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Berlin verstehen

Quartier Latin, Magnet, Tempodrom: Legendäre Konzertorte in Berlin, die nicht mehr existieren

Hier blicken wir auf legendäre Konzertorte in Berlin zurück. Venues, Clubs und Locations wie das Quartier Latin in West-Berlin oder die Werner-Seelenbinder-Halle im Osten. Orte also, in denen Musik live gespielt wurde und die bis heute für eine bestimmte Ära stehen, jetzt aber aus dem Stadtbild verschwunden ist. Was bleibt, sind die Erinnerungen an laute, dramatische und beschwingte Nächte. Ob Popikonen wie Tina Turner und Frankie Goes To Hollywood, die vor Massen auftraten, oder die Red Hot Chili Peppers, die 1988 noch vor ein paar 100 Leuten im Loft spielten, oder aber längst vergessene Undergroundbands wie Go Plus, die 1999 in der angesagten Galerie Berlintokyo spielten. Natürlich gab es in Berlin noch viel mehr unvergessliche Konzertorte, das sind aber die 12, die uns besonders am Herzen liegen.


Quartier Latin

Konzert im Quartier Latin der Band Serious Drinking, 1985. Foto: Imago/Brigani-Art
Konzert im Quartier Latin der Band Serious Drinking, 1985. Foto: Imago/Brigani-Art

Christa und Manfred Saß übernahmen 1972 ein altes Kinogebäude in der Potsdamer Straße. Ab 1974 entwickelte sich das nach dem sagenumwobenen Pariser Viertel benannte Quartier Latin zum Hotspot der Musikszene in der Mauerstadt. Hier spielten Element of Crime, die Ton Steine Scherben und der Freejazzer Peter Brötzmann genauso wie die Einstürzenden Neubauten, Udo Lindenberg, Nina Hagen und Die Ärzte, auf deren Geschichte wir hier zurückblicken. Bis 1989, als das Quartier Latin wegen zur hoher Mietforderungen dicht machen musste. Seit 1992 bespielt das Wintergarten-Varieté die Räumlichkeiten.


Deutschlandhalle

Tina Turner in der Deutschlandhalle, 1987. Foto: Imago/Brigani-Art
Tina Turner in der Deutschlandhalle, 1987. Foto: Imago/Brigani-Art

Gebaut wurde die erste Deutschlandhalle bereits 1935. Im Krieg wurde die bis zu 16.000 Menschen fassende Halle, in der Shows, Sportereignisse und NS-Propagandaveranstaltungen stattfanden, zerstört und erst 1957 wiedereröffnet. Bis zur Schließung 1998 war die Deutschlandhalle die erste Adresse für die Rock- und Pop-Revolution in Berlin. Hier spielten legendäre Musiker und Bands wie Jimi Hendrix, David Bowie, The Who, Pink Floyd und die Rolling Stones.


Music Hall/Loft

Red Hot Chili Peppers im Loft Berlin, v.li.: Michael Flea Balzary, Jack Irons, Anthony Kiedis, 5. Februar 1988. Foto: Imago/Brigani-Art
Red Hot Chili Peppers im Loft Berlin, v.li.: Michael Flea Balzary, Jack Irons, Anthony Kiedis, 5. Februar 1988. Foto: Imago/Brigani-Art

Monika Döring schrieb im West-Berlin der 1980er-Jahre als Konzertveranstalterin Geschichte, ohne sie und das Loft hätte die Subkultur ganz anders ausgesehen. Sie organisierte hunderte (wenn nicht tausende) Konzerte, anfangs in der Music Hall in der Rheinstraße in Steglitz und später im legendären Loft am Nollendorfplatz. Unter anderem holte Döring damals kaum bekannte Bands wie The Birthday Party, Cabaret Voltaire, Sonic Youth und Stiff Little Fingers nach Berlin. Auch die Red Hot Chili Peppers gaben ihr Berlin-Debüt im Loft vor einigen hundert Fans. 


Knaack

Hinterhof vom Knaack-Klub, 1998. Foto: Imago/Seeliger
Hinterhof vom Knaack-Klub, 1998. Foto: Imago/Seeliger

Von 1952 bis 2010 residierte der Knaack-Klub erst in der Knaackstraße und später in der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg, er gehörte zu den wichtigsten Musikorten in Ost-Berlin und nach der Wende auch in der wiedervereinigten Stadt. Punk-Bands wie die UK Subs und Die Skeptiker, Indie-Bands wie Dandy Warhols, Madrugada und Motorpsycho spielten hier durchgeschwitzte Konzerte, selbst Rammstein traten 1994 in dem kleinen Klub auf. Doch 2010 besiegelte die Gentrifizierung des Prenzlauer Bergs das Ende der legendären Institution. Zugezogene Nachbarn beschwerten sich über den Lärm und klagten den Knaack-Klub raus.


Eissporthalle

Frankie Goes to Hollywood in der Eissporthalle Berlin, 1987. Foto: Imago/Brigani-Art
Frankie Goes to Hollywood in der Eissporthalle Berlin, 1987. Foto: Imago/Brigani-Art

Bis 2001 befand sich die Eissporthalle an der Jafféstraße in Westend, unweit der Deutschlandhalle. An sich war der Ort für Eishockeyspieler ausgelegt, doch fanden hier regelmäßig auch Konzerte statt. Und was für welche! So spielten hier die Rock-Götter Led Zeppelin am 7. Juli 1980 ihr allerletztes Konzert in Originalbesetzung. Auch die irischen Helden The Pogues gaben 1990 in der Eissporthalle ein unvergessliches Konzert. Und überhaupt spielte in der Eissporthalle alles, was Rang und Namen im Pop und Rock hatte: von Meat Loaf, Motörhead und ZZ Top über Peter Gabriel, Frank Zappa, Dire Straits bis zur Nina Hagen Band.


Werner-Seelenbinder-Halle

Die Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin, 1990. Foto: Imago/Kohlmeyer
Die Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin, 1990. Foto: Imago/Kohlmeyer

Die Werner-Seelenbinder-Halle in der Paul-Heyse-Straße in Prenzlauer Berg war so etwas wie das Ost-Berliner Gegenstück zur Deutschlandhalle. 1966/67 wurde der Mehrzweckbau in seiner letzten Form eröffnet und Radrennbahn, Eishockeyarena und Austragungsort von DDR-Meisterschaften in verschiedenen Sportarten. Nicht zuletzt gastierten hier aber zu DDR-Zeiten auch internationale Rock- und Popgrößen wie em Solomon Burke, The Neville Brothers und Shakin’ Stevens. Vor allem der Auftritt von Depeche Mode im Jahr 1988 war von allergrößter Bedeutung für Musikfans im SED-Staat. Am 3. März 1990 spielten dort die damals wichtigsten Vertreter der DDR-Subkultur The Fate, Herbst in Peking u.a. Heute befindet sich auf dem Gelände das Velodrom.


Postbahnhof

Postbahnhof am Ostbahnhof, 2005. Foto: Imago/Kai Bienert
Postbahnhof am Ostbahnhof, 2005. Foto: Imago/Kai Bienert

Auch der Postbahnhof ist ein Symbol des Stadtwandels, das Gebäude in unmittelbarer zum Ostbahnhof diente bis 2017 als Konzertort. Heute ist es kernsaniert und befindet sich inmitten des gewaltigen Neubaugebiets, das mit dem Mercedes-Benz-Platz und der Mercedes-Benz Arena (ab März 2024 Uber Arena am Uber Platz) am U+S-Bahnhof Warschauer Straße beginnt. Zwischen 2004 und 2017 spielten hier vorrangig Folk- und Indiebands wie The Felice Brothers, Jason Isbell and the 400 Unit und Scissor Sisters aber auch Songriter wie Adam Green, Jake Bugg und Laura Marling sowie alte Helden und Ikonen wie Sonic Youth, Uriah Heep und Suzanne Vega.


Haus der jungen Talente

Fans und Musiker nach einem Free-Jazz-Konzert im Keller im Haus der Jungen Talente in Mitte. Aufnahme von 1982. Foto: Imago/Ilse Ruppert/Photo12
Fans und Musiker nach einem Free-Jazz-Konzert im Keller im Haus der Jungen Talente in Mitte. Aufnahme von 1982. Foto: Imago/Ilse Ruppert/Photo12

Die biederen SED-Bonzen haben die Rechnung ohne die Freaks, subversiven Künstler und Rockfans gemacht. Die hatten meist keinen Bock auf Saufen bei schlechtem Licht und an hässlichen Resopaltischen. Man hörte westliche Popmusik, Punk oder Jazz, ließ die Bärte und Haare wachsen und diskutierte jenseits der staatlichen Ordnung über den Klassenfeind, einen Sozialismus mit anderem Antlitz. Das Foto zeigt einige Vertreter der jungen Generation im Jahre 1982 bei einem Konzert im Haus der Jungen Talente.


Das alte Tempodrom

Das Tempodrom im Zelt am Tiergarten, 1988. Foto: Imago/Jürgen Ritter
Das Tempodrom im Zelt am Tiergarten, 1988. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Irene Moessinger und das Tempodrom gehören zum Mythos West-Berlin. Das Zelt unweit des heutigen Kanzleramts war das Herz der alternativen Szene in West-Berlin, Musiker wie Nick Cave, der zu jener Zeit in Berlin lebte, die Einstürzenden Neubauten, aber auch internationale Stars wie Bob Dylan sowie Kabarett-Veranstaltungen und das Weltmusik-Festival „Heimatklänge“ fanden dort statt. Auch das Abschiedskonzert für den 1996 verstorbenen Ton-Steine-Scherben-Sänger Rio Reiser wurde im Tempodrom organisiert. Heute steht das neue Tempodrom, ein stabiler Betonbau, der architektonisch an ein Zelt erinnern soll, am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg.


Magnet Club

Konzert von Die Antwoord im Magnet Club Berlin, 2010. Foto: Imago/POP-EYE/Haering
Konzert von Die Antwoord im Magnet Club Berlin, 2010. Foto: Imago/POP-EYE/Haering

Der Magnet Club hat eine durchwachsene Geschichte. Entstanden ist der Club aus dem Miles, das an der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg beheimatet war. Hier fanden vor 100 bis 200 Leuten meist Newcomer-, Indie- und Underground-Konzerte statt. Frühe Konzerte von Bands, die später richtig groß werden sollten. Etwa The Gaslight Anthem, Die Antwoord (Foto), Arctic Monkeys oder Mando Diao.


Galerie Berlintokyo

Go Plus in der Galerie Berlintokyo, 1999. Foto: Imago/Brigani-Art

Es war dann doch nicht alles Techno im Berliner Nachtleben der 1990er-Jahre. In Clubs der Galerie Berlintokyo spielten blasse Jungs in Cordhosen und Hemden vom Flohmarkt mit blassen Mädchen in Cordröcken und Blusen vom Flohmarkt, einen entrückten Sound zwischen Pop, Postrock und Elektronik. Ihre Bands hießen Jeans Team, Contriva oder Mina. In dem Umfeld wurde um 1994 das einflussreiche Label Kitty-Yo von Raik Hölzel und Patrick Wagner, der damals bei Surrogat spielte, gegründet. Hier erschienen Platten von wichtigen Berliner Acts wie Tarwater und To Rocco Rot. Schon bald sollten zwei zugereiste Kanadier den Absprung aus dem charmanten Berliner Biotop in internationale Gewässer schaffen: Peaches und Gonzales. In seinem sehenswerten Dokumentarfilm Berlinized – Sexy an Eis erzählt Regisseur Lucian Busse von der damaligen Zeit.


Maria am Ostbahnhof

Abhängen vor dem Maria am Ostbahnhof, 2001. Foto: Imago/David Heerde

Das Maria am Ostbahnhof stand an der Kreuzung der Berliner Technoszene und des subversiven Pop-Undergrounds. Anfangs feierte man in einem Lagerhaus des Postbahnhofs, direkt am Ostbahnhof. Bands wie Elbow, Editors und Archive spielten hier ab 1998, und an anderen Nächten legten DJs auf. Ende 2002 musste das Team umziehen, es ging an die Spree, wenige hundert Meter entfernt. Fortan hieß die Location Maria am Ufer, wo sowohl das CTM-Festival (damals noch als Club Transmediale bekannt) einmal im Jahr Konzerte veranstaltete aber auch der notorisch übel gelaunte Mark E. Smith mit seiner Band The Fall gerne auftrat. 2011 war es damit vorbei. Kurzzeitig hieß der Ort dann Magdalena und seit 2014 ist es die Heimat des Yaam Clubs.


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