichen anderen Entwürfen, etwa dem Leben in einem Bauwagen, im Tiny House oder in einem Hausboot. Entlang von 12 thematischen Schwerpunkten erzählen wir hier die Geschichte der alternativen Lebensformen in Berlin.


Das bürgerliche Idyll

Schöne heile Welt der bürgerlichen Kleinfamilie. Foto: Imago/Gueffroy
Schöne heile Welt der bürgerlichen Kleinfamilie. Foto: Imago/Gueffroy

Mama, Papa, Kinder. So in etwa sieht der herkömmliche Lebensentwurf in der Mitte der Gesellschaft aus. Dieses vermeintliche Idyll gilt aber lange nicht für alle Berliner und Berlinerinnen. Wer keine Kinder hat, haben will oder haben kann, ist da schon mal außen vor, ebenso wie viele homosexuelle Paare oder Singles und Alleinerziehende, die mittlerweile einen Großteil der Berliner Haushalte ausmachen.

Obwohl noch bis vor dem Zweiten Weltkrieg Mehrgenerationshaushalte an der Tagesordnung waren, gilt die Kernfamilie als Ideal, sie ist das Maß aller Dinge. Auch wenn die Hippies in den 1960er-Jahren das Modell radikal hinterfragt haben und nach neuen Lebensformen suchten.


Schlafgänger

Der späte Schlafbursche von Heinrich Zille. Foto: Gemeinfrei
Der späte Schlafbursche von Heinrich Zille. Foto: Gemeinfrei

Das Wohnen ist nicht nur eine soziale Entscheidung, die sich an den sittlichen und moralischen Vorstellungen der jeweiligen Zeit orientiert. Es ist zumeist auch eine ökonomische Frage. Wer würde denn nicht gerne in einer Zehlendorfer Villa, einem Loft in Mitte oder einer 160-Quadratmeter Wohnung in Charlottenburg wohnen, mit Stuck, Parkett und Doppelflügeltüren? Vermutlich viele, doch leisten können sich den Luxus nur die wenigsten.

So führen Not und Armut nicht selten zu alternativen Lebensformen, auch in Berlin. Gezwungenermaßen. Heute genauso wie vor 100 Jahren. In Zilles Milljöh etwa waren die Schlafburschen oder Schlafgänger keine Seltenheit. Das waren arme Tagelöhner und Fabrikarbeiter, die sich keine eigene Wohnung leisten konnten und stundenweise die Schlafstätten von etwas weniger armen Mietern nutzten.

Die ökonomische Endstation der alternativen Lebensform ist schließlich die Obdachlosigkeit, die zwar keine Alternative darstellt, sondern viel mehr den Menschen in einer ausweglosen Lage dazu zwingt, auf der Straße zu leben.


Untermieter

Alternative Lebensformen Berlin: Untermiete statt Miete. Ein junger Mann spielt in seinem Zimmer Gitarre. Foto: Imago/Photothek/Ute Grabowsky
Untermiete statt Miete. Ein junger Mann spielt in seinem Zimmer Gitarre. Foto: Imago/Photothek/Ute Grabowsky

Berlin ist einer Mieterstadt. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Metropolen ist hier der Anteil der Eigentumswohnungen noch relativ niedrig, auch wenn sich das Verhältnis von Mieten zu Eigentum in den letzten Jahren ändert.

Wer einen Mietvertrag hat, ist in der jetzigen Situation auf dem Wohnungsmarkt ein Gewinner. Weil sich viele die Miete dennoch nicht leisten können oder freien Wohnraum zu Verfügung haben, hat sich daraus ein florierender Untermieter-Markt entwickelt. Man arrangiert sich mit den Bedingungen und wurschtelt sich eben durch. Wohnen auf Zeit ist Normalität geworden.


Kommunen

Die Berliner Kommunarden Fritz Teufel und Rainer Langhans, die in den 1960er-Jahren in Charlottenburg in der Kommune 1 lebten. Foto: Imago/Horst Galuschka
Die Berliner Kommunarden Fritz Teufel und Rainer Langhans, die in den 1960er-Jahren in Charlottenburg in der Kommune 1 lebten. Foto: Imago/Horst Galuschka

Die Idee der Kommunen ist keine Erfindung der Hippies in den 1960er-Jahren. Schon im 19. Jahrhundert versuchten avantgardistische Zirkel, die starren bürgerlichen Lebensformen aufzubrechen und suchten nach Alternativen. Man zog aufs Land, ernährte sich gesund, beschäftige sich mit Spiritualität und Kunst und verschreckte die Spießer. Die Lebensreformer, politische Idealisten und andere Proto-Hippies versuchten an vielen Orten der Welt, ihre visionären Ideen umzusetzen.

Im Umland von Berlin entstand bereits 1893 die „Vegetarische Obstbaukolonie Eden“. In die Stadt zogen die Ideen aber erst im Zuge der Sixties-Kulturrevolution ein. Berühmt wurde die Kommune 1, die 1967 im Umfeld der Studentenbewegung in der Wohnung der Schriftstellers Hanns Magnus Enzensberger in Friedenau entstand. Ein Schock für die doch recht konservative Öffentlichkeit in den 1960er-Jahren.

Die Kommunarden Fritz Teufel, Rainer Langhals, Dieter Kunzelmann und andere gingen in die Geschichte ein. Der Mythos von Sex, Drogen, Rock’n’Roll und linken Ideen schwebte über dem Experiment, das nach wenigen Jahren endete.


Wohngemeinschaften

Alternative Lebensformen Berlin: Zusammen kochen in der Wohngemeinschaft. Foto: Imago/Photothek
Zusammen kochen in der Wohngemeinschaft. Foto: Imago/Photothek

Die legendäre Kommune 1 und auch der Nachfolger Kommune 2 wurden zu Ikonen, auch wenn sie nur kurze Zeit existierten. Die Idee eines gemeinsamen Lebens in großen Wohnungen setzte sich aber seit den 1970er-Jahren durch. Die Wohnungsgemeinschaften wurden zum gängigen Alternativmodell für junge Leute, die in die Großstädte kamen um zu studieren, Party zu machen oder sich auf andere Art zu verwirklichen.

Man lebte zusammen, es gab Kiffer-WGs, in denen niemand jemals den Abwasch gemacht hat und streng organisierte Wohngemeinschaften mit Haushaltsplan, Putzlisten und wöchentlichem Plenum. Bis heute herrschen hohe ideologische Ansprüche an potentielle WG-Mitbewohner. So wollen manchmal Veganer nur mit Veganern zusammenleben und Kreative nur mit Kreativen.


Besetzte Häuser

Küche in einer Wohnung des besetzten Hauses in der Rigaerstraße 94 in Friedrichshain, 2001. Foto: Imago/David Heerde
Küche in einer Wohnung des besetzten Hauses in der Rigaer Straße 94 in Friedrichshain, 2001. Foto: Imago/David Heerde

Das Leben in einer Wohngemeinschaft kann einfach nur praktische Beweggründe haben, doch wer sich für ein besetztes Haus entschied, trat tatsächlich in eine andere Lebenswirklichkeit ein. Zum einen waren die Besetzungen meist illegal, so gehörte die Auseinandersetzung mit der Polizei und Verwaltung zum Alltag, auf der anderen Seite waren die Besetzer politische Aktivisten, linke Ideen bestimmten das Zusammenleben.

Besetzte Häuser gehören in Berlin spätestens seit den frühen 1970er-Jahren zum Stadtbild dazu. In Kreuzberg, wo anfangs der sogenannte Häuserkampf stattfand, wurden dadurch leerstehende und verfallende Altbauten vor dem Abriss bewahrt. Es ging um die Sicherung von Wohnraum, aber auch um den Eingriff in die Pläne des Senats, der damals ganze Wohnblocks ausradieren wollte und einen Autobahnzubringer bis zum Oranienplatz vorsah.


Hausprojekte

Einst besetzt heute längst etabliert, das Kulturzentrum ufaFabrik in Tempelhof. Foto: Imago/Schöning
Einst besetzt, heute längst etabliert: das Kulturzentrum ufaFabrik in Tempelhof. Foto: Imago/Schöning

Ein Hausprojekt kann heute vieles sein. Auch finanzstarke Baugruppen, die sich ihr Pankower Wunschdomizil samt Garage und Garten für die Kinder errichten, nennen ihre Vorhaben gerne mal Hausprojekt. Ursprünglich ging es aber um die Umwandlung von besetzten Häusern in legale Strukturen.

In Berlin existieren zahlreiche prominente Beispiele von einst besetzten Häusern, die legalisiert wurden und bis heute als Jugendeinrichtungen, Wohnprojekte oder Kulturzentren die Stadt prägen und davon zeugen, dass alternative Lebensformen sich auch nachhaltig durchsetzen können. Dazu gehören beispielsweise das Tommy-Weißbecker-Haus in Kreuzberg oder die ufaFabrik (Foto) in Tempelhof.


Hausboote

Alternative Lebensformen Berlin: Claudius Schulze hat in der Rummelsburger Bucht ein Hausboot mit Atelier. Foto: Imago/Mike Wolff/Tagesspiegel
Claudius Schulze hat in der Rummelsburger Bucht ein Hausboot mit Atelier. Foto: Imago/Mike Wolff/Tagesspiegel

Nicht alle Städter haben Lust auf Lärm, Beton und Menschenmassen. Man muss aber nicht unbedingt in die Pampa ziehen, sondern kann durchaus Natur und Abgeschiedenheit mit einer Großstadt wie Berlin vereinen. Das beweist die ziemlich rege Hausboot-Szene in Berlin. In West-Berliner Zeiten lebten wenige Exzentriker und Abenteurer auf Hausbooten, die auf dem Landwehrkanal ankerten.

Nach dem Mauerfall öffneten sich auch die Gewässer. Vor allem die Rummelsburger Bucht gab viel Freiraum für die Spreenomaden. Hausboote, selbstgezimmerte Flöße, umfunktionierte Kähne und was sich sonst noch auf dem Wasser halten konnte, formierte sich zum schwimmenden Dorf Lummerland, das zum Ärgernis der Stadtverwaltung wurde.


Wagenburgen

Wohnwagen in der Wagenburg an der Lohmühle in Treptow, 2009. Foto: Imago/Bernd Friedel
Wohnwagen in der Wagenburg an der Lohmühle in Treptow, 2009. Foto: Imago/Bernd Friedel

Die Cousins der Hausboot-Bewohner sind die „Rollheimer“, auch sie ziehen ein nomadisch anmutendes Leben in urbanen Nischen vor. Doch statt Floß setzen sie auf umfunktionierte Bauwagen, mit denen sie sich zu mobilen Dörfern zusammenschließen, die man gemeinhin als Wagenburg bezeichnet.

In Berlin gibt es gleich mehrere Areale, die den Rollheimern, teilweise seit Jahren, eine Heimat geben. Eine der bekanntesten Wagenburgen ist die Lohmühle (Foto) an der Grenze von Kreuzberg und Treptow, die Pankgräfin stellt auch eine Alternative dar, wo selbst Familien mit Kindern leben, und auch in der Wuhlheide stehen die bewohnten Bauwagen.


Tiny Houses

Eine der alternativen Lebensformen in Berlin: Tiny House-Austellung auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs in Tiergarten, 2017. Foto: Imago/Massimo Rodari
Eine der alternativen Lebensformen in Berlin: Tiny House-Austellung auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs in Tiergarten, 2017. Foto: Imago/Massimo Rodari

Die Städte werden immer enger, das Leben in Ballungsräumen teurer, die utopische Alternative dazu sind Tiny Houses. Zumindest wenn man einer der Zukunft zugewandten Schar von Architekten, Stadtplanern und Designern glauben möchte.

Tiny Houses sind, wie der Name es bereits verrät, winzige Häuser, die auf kleinstem Raum alle erforderlichen Bedürfnisse des Lebens erfüllen, mehr aber auch nicht. Sie sind Minimalismus pur und eine gebaute Kritik an der Konsumgesellschaft und dem ziellosen Anhäufen von Dingen.


Leben in Kleingärten

Alternative Lebensformen Berlin: Bunte Lauben in der Kolonie Rehberge in Wedding. Foto: Imago/Müller-Stauffenberg
Bunte Lauben in der Kolonie Rehberge in Wedding. Foto: Imago/Müller-Stauffenberg

Kleingärten sind Teil der Berliner Kultur. Die Laubenpieper und ihre Datschen prägen das Stadtbild, und der Wunsch nach einer eigenen Parzelle, auf der man sich erholen und etwas Obst und Gemüse ziehen kann, besteht bei vielen Berlinern und Berlinerinnen nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Krise und dem Quarantäne-Koller.

In der Regel sind die Kleingärten nur in der warmen Jahreszeit nutzbar, und dauerhaft wohnen darf man auf den Grundstücken offiziell sowieso nicht. Dennoch haben sich an vielen Orten in der Stadt einige Kleingärtner die Häuschen winterfest ausgebaut und ihren ständigen Wohnsitz in die Kolonie verlegt. Legal ist das nicht, aber es wird vielfach geduldet und stellt eine weitere Alternative zum Leben in der Mietwohnung dar.


Wohnprojekte im Berliner Umland

Ein Bauernhof in Brandenburg dient nicht selten als Projektionsfläche für kreative Geister. Foto: Imago/Schöning
Ein Bauernhof in Brandenburg dient nicht selten als Projektionsfläche für kreative Geister. Foto: Imago/Schöning

Manchmal ist Berlin dann aber doch zu viel und man will einfach nur raus. Nur nicht zu weit weg, also ab nach Brandenburg. Seit dem Mauerfall sind im Berliner Umland ungezählte alternative Kultur-, Wohn-, Haus- und Hofprojekte entstanden. Von Künstlerateliers in verwahrlosten Bauernhöfen über kollektive Bio-Landwirtschaft bis zu spirituellen Gruppen, die Yoga-Retreats und Chakra-Tuning-Workshops anbieten. So zählt Brandenburg eben auch zu den alternativen Lebensformen in Berlin, nur eben außerhalb der Stadtgrenzen.


Mehr Berlin verstehen

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