Architektur

DDR-Architekten in Berlin: Aufbau Ost von Platte bis Zuckerbäckerstil

Josef Kaiser, Manfred Zumpe, Erhardt Gißke – nie gehört? Kein Wunder, denn die DDR-Architekten in Berlin haben nie denselben Star-Status erreicht wie ihre Kollegen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Das ist natürlich nicht gerecht, denn der Sozialismus hat beeindruckende Baudenkmäler hinterlassen. Wir stellen euch 12 wichtige DDR-Architekten in Berlin vor – und zeigen euch deren große Projekte, von sozialistisch-klassizistischen Palästen über monumentale Plattenbauten bis zu Wolkenkratzern.


Manfred Prasser

Foto: Imago Images/Schöning

Was soll man eigentlich mit seinem Leben anfangen, wenn man in einem sächsischen Nest namens Kuhschnappel aufgewachsen ist? Manfred Prasser (1932–2018) entschied sich für die Zimmermann-Lehre, bevor er sich zum Bauingenieur ausbilden ließ. Das erste Großprojekt unter seiner Beteiligung war dann direkt der Flughafen Halle-Leipzig – beste Voraussetzung für eine anschließende Karriere in Berlin. Der DDR-Architekt rekonstruierte hier erst die historische Jungfernbrücke, bevor er vor allem mit kulturellen Bauten auf sich aufmerksam machte. Für den Palast der Republik konzipierte er den damals weltweit einzigartigen großen Saal: ein High-Tech-Meisterwerk mit höhenverstellbaren Decken, schwenkbarem Parkett und Wänden, die sich flexibel verschieben ließen. „Das kann nicht mal Amerika bauen“, jubelte das Baukombinat über die Leistungen der DDR-Architekten in Berlin.

Prasser und sein Team durften in den 1980er-Jahren die Revuetheater in Paris studieren, um sich für ein Prestigeprojekt inspirieren zu lassen: den Neubau des Friedrichstadt-Palasts. Prassers wenig bescheidenes Credo: „Ich baue keinen billigen Larifari-Schuppen, von dem die Leute sagen: Guckt mal, das ist die kleinkarierte DDR.“ Prasser verstarb 2018, der Friedrichstadt-Palast steht seit 2020 unter Denkmalschutz.


Hermann Henselmann

Hermann Henselmanns Wohnbauten am Strausberger Platz sind im Stil des sozialistischen Klassizismus gehalten – damals gestalterische Leitlinie für DDR-Architekten in Berlin. Foto: Imago Images/Schöning
Hermann Henselmanns Wohnbauten am Strausberger Platz sind im Stil des sozialistischen Klassizismus gehalten – damals gestalterische Leitlinie für DDR-Architekten in Berlin. Foto: Imago Images/Schöning

Wenn die DDR einen Architektur-Star hatte, dann ihn: Hermann Henselmann (1905–1995). In den späten 1920er-Jahren war der an der Berliner Handwerker- und Kunstgewerbeschule ausgebildete Baumeister noch deutlich von Le Corbusier beeinflusst, aber fand als späterer Chefarchitekt des Ost-Berliner Magistrats eine ganz eigene Formsprache. Seine Konzepte der 1950er-Jahre orientieren sich an den „16 Grundsätzen des Städtebaus“: dem DDR-Leitbild für Raumplanung und Architektur. Die monumentalen Bauten unter Rückgriff auf nationale Architekturströmungen waren als sozialistischer Klassizismus bekannt – oder wurden als „Zuckerbäckerstil“ verspottet.

Die wohl beeindruckendsten Beispiele in Berlin gehen auf Entwürfe von Henselmann zurück. Den Auftakt für das Großprojekt „Stalinallee“ (die heutige Karl-Marx-Allee in Friedrichshain) machte Henselmann mit dem Hochaus an der Weberwiese. Weil die Sowjetunion funktionalistischer Architektur eine Absage erteilte, entwarf Henselmann innerhalb weniger Tage ein neues Konzept.

Der Bau aus Weltkriegstrümmern und Meißener Porzellan gab die Stoßrichtung für die gesamte Gestaltung der Stalinallee vor. Henselmann selbst entwarf zudem Gebäude am Strausberger Platz, am Frankfurter Tor und auf einem Abschnitt der Stalinallee. Die historischen Fassaden sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Prachtboulevard voller Plattenbauten ist. Mit dem Einsatz von vorgefertigten Betonbauteilen am Frankfurter Tor industrialisierte Henselmann den Städtebau der DDR.


Erhardt Gißke

Der DDR-Architekt Erhardt Gißke baute in Berlin zahlreiche Gebäude. Bemerkenswert ist dabei das hochmoderne Planetarium an der Prenzlauer Allee. Foto: Imago Images/Schöning
Der DDR-Architekt Erhardt Gißke baute in Berlin zahlreiche Gebäude. Bemerkenswert ist dabei das hochmoderne Planetarium an der Prenzlauer Allee. Foto: Imago Images/Schöning

Erhardt Gißkes Karriere begann 1950 mit einer Katastrophe: In nur 50 Tagen organisierte der Architekt den Wiederaufbau des von einer Flut zerstörten Thüringer Ortes Bruchstedt. In Ost-Berlin war Gißke zunächst vor allem mit technischen Fragen befasst: Die Trümmerbeseitigung auf der Stalinallee lag in seinem Verantwortungsbereich. 1956 wurde Gißke zum Stellvertreter Henselmanns berufen, bevor er Ost-Berliner Baudirektor wurde.

Erhardt Gißke war maßgeblich an großen architektonischen Projekten der Honecker-Ära beteiligt. Vom Palast der Republik über das damalige Centrum Warenhaus am Alexanderplatz bis zur vereinfachten Rekonstruktion des Berliner Doms oder dem weithin sichtbaren Bettenhaus der Charité: Kaum ein Großprojekt der DDR-Architektur in Berlin, das in den 1980er-Jahren nicht über Gißkes Schreibtisch lief. Ein besonders markanter Entwurf vom ihm persönlich ist das Zeiss-Großplanetarium an der Prenzlauer Allee, das 1987 eröffnet wurde. Auch heute noch zählt das kugelförmige Gebäude zu den modernsten Planetarien der Welt.


Franz Ehrlich

Der große Aufnahmesaal des Funkhaus Nalepastraße. Das Berliner Gebäude ist das Meisterwerk des DDR-Architekten Franz Ehrlich. Foto: Harry Schnitger
Der große Aufnahmesaal des Funkhaus Nalepastraße. Das Berliner Gebäude ist das Meisterwerk des DDR-Architekten Franz Ehrlich. Foto: Harry Schnitger

Der gebürtige Leipziger Franz Ehrlich studierte von 1927 bis 1930 am Bauhaus. Er beteiligte sich in den 1930er-Jahren am antifaschistischen Widerstand – und geriet in die Fänge der Nazis. Er wurde wegen Hochverrat verurteilt und nach Haftstrafen in Zuchthäusern im KZ Buchenwald inhaftiert. Ehrlich gestaltete auf Befehl der Bauleitung den markanten, unfassbar zynischen „Jedem das Seine“-Schriftzug, später wurde er verpflichtet, neben der Kommandantenvilla in Buchenwald auch das Inventar, die Baracken und den Zoo des Lagers zu entwerfen.

In der DDR war Franz Ehrlich vor allem für ein Werk bekannt: das Funkhaus in Oberschöneweide. Die neue Anlage war hochmodern: Hinter Ehrlichs roter Klinkerfassade befindet sich der größte zusammenhängende Studiokomplex der Welt, der für seine perfekte Akustik berühmt ist. Das schlichte und elegante Gebäude täuscht von außen darüber hinweg, wie repräsentativ das Innere gestaltet ist. Ein besonderes Detail von Ehrlichs Meisterwerk der DDR-Architektur in Berlin: der Marmor der Fußböden stammt zum Teil aus Hitlers zerstörter Reichskanzlei. 2018 hat tipBerlin-Autor Dirk Engelhardt die Geschichte und Zukunft des Funkhauses untersucht.


Dieter Bankert

Am Bau des Palasts der Republik waren zahlreiche DDR-Architekten in Berlin beteiligt. Die gläserne Fassade schuf Dieter Bankert. Foto: Imago Images/Rüttimann
Am Bau des Palasts der Republik waren zahlreiche DDR-Architekten in Berlin beteiligt. Die gläserne Fassade schuf Dieter Bankert. Foto: Imago Images/Rüttimann

Dieter Bankert, ausgebildet an der TU Dresden, hatte hochtrabende Pläne: So entwarf er Hochhäuser und futuristische Hörsäle für wissenschaftliche Einrichtungen, die allerdings nie verwirklicht wurden. Bodenständiger war dann sein erstes Großprojekt in Berlin: ein neues Sudhaus für die Schultheiß-Brauerei in der Indira-Gandhi-Straße.

Daneben stand dem Kollektiv um Bankert fast die gesamte Ost-Berliner Innenstadt zur Verfügung. Sein Name findet sich bei der Neubebauung der Fischerinsel genauso wie am Alexanderplatz. Bankerts größtes und bemerkenswertestes Projekt ist wohl die Mitarbeit am Palast der Republik, der repräsentative Bau an Stelle des (heute wieder errichteten) Berliner Schlosses. Dessen beeindruckende großflächige Glasfassade geht auf Bankerts Entwürfe zurück.


Heinz Graffunder

DDR-Architekten in Berlin: Heinz Graffunder ließ sich für seine Rathauspassagen von Le Corbusier inspirieren. Foto: Imago Images/Dirk Sattler
Heinz Graffunder ließ sich für seine Rathauspassagen von Le Corbusier inspirieren. Foto: Imago Images/Dirk Sattler

Heinz Graffunder, Jahrgang 1926, machte als Architekt und Stadtplaner seit 1952 eine rasante Karriere in Ost-Berlin. Anfangs konzentrierte er sich noch auf einzelne Wohnhäuser, so in Lichtenberg und Friedrichshain, aber auch Projekte für die Freizeitgestaltung der DDR-Bürger*innen. Das Dickhäuterhaus und das Alfred-Brehm-Haus im Tierpark gehen auf Graffunder zurück, daneben entwarf er in Pankow ein Freibad. Ab den 1960er-Jahren verschob sich Graffunders Fokus von einzelnen Bauwerken hin zum großen Ganzen. Graffunder koordinierte den Bau des Palasts der Republik. Und auch der weiträumig abgetragene Alexanderplatz sollte nicht länger Brachland sein – aber historisch anmutender Wiederaufbau war nicht mehr die Leitlinie der DDR-Architektur in Ost-Berlin.

Unter maßgeblicher Beteiligung von Heinz Graffunder entstanden ab 1967 die Rathauspassagen. Die kolossalen Plattenbauten mit untypisch großen Wohnungen und den luxuriösesten Einkaufszentren der DDR im Erdgeschoss sollten vor allem eines: repräsentativ wirken. Die Rathauspassagen waren auch eine direkte Antwort der DDR-Architektur auf Le Corbusiers „Unité d’habitation“, die berüchtigte „Wohnmaschine“ in Berlin-Westend.


Günter Stahn

Der Pionierpalast Ernst Thälmann ist heute als FEZ ein beliebtes Ausflugsziel für Kinder. Der DDR-Architekt Günter Stahn entwarf den Bau samt Holzfassade in der Berliner Wuhlheide. Foto: Imago Images/Schöning
Der Pionierpalast Ernst Thälmann ist heute als FEZ ein beliebtes Ausflugsziel für Kinder. Der DDR-Architekt Günter Stahn entwarf den Bau samt Holzfassade in der Berliner Wuhlheide. Foto: Imago Images/Schöning

Wer Kinder in Berlin hat, dürfte schon oft Ausflüge in die Wuhlheide unternommen haben. Dort befindet sich das FEZ Berlin, eine der unterhaltsamsten Freizeiteinrichtungen für Familien. Dessen Hauptgebäude ist ein moderner Palast mit Holzfassade und großen Fenstern. Wo heute Kinder spielen, traf sich früher der parteitreue DDR-Nachwuchs: Günter Stahn konzipierte den Bau 1981 als „Pionierpalast Ernst Thälmann“.

Aber nicht nur draußen im Grünen findet man das Werk dieses Architekten. Der gelernte Maurer aus Magdeburg schuf in Berlin-Mitte Bauten, die so gar nicht in das gängige Bild von DDR-Architektur passen wollen: Weder waghalsig-modernistisch noch protzig-historisch sind sie, sondern gediegen und eigentlich ganz gewohnt. Denn beim Nikolaiviertel kommt man kaum auf die Idee, dass es sich um ein großflächiges Neubauquartier handelt. Doch diese so alte und traditionsreiche Gegend nahm erst in den 1980er-Jahren nach Plänen von Günther Stahn ihre heutige Gestalt an. Zur 750-Jahr-Feier der Stadt schuf der DDR-Architekt in Berlin ein neues Viertel auf mittelalterlichem Grundriss: historische Bürgerhäuser in direkter Nachbarschaft zu reich verzierten Plattenbauten. Der Experte für Wiederaufbau ließ gleich auch die historische Kirche St. Nikolai rekonstruieren, die der Gegend ihren Namen gibt.


Siegfried Wagner

Der Müggelturm war und ist ein beliebtes Ausflugsziel in Berlin. Der DDR-Architekt Siegfried Wagner entwarf das Gebäude mit Kommilitonen noch während des Studiums. Foto: Imago Images/Schöning
Der Müggelturm war und ist ein beliebtes Ausflugsziel in Berlin. Der DDR-Architekt Siegfried Wagner entwarf das Gebäude mit Kommilitonen noch während des Studiums. Foto: Imago Images/Schöning

Mit besonderem Fleiß tat sich Siegfried Wagner während des Architektustudiums in Weißensee zwar nicht hervor, doch er lernte von den Besten. So war Wagner Student bei Hermann Henselmann und gewann noch während der Ausbildung den Wettbewerb für ein beliebtes Ausflugsziel. Er entwarf zusammen mit Kommilitonen den spektakulären Müggelturm. Darüber und über weitere schöne Türme in Berlin lest ihr hier mehr.

Die fast 30 Meter hohe Stahlbetonkonstruktion machte Wagner zu einem der gefragtesten Architekten der DDR. Am Alexanderplatz konzipierte er ein weiteres Hochhaus, das Haus des Lehrers, und beteiligte sich am Entwurfskollektiv für die Kongresshalle. Nach einer Anstellung als Stadtarchitekt von Hoyerswerda kehrte Siegfried Wagner 1969 nach Berlin zurück und sorgte von der Charité bis zu Siedlungen in Friedrichsfelde an vielen Stellen für architektonischen Feinschliff.


Wolf-Rüdiger Eisentraut

Gewagte Fassade: Das Rathaus Marzahn wurde nach Entwürfen des DDR-Architekten Wolf-Rüdiger Eisentraut in Ost-Berlin verwirklicht. Foto: Imago Images/Schöning
Gewagte Fassade: Das Rathaus Marzahn wurde nach Entwürfen des DDR-Architekten Wolf-Rüdiger Eisentraut in Ost-Berlin verwirklicht. Foto: Imago Images/Schöning

Dass in der DDR Mangelwirtschaft herrschte, bekam wohl jeder zu spüren, der an großen Architekturvorhaben mitwirkte. Das Material war zwar knapp, aber dennoch gelang an vielen Stellen eine ganz eigene Formsprache. Bestes Beispiel: Wolf-Rüdiger Eisentrauts gewagte 1980er-Jahre-Konstruktionen. Dem DDR-Architekten, der wie so viele mit Arbeiten am Palast der Republik ersten Ruhm erlangte, stand in Berlin ein ganzer Stadtteil zur Verfügung.

Eisentraut entwarf zahlreiche Bauten in Marzahn, die sich vom Hochhaus-Image des Ortsteils abheben. Er plante in den 1980ern das Freizeitforum mit Schwimmhalle und Bibliothek, entwarf das Einkaufszentrum Ringkolonnaden und das Rathaus: Das Gebäude mit Klinker- und Betontafel-Fassaden gehört zu den aufwendigsten Bauten der späten DDR und steht seit 2008 unter Denkmalschutz. 12 weitere schöne Orte in Marzahn zeigen wir euch hier.


Manfred Zumpe

Manfred Zumpe war in der DDR Spezialist für Hochhaus-Architektur. In Berlin sieht man das auf der Fischerinsel sehr gut. Foto: Imago Images/Tom Maelsa
Manfred Zumpe war in der DDR Spezialist für Hochhaus-Architektur. In Berlin sieht man das auf der Fischerinsel sehr gut. Foto: Imago Images/Tom Maelsa

In der DDR war Manfred Zumpe ein Rebell, soweit die Arbeit für staatliche Auftraggeber das eben zuließ. Seine Kritik an der DDR-Baupolitik verhinderte seine Berufung als Professor in Dresden. Und sein dort in den 1970er-Jahren gegründetes Planungsbüro wurde sogleich verstaatlicht.

Zumpe war vor allem wissenschaftlich aktiv. Schon seine Dissertation unter dem Titel „Wohnen in verschiedenen Ebenen – ein Beitrag zur Entwicklung neuer Wohnformen“ zeigte, dass er hoch hinaus wollte. Denn Zumpe war vor allem Experte für Hochhäuser, für große Wohnblöcke auf engem Raum. Besserer Grundriss, modifizierte Außenbeschichtung, Fortschritt mit der Platte? Zumpe gab die wissenschaftlichen Antworten auf die Architekturfragen des Alltags.

DDR-Architektur in Berlin, die von Manfred Zumpe entworfen wurde, ist dann auch entsprechend monolithisch: Er schuf gewaltige Wohnhochhäuser auf der Fischerinsel und an der Holzmarktstraße, ebenso war er am Wohnkomplex Karl-Liebknecht-Straße beteiligt.


Roland Korn

DDr-Architekten in Berlin: Park Inn heißt es heute, früher war es das Interhotel "Stadt Berlin". Es ist noch immer das zweithöchste Gebäude Berlins.Foto: Imago Images/Schöning
Park Inn heißt es heute, früher war es das Interhotel „Stadt Berlin“. Es ist noch immer das zweithöchste Gebäude Berlins.Foto: Imago Images/Schöning

Das wohl prestigeträchtigste Gebäude, das Roland Korn entwarf, ist das Staatsratsgebäude der DDR. Den Stahlskelettbau verzierte Korn mit einem besonderen Detail: Er ließ das Portal IV des 1950 gesprengten Berliner Schlosses am Sitz des kollektiven DDR-Staatsoberhauptes anbringen.

Danach war Korn damit beauftragt, das höchste bewohnbare Gebäude der DDR zu konzipieren. Als städtebaulichen Ausgleich zum Fernsehturm entwarf der DDR-Architekt das 1971 fertiggestellte Interhotel „Stadt Berlin“, das heutige Park Inn. Der Auftrag war geglückt: Das Hochhaus ist immerhin das zweithöchste Gebäude Berlins, dank Korn nahm die Skyline der Hauptstadt der DDR Form an. Auch das Haus des Reisens in unmittelbarer Nachbarschaft geht auf Korns Entwürfe zurück.

Der Architekt selbst arbeitete an zahlreichen Projekten in Berlin mit, so auch an der Großgaststätte Ahornblatt, eines der zahlreichen Gebäude, die aus dem Stadtbild mittlerweile verschwunden sind. Korn hatte schon in den 1960er-Jahren das Angebot erhalten, Chefarchitekt von Bagdad zu werden. Die SED pfiff ihn zurück, belohnte den Hochhaus-Baumeister allerdings 1973 mit demselben Posten für Ost-Berlin.


Josef Kaiser

So leicht und elegant konnte DDR-Architektur sein: Das Berliner Kino International, gebaut nach Entwürfen von Josef Kaiser. Foto: Imago Images/Schöning
So leicht und elegant konnte DDR-Architektur sein: Das Berliner Kino International, gebaut nach Entwürfen von Josef Kaiser. Foto: Imago Images/Schöning

Der 1910 geborene Josef Kaiser war zwar in Prag zum Architekten ausgebildet worden, doch 1946 wechselte er erst einmal den Beruf. Er ließ sich in Dresden zum Sänger ausbilden und war Tenor im Theater am Nollendorfplatz. Erst mit 41 Jahren fand er den Weg zurück zur Architektur. Zunächst wurde er Chefarchitekt von Stalinstadt (heute Eisenhüttenstadt), dann wechselte er ins Büro von Hermann Henselmann. Auf Kaiser geht insbesondere die rötliche Fassadengestaltung des Staatsratsgebäudes der DDR zurück, daneben arbeitete er in den späten 1960er-Jahren an den Plänen für das Centrum Warenhaus Alexanderplatz sowie am Außenministerium der DDR.

Kaisers bekannteste Bauten allerdings finden sich auf der heutigen Karl-Marx-Allee. Mit dem Kino Kosmos, dem auch heute noch genutzten Kino International und dem Café Moskau entwarf Kaiser DDR-Gebäude, die kaum einen größeren Kontrast zum Rest der langen Straße bilden könnten. Mit diesen eleganten und luftigen Bauten holte die DDR bis 1964 im Eiltempo die architektonische Moderne nach, der mit Henselmanns Stalinallee-Großbauten noch wenige Jahre zuvor eine Absage erteilt wurde.


Aber welcher DDR-Architekt hat den Berliner Fernsehturm gebaut?

Wie kein anderes Ost-Bauwerk hat der Fernsehturm es zum Gesamtberliner Wahrzeichen gebracht. Anspruch auf die Urheberschaft erheben viele DDR-Architekten in Berlin. Foto: Imago Images/Schöning
Wie kein anderes Ost-Bauwerk hat der Fernsehturm es zum Gesamtberliner Wahrzeichen gebracht. Anspruch auf die Urheberschaft erheben viele DDR-Architekten in Berlin. Foto: Imago Images/Schöning

Ein sozialistischer Staat überlässt die Arbeit den Kollektiven. Für exzentrische Genies gab es weder Platz noch Bauland – ganz abgesehen davon, dass komplexe Vorhaben für ihre Umsetzung auch große Teams brauchen. Dass eine große Urheberrechtsfrage der DDR-Architektur in Berlin nicht abschließend geklärt ist, kann trotzdem überraschen: Wer hat den Fernsehturm gebaut?

Einen Entwurf lieferte Hermann Henselmann 1958 und pfiff wahrscheinlich leise die Internationale, als er seine Studie „Turm der Signale“ taufte. Chefarchitekt des Projekts war Gerhard Kosel, wurde aber 1965 vor Baubeginn abgesetzt. Und besonders die Gestaltung der markanten Kugelform beanspruchen Günter Franke und Fritz Dieter für sich. Nach der Wende wurde der Streit vor Gericht getragen, allerdings ohne Ergebnis: Die beteiligten Architekten sind mittlerweile verstorben. Am Wahrzeichencharakter ändert das nichts: Alles Wichtige zum Berliner Fernsehturm lest ihr hier.


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