Geschichte

12 verschwundene Berliner Kinos: Der flimmernde Glanz alter Zeiten

Berlin ist die Stadt der verschwundenen Kinos. In rund 400 warfen Projektoren Bilder auf riesige Leinwände, sammelte sich süßes Popcorn in Sesselritzen, zuckten, weinten, lachten die Menschen im Publikum. Verschwundene Kinos sind in der Überzahl, nur noch rund 100 Filmtheater sind übrig. Dabei sah es damals noch rosig aus. Im frühen 20. Jahrhundert erlebte die Stadt einen Boom, ausgelöst durch Thomas Edison, William Dickson und die Brüderpaare Lumière und Sklandanowsky. Ersterer stellte einen Schaukasten vor, in dem Menschen Bewegtbilder sehen konnten, letztere bauten erste Kinematografen. Das Kinozeitalter war eingeleitet.

Es folgten Verbesserungen und erste Filmvorführungen, zunächst nur in kleinen Räumen in Restaurants oder Kneipen. Mit der Begeisterung wuchsen auch die Spielstätten. Erste Kinos entstanden, viele weitere folgten – und mussten mit der Zeit wieder schließen, so schön sie auch waren. Wir blicken zurück auf 12 verschwundene Kinos in Berlin.


Wilhelmshallen

Verschwundene Kinos in Berlin: Dieses Bild entstand, als es das erste Kino in den Wilhelmshallen bereits nicht mehr gab. Foto: gemeinfrei
Verschwundene Kinos in Berlin: Dieses Bild entstand, als es das erste Kino in den Wilhelmshallen bereits nicht mehr gab. Foto: gemeinfrei

Den Anfang der Berliner Kinokultur machte das Restaurant Wilhelmshallen Unter den Linden 21 (heute 39). 1886 zeigten die Betreiber:innen erste Bewegtbilder in einem separaten Saal. Oskar Messter übernahm das Theater. Er brachte bereits eigene Filmprojektoren auf den Markt, hatte entsprechend Expertise vorzuweisen. Außerdem stattete er das Kino mit seiner Technik aus, was ihm als Unternehmer sehr wahrscheinlich zugute kam. Zeitgleich gründete Messter sein eigenes Atelier, in dem er Stummfilme produzierte.

Nichts mit besonderer Dramaturgie, einfache Aufnahmen von Berlin oder dem deutschen Kaiserpaar. Gezeigte Filme unterstrich er mit Phonographenmusik. Zuschauer:innen waren begeistert, wenn auch nur für wenige Monate. Der Zustrom nahm ab, das Kino musste schließen. 1910 eröffnete das Union-Theater an selber Adresse. Das hielt sich ein paar Jahre länger, musste aber auch dichtmachen. Wie lange es überlebte, ist unklar. Eine Annahme ist bis 1922 im Laufe der Inflation. Wie dem auch sei, das Kino gibt es längst nicht mehr.

  • Wilhelmshallen Unter den Linden 39, Mitte

Verschwundene Kinos in Berlin: Edison-Theater

Ein Nachzügler des Kinos in den Wilhelmshallen war das Edison-Theater an der Friedrichstraße. Foto: Gemeinfrei

Das Restaurant Wilhelmshallen ist der Patient Null des Berliner Kinobooms, obgleich dieser auf sich warten ließ. Allerdings packte auch andere das Kinofieber. Ebenfalls 1886 öffnete das Edison-Theater an der Friedrichstraße. Es zeigte aktuelle Ereignisse und primitive Spielfilme. Die technischen Möglichkeiten ließen schlicht noch keine bildgewaltigen Meisterwerke zu. Vielmehr handelte es sich um Aufnahmen von einfachen dramatischen Ereignissen, etwa einem Raubüberfall. Überhaupt die Möglichkeit zu haben, ein Ereignis auf einer Leinwand zu sehen, dürfte für viele Wow-Effekt genug gewesen sein.

  • Edison-Theater Friedrichstraße 85, Mitte

Ufa-Theater

Auch in schwarzweiß wirkt der mittlerweile verlorene Kinosaal des Ufa-Theaters prächtig. Foto: Gemeinfrei

Eine richtige Kinoheimat hatte die Wohlstandselite Berlins lange Zeit nicht. Das Union-Theater im großen Saal des Grand Hotels am Alexanderplatz sollte das 1909 ändern. Wer sich eine der Hochpreissuiten leistete, konnte gleich noch eine Vorstellung mitnehmen. Alles mit Schirm, Charme, Melone und viel Geld war herzlich eingeladen, Stummfilme mitsamt Orchesterbegleitung zu schauen. Massive Obelisken mit Bronzeschaukästen vermittelten ein pharaoeskes Überlegenheitsgefühl. Oben mag die Luft dünn sein, doch wer sie atmet, inhaliert Luxus. Bereits in den 1920er-Jahren stellten die Hotelbetreiber den Betrieb zu großem Teil ein, vermieteten viele Zimmer als Büroräume. 1945 wurde das Gebäude zerstört, das Kino war verloren.

  • Ufa-Theater Alexanderplatz 5-7, Mitte

Theater des Weddings

Auch im Wedding stand ein Palast mitsamt Kino. Foto: Gemeinfrei

Das Eckgebäude in der Sellerstraße 35 hatte lange vor dem Einzug der Commerzbank einen starken Bezug zur Filmkultur. Unter anderem war ein Filmstudio darin beheimatet, das die Betreiber ab 1910 auch als Lichtspielhaus nutzten. In den Dreißigern bekam die Außenfassade des Gebäudes ein Makeover. Größer, hübscher, moderner. Dazu kam der passende Name „Weddingpalast“. Im Zweiten Weltkrieg nahm es nahezu keinen Schaden, schließen musste es trotzdem, allerdings erst 1962. Rund zehn Jahre später folgte der Abriss des Kinos.

  • Theater des Weddings Sellerstraße 35, Wedding

Marienbad-Lichtspiele

Noch heute könnt ihr die schöne Außenfassade des Luisenbads sehen. Nur das Kino ist aus dem Haus verschwunden. Foto: Bodo Kubrak/CC BY-SA 4.0
Noch heute könnt ihr die schöne Außenfassade des Luisenbads sehen. Nur das Kino ist aus dem Haus verschwunden. Foto: Bodo Kubrak/CC BY-SA 4.0

Wo heute unter anderem die Bibliothek Luisenbad, eine der schönsten in Berlin, steht, befand sich früher eine Badeanlage mit Saunen: das Luisenbad (damals Marienbad). Ein zusätzlicher Konzert- und Theatersaal sorgte für kulturelle Abwechslung zu schwitzen und schwimmen. 1911 ließ der Eigentümer diesen zum Kinematographentheater umbauen. Da er darin bereits drei Jahre zuvor Filme zeigte, war diesbezügliche Erfahrung bereits vorhanden. 1963 war Feierabend, der Spielbetrieb eingestellt – und 1982 folgte der Abriss des Kinos. Das Gebäude an der Badstraße blieb jedoch bestehen. Wäre auch schade um die schöne Außenfassade.

  • Marienbad-Lichtspiele Badstraße 35/36, Gesundbrunnen

Kammerlichtspiel im Haus Potsdam

Ein Kino würde man in dem Gebäude zunächst nicht vermuten. Foto: Gemeinfrei

Jahre vergingen und die Kinos wurden pompöser. 1912 entstand das Haus Potsdam direkt am Potsdamer Platz. Zwar mangelte es dem Bauherrn hinsichtlich Namensfindung an Kreativität, dafür schuf er ein Zuhause für ein gewaltiges Lichtspielhaus mit rund 1200 Plätzen. Ein Café mit 2500 Sitzplätzen und mehrere Büros befanden sich ebenfalls im Gebäude. Unterhaltung, Gastro, Arbeit, Zweidrittel Vergnügungspalast, Eindrittel Jobhölle. 1929 folgten Umbauarbeiten, dank denen das Kino mehr Platz hatte und das Gebäude einen neuen Namen erhielt: Haus Vaterland. Nach zwei Bränden während des Zweiten Weltkriegs und einem weiten im Rahmen des Volksaufstands in der DDR wurde es allmählich aufgegeben. Die verwaiste Ruine wurde abgetragen und nach 1990 durch ein Büro- und Geschäftshaus ersetzt.

  • Kammerlichtspiel im Haus Potsdam Potsdamer Platz, Mitte

Kino Delphi

Kaum zu glauben, aber in dem Gebäude war lange das Delphi Kino. Foto: Sebastian Wallroth/CC BY 3.0

Es gab eine Zeit, in der war Weißensee ein Ballungsgebiet für Filmschaffende. Der damalige Berliner Vorort trug zeitweise den Titel „Klein-Hollywood“. 1913 bis 1929 entstand dort Film nach Film. Als die Ära endete, öffnete das Kino Delphi. 900 Menschen fanden in dem Kinosaal Platz, 13 Musiker:innen auf der Orchesterbühne, die Vorhänge waren aus Raupenseide. Groß und edel.

Den Zweiten Weltkrieg überstand es ohne große Schäden, weshalb die Verantwortlichen das Kino lediglich provisorisch reparieren ließen – das war ein Fehler: 1959 krachten Stuckteile in den Zuschauerraum und das Kino musste aufgrund seines Zustands schließen. Der Foyerbereich diente darauf als Gemüselager, Rewatex-Wäschereistützpunkt, Briefmarkengeschäft und, und, und. 2012 übernahm das Künstlerduo Brina Stinehelfer und Nikolaus Schäfer das Haus und gestalteten es zum Kulturort um.

  • Kino Delphi Gustav-Adolf-Straße 2, Weißensee

Marmorhaus Kurfürstendamm

Die Mamorfassade machte das verlorene Kino zu etwas ganz Besonderem. Foto: Willy Pragher/CC BY 3.0

Das Marmorhaus am Ku’damm machte seinen Anfang als Edelkino. Expressionistische Wandmalereien innen, eine Marmorfassade außen. 1913 startete es mit der Premiere zu „Das goldene Bett“, ein Stummfilm von Walter Schmidthässler. 1975 ließ die UFA das Kino um vier kleinere Säle, Schachtelkinos, erweitern. Den neugewonnen Platz nutzte sie auch gleich für sogenannte lange Filmnächste: zwölf Filme in vier Kinos zu einem Preis. Irgendwann folgte der Zuschauerschwund. Über eine Renovierung sollte das Kino gerettet werden, doch es half nichts. Die UFA verkaufte es 2001 und schloss damit das älteste Filmtheater am Kurfürstendamm. Heute befindet sich ein Geschäft der japanischen Lifestylekette Muji darin.

  • Marmorhaus Kurfürstendamm 236, Charlottenburg

Alhambra-Tonfilmbühne

Hier stand eines der vielen verlorenen Kinos Berlins. Mittlerweile könnt ihr dort im Club Havanna tanzen. Foto: Dirk Ingo Franke/CC BY 3.0

Im Hintergebäude eines Wohnhauses entstand ein sogenanntes Gesellschaftshaus mit großem Festsaal, der 1919 unter dem Namen Alfa-Lichtspiele als Kino diente. Zwar mussten Besucher:innen aus dem anliegenden Wohngebäude Eintritt zahlen wie alle anderen auch, dennoch entstand in dem Bezirk eine Wohnheimatmosphäre. Für Spaß waren keine lange Reisen nötig. 1924 gab es einen Namenswechsel zu Alhambra-Tonfilmbühne. Für die Kinoprofis unter euch: ein Cineplex in Wedding ist der moderne Namensvetter. Seit 1943 gibt es das Kino nicht mehr. Es folgten neue Mieter:innen, vorwiegend Bars und Clubs. Heute findet ihr dort das Havanna Berlin.

  • Alhambra-Tonfilmbühne Hauptstraße 30-31, Schöneberg

Mercedes-Palast

Auch wenn die Heimat des verlorenen Kinos Mercedes Palast heißt, sollen die Preise eher bürgerlich gewesen sein. Foto: Unbekannt/CC BY-SA 3.0

Als der Mercedes Palast 1927 eröffnete, war er das größte Filmtheater Europas. Der Saal beherbergte 2300 Plätze, ein Orchester hatte ebenfalls Platz. Die Zwanziger waren das goldene Zeitalter des Neuköllner Kinos. Der Architekt, Fritz Wilms, ließ den Palast innen pompös wirken, berücksichtige dennoch die soziale Struktur Neuköllns. In die seitlichen Flügel zogen eine Stehkneipe und eine Kneipe für das bürgerliche Volk. Auch die Preise dort sollen moderat gewesen sein, was das Kino umso beliebter machte. 1962 musste das Kino schließen.

  • Mercedes-Palast Hermannstraße 214, Neukölln

Roxy Palast

Die Fensterbänder sollen Filmstreifen darstellen, um an das Zuhause des ehemaligen Roxy Palasts zu erinnern. Foto: Imago/Schöning

1929 als Kino- und Bürogebäude errichtet, ist das Roxy noch heute rudimentär in dem mittlerweile anderweitig genutzten Bau zu erkennen, mit ein wenig Fantasie. Die Fenster sollen etwa Filmstreifen darstellen. Im Zweiten Weltkrieg nahm es starke Schäden, zeitweise musste das Kino raus. Nach einer Wiederherstellung, 1951, kam es zurück und hielt sich knapp zwei Jahrzehnte. Ein Club folgte, der nach einem Bombenattentat 1986 wieder schloss. Danach zogen Mieter:innen ein und aus. Berliner Treiben.

  • Roxy-Palast Hauptstraße 78/79, Friedenau

Adler-Lichtspiele

Damals konnten Menschen hier essen, trinken und im Adler-Lichtspiele, einem mittlerweile verlorenen Kino, Filme schauen. Foto: Gemeinfrei

Seit 1900 bewirtete der Gasthof „Schwarzer Adler“ alltagsgebeutelte Gäste und Anreisende. Es lief gut. Alkohol floss, Speisen wanderten über die Tische, leergekratzte Teller zurück in die Küche. Rund 50 Jahre später, 1952, wollte ein neuer Besitzer den Betrieb ausbauen. Er richtete im großen Saal des Hotels ein Kino ein. Es hielt sich jedoch nur zehn Jahre. Immer weniger Menschen suchten den Gasthof auf, das Adler musste schließen. Noch heute werden dort Menschen bewirtet, allerdings in neuen Lokalen, wie so viele Berliner Kinos ist das Adler verschwunden. Aber vielleicht läuft in der heute dort beheimateten Shisha-Bar „The Room“ gelegentlich ein Fernseher.

  • Adler-Lichtspiele Mariendorfer Damm 96-98, Schöneberg

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