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Kommentar

Koks-Berge und Geheim-Raves? So wild feiert Berlin trotz Corona – oder nicht?

Das ist also dieses verrückte Berlin. Diese Hauptstadt der Geheim-Raves, in der sich alle um den Verstand feiern. Durch die von Spandau bis Lichtenberg eine einzige Linie Koks verläuft – an der sich jeder vergeht, so wie Geldbeutel und Laune es hergeben. Corona? Nicht mit uns! Denn wir feierwütigen Hedonisten haben statt Pasta Pferdebetäubungsmittel (Ketamin! Knallt so schön!) gehamstert, Klopapier brauchen unsere ausgezehrten Kokskörper schon lange nicht mehr. Wir scheißen Sternenstaub!

Oder? Oder etwa nicht? Doch, findet die englische Ausgabe der Financial Times. In einem Artikel, der in diversen einschlägigen Facebook-Gruppen schon mit ausgesprochener Häme übergossen wurde, erklärt eine Korrespondentin den Lesern eben genau das.

Krasser Rave, wo ist das Koks – feiert Berlin trotz Corona-Krise einfach weiter? Angeblich ja. Wir haben Zweifel. Foto: imago/allOver-MEV
Krasser Rave, wo ist das Koks – feiert Berlin trotz Corona-Krise einfach weiter? Angeblich ja. Wir haben Zweifel. Symbolbild: imago/allOver-MEV

Sie habe mit Dealern gesprochen, und die berichteten von dem Geschäft ihres Lebens. Die Berliner bunkern angeblich Betäubungsmittel in einem Umfang, in dem Backblogger sonst Mehl verbrauchen. Denn alle haben sie Angst, dass der ewige Fluss an Drogen in der Hauptstadt plötzlich kein Liquid Ecstasy mehr führt. Zudem brauchen sie den Stoff. Dringend!

Denn, so weiß die Korrespondentin ganz genau: In alten Fabriken, in leeren Wohnungen finden exzessive Raves statt. Späher würden positioniert, falls die Polizei doch auf die Spur kommt. Um dabei zu sein, kauften die Berliner Raver für 100 Euro Tickets vorab.

100 Euro für Geheim-Raves? In Berlin? Ähhhmmmm….

Und genau da hört es auf. Wer in Berlin gibt denn bitte 100 Euro für Geheim-Raves aus? Sorry, but we have to laugh. Denn gerade die Feierszene in den Technoclubs lebt im Querschnitt nicht gerade auf dem größten Fuß. Kreative, Kaputte, klar, auch ein paar Korrespondent*innen. Aber selbst denen dürften 100 Euro für eine durchschnittliche Rave-Party, wie sie – hoffentlich – in ein paar Wochen wieder im Dutzend billiger in Berlin stattfinden, dann doch etwas zu viel des Guten sein.

Zumal in der tipBerlin-Redaktion – in der manche auch ganz gern mal feiern gehen – eher das Gegenteil bemerkt wird: Freunde, Bekannte, Berghain-Dauerkarten-Besitzer, sie alle sind ausgesprochen strikt, folgen der Corona-Verordnung. Ein paar haben wohl mal ein, zwei Freunde zu Gast. Aber im Großen und Ganzen ist die geheime Untergrund-Party-Welt doch eher ein Fantasiegespinst.

Sündenpfuhl Berlin? Sorry, gerade mal nicht

Auch haben kurze Gespräche mit ein paar Freunden, die Freunde haben, die Dealer kennen, ergeben: Es gibt schlicht keinen Mangel in der Stadt. Was logisch ist: Die Dealer sitzen ja auf ihren Vorräten. Denn das, was sonst die Touristenhorden in der Samstagnacht wegziehen und -schlucken, gammelt gerade in diversen Verstecken vor sich hin. Einer sagte, anfangs sei mehr Gras gefragt gewesen, langsam wieder mehr hartes. „Ein paar sind süchtig, ein paar feiern allein, ein paar machen kleine Treffen. Aber nichts großes.“

Vielleicht liegen wir ja auch völlig falsch. Aber diese Beschreibung des Sündenpfuhls, auf die die Berliner Feierszene ja nun auch ein bisschen stolz ist, trifft leider gerade nicht einmal unter Clickbaiting-Gesichtspunkten zu.

Und dann noch eins: Das Bild aus dem Berghain, das in dem „FT“-Artikel die ganze Feier-Dramatik unterstreichen soll. Das Bild ist aus der Berghain-Kantine. Einer Konzert-Venue right next to Berghain. Nicht mal das hat geklappt.

Techno-Club? Schwachsinn! Der Supermarkt ist das neue Berghain – anstehen für alle! Bis es wirklich weitergeht: Die Party (oder Oper) einfach per Stream ins Haus holen. Und natürlich gibt es richtig viele Sachen, auf die wir uns nach Corona freuen. Aber erst einmal ist Ostern, wozu man in diesem Jahr auch einiges wissen muss. Und irgendwann dann eben wieder Techno und Clubkultur – die uns tatsächlich wichtig ist.

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